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Berliner Zeitung | Comedy im ZDF: "Sketch History" stellt Geschichte auf den Kopf
08. October 2015
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Comedy im ZDF: "Sketch History" stellt Geschichte auf den Kopf

Antoine Monot Jr. als Merlin am Tisch der Ritter der Tafelrunde

Antoine Monot Jr. als Merlin am Tisch der Ritter der Tafelrunde

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ZDF/Kristof Galgoczi Nemeth

Er ist gleich noch mal da! Seit gestern geistert Adolf Hitler wieder im Kino umher. Im ZDF hatte er stets seinen Stammplatz, nun auch in der „Sketch-History“. „Ich finde, ich bin zu Tode parodiert worden“, beschwert er sich mit schnarrender Stimme. „Dabei spreche ich eigentlich recht normal.“ Holger Stockhaus spielt Hitler nicht nur im „Zeitzeugen-Interview“, sondern auch in den Szenen seines letzten Tages zwischen Trauung und Selbstmord. Hier übernimmt Eva Braun (Judith Richter) das Kommando, deren einzige Sorge ist: „Was sollen die Leute von uns denken!“

Geschichte ist gerade im ZDF so oft aufgearbeitet worden, ob dienstags in der Ära Guido Knopp, dem der Liedermacher Rainald Grebe mal unterstellte, er lebe in einer WG mit Hitler und anderen Senioren, oder am Sonntag in Formaten wie „Terra X“. Bislang waren die Parodien eher unfreiwillig, etwas wenn die ZDF-Historiker mittels „Re-Enactment“ versuchten, Mittelalter, Weltkrieg oder DDR nachzuspielen. Vor vier Jahren reiste Hape Kerkeling für das ZDF durch die Weltgeschichte und ließ sich unterwegs als Pharao Echnaton, Odysseus, Queen Victoria oder Karl Marx verkleiden – auch diese Zeitreise hatte schon komische Züge.

Nun aber soll „Sketch-History“ ganz unbefangen mit der Geschichte spielen. Chefautor Chris Geletneky, der sich schon Stories für „Pastewka“ und „Ladykracher“ ausdachte, nennt Monty Python und „Forrest Gump“ als Vorbilder. Das Team habe sogar mit dem Gedanken gespielt, am Ende jeder Sendung Guido Knopp auftreten zu lassen und ihn alle historischen Fehler korrigieren zu lassen. Doch der Respekt vor dem Professor war zu groß, um ihn tatsächlich anzufragen. Nun kommentiert Bastian Pastewka das bunte Kostümfest, das wild zwischen den Jahrhunderten hin und her springt: Er gibt im Off den blasierten Auskenner, der eigentlich gar nichts weiß.

Bounty-Meuterei wegen Pediküre-Set

Wie hier History zur Comedy umgedeutet wird, zeigt die erste Spielszene: Die Meuterer auf der „Bounty“ werfen ihren Kapitän über Bord – weil der ihre Sorgen um temperierten Wein, genügend Pediküre-Sets und weiche Kokosmatratzen nicht genügend ernst genommen hat. Auch wenn die Südsee aus dem Computer schwappt, so war doch der Aufwand für Sets, Kostüme, Maske und Frisuren ungewöhnlich hoch für ein Comedy-Format. Deshalb sind manche Sketche etwas länger als gewohnt, erklärt Chris Geletneky, der auch aus Producer fungierte. Manchmal macht das Auswalzen von Gags sogar Spaß, wenn sie mit immer neuen Details angereichert werden – maue Sketche werden allerdings noch mauer.

Keine Scheu kennen die Autoren auch vor Hitler und Co. So ruft Joseph Goebbels (Matthias Matschke) nur deshalb den totalen Krieg aus, weil kein Parteigenosse im Sportpalast seine schlechten Witze mehr hören kann. Da war „Switch Reloaded“ mit den Szenen vom „Obersalzberg“ deutlich origineller.

Überhaupt erinnert „Sketch-History“ oft an „Switch Reloaded“. So parodieren die Mittelalter-Dialoge mit Frau „Frettchengesicht-Kartoffelnase“ die blutig-erdigen Fernsehfilme mit der „Wanderhure“ oder der „Pilgerin“. Max Giermann, der hier zeigt, dass Julius Cäsar ein Urahn von Klaus Kinski war, war für das ProSieben-Format schon in Dutzende Rollen geschlüpft. Auch Mitspieler wie Matthias Matschke, Alexander Schubert oder Antoine Monot Jr. haben ihre komischen Talente schon bewiesen. Für die wenigen Frauenrollen sind Isabell Polak und Judith Richter zuständig.

Dabei hatte sich Judith Richter lange gegen derartige Sketch-Formate gesträubt – ihre Mutter Beatrice Richter war einst die Partnerin von Diether Krebs in „Sketchup“ und galt seitdem als „Ulknudel“. Judith Richter spielte vom Schultheater an am liebsten dramatische Rollen. Erst seit der Sat.1-Comedy „Two Funny“ wagte sie sich an komische Auftritte – ihren damaligen Partner Alexander Schubert trifft sie nun wieder. Sie nennt die über 400 Sketche ihre zweite Schauspielschule.

In „Sketch-History“ spielt sie mit Maria Stuart und Eva Braun gleich zwei Frauen kurz vor dem Tode – für schwarzen Humor ist Judith Richter immer zu haben. Dafür muss sie nicht mal ZDF-Geschichtssendungen wie „Hitlers Frauen“ kennen.