03.02.2012

Club Transmediale: Die Stunde der Wiedergänger

Von Jens Balzer
Supersilent (Musik) und The Joshua Light Show (psychedelische Projektionen) am Mittwochabend im Haus der Kulturen der Welt.
Supersilent (Musik) und The Joshua Light Show (psychedelische Projektionen) am Mittwochabend im Haus der Kulturen der Welt.
Foto: Roland Owsnitzki
Berlin –  

Hippiegeister, Technogeister, Geister aus der Vergangenheit: ein Rundgang über den Club Transmediale.

Zur Spannung noch die Gänsehaut! Ein ganzer Reigen ätherischer Wesen und musikalischer Spukgestalten geistert seit Montag durch die Clubs und Konzertsäle der Stadt: Hippiegeister, Technogeister, Geister aus der Maschine und Geister aus den Untiefen des Unbewussten. "Spectral" lautet das Thema des diesjährigen Club Transmediale; die Geister, die in dem reichen und rundum dunkelbunten Festivalprogramm gerufen werden, sind die Geister der nicht mehr vergehenden popkulturellen Vergangenheit. In Zeiten universaler Verfügbarkeit jeder jemals aufgenommenen Musik hat die Geschichte die Gegenwart unwiderruflich durchdrungen: Kein Klang verschwindet mehr, nichts wird endgültig begraben, es wimmelt vor Wiedergängern und Untoten. Beim Club Transmediale gibt es aus diesem Grund geistvolle Gruselmusik zu erleben, aber auch gruselige Konzerte, die einem gewaltig auf den Geist gehen - wie am Montag beim Eröffnungskonzert im HAU 1, bei dem ein Trio historische Fiep- und Brummtöne der elektroakustischen Komponistin Eliane Radigue mit Cello und Holzbläsern nachbrummt und -fiept; eine Musik, die so gespenstisch regungslos zufrieden in sich selbst ruht, dass sie auf Zuhörer ebenso gut verzichten kann wie die Zuhörer auf sie.

Am zweiten Abend, dem Dienstag, kann man alsdann im Berghain eine Riege von konstruktivistischen Techno-Künstlern beim Kampf mit den Geistern in ihren Maschinen erleben: etwa den aus Sheffield stammenden Produzenten Mark Fell, der seine Kompositionen aus unfassbar komplex miteinander interagierenden Algorithmen zu erstellen pflegt und angesichts der im Ergebnis aus seinen Geräten hüpfenden unerklärlichen Geräusche und rundum ungeraden Rhythmen manchmal ebenso überrascht wirkt wie seine Hörer. Wobei am Dienstag zweifellos jene Hörer am überraschtesten sind, die zu der Musik von Mark Fell auch noch zu tanzen versuchen. Denn so wundersam wiedergängerhaft sich seine Dynamik und Sounds plötzlich an traditionellen Techno-Schemata zu orientieren scheinen - weit voluminöser und druckvoller auch als auf seinen Studioproduktionen -, so verlässlich geraten die Beats immer wieder ins Stolpern, und so verlässlich brechen die musikalischen Erregungskurven zusammen, bevor sich irgendeine länger anhaltende Euphorie einstellen kann. Toll! Insbesondere dann, wenn man auch in Negation und Versagung die Schönheit zu entdecken vermag.

Die im herkömmlich romantischen Sinn schönste Geistererscheinung der ersten Festivaltage ist wiederum am Mittwochabend im Haus der Kulturen der Welt zu bestaunen: Hier musiziert das norwegische Improv-Quartett Supersilent mit wüstem Schlagzeug, geisterhaft schreiendem Laptop und einer zwischendurch auch mal die Lage beruhigenden, original skandinavisch-melancholischen Trompete zu prächtigen Projektionen der kalifornischen Künstlergruppe Joshua Light Show. Schillernde Schlieren in gewaltiger Größe schweben ruhig über dem hektischen Krach; manchmal blühen auch Blumen und bunte Büschchen und funkeln von fern kalte Sterne. Und das alles wird mit technischen Mitteln erzeugt - mit Diaprojektoren und rotierenden Rädern, aber auch allerlei öligen Flüssigkeiten im Glas -, die bewusst auf dem Stand der 60er-Jahre geblieben sind. Gruppengründer Joshua Light hat weiland schon die Besucher von Grateful-Dead- und Jimi-Hendrix-Konzerten mit psychedelischem Geflacker beduselt. Heute erfreut er die von der Digitalisierung ermüdeten Augen mit schicker Vintage-Ästhetik - der Geist ist hier gewissermaßen aus der Lavalampe gekommen.

Nicht alle Geistererscheinungen sind nun so gemütlich wie diese: Das kann man ein paar Stunden später in der Berghain Kantine erleben. Hier beschwört William Bennett in seinem neuen Projekt Cut Hands die Geister einer Vergangenheit, die eben nicht aus nostalgischen Erinnerungen besteht, sondern aus Unterdrückung und Gewalt - es sind dies die Geister des Kolonialismus. Bei Reisen durch Afrika hat Bennett dort Perkussionsinstrumente aller Art gesampelt; deren Sounds und die dazugehörigen rhythmischen Muster verbindet er nun mit den schneidend-schmerzenden Tönen, die man seit den 80er-Jahren von seiner Band Whitehouse kennt. Beim Konzert zeigt er dazu wacklig verbleichende Filme vom Beginn des 20. Jahrhunderts, in denen man etwa versklavte Afrikaner in den Parade-Uniformen ihrer Unterdrücker sieht. Faszinierend - und ergreifend -, wie aus einer eigentlich so maskulinen Musik wie dem Bennett’schen Störgerauschkrach plötzlich ein zärtliches Requiem wird: durch den Kontrast zwischen Bildern und Sounds, zwischen gegenwartslosen Schmerzklängen und den geschichtsgesättigten Rhythmen und Samples. Ein unerhört intensiver und ernster Auftritt - eine Geistermusik, die einen nicht nostalgisch gewärmt, sondern tief berührt und verstört in die Kälte entlässt.

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