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Comic „Das Erbe“: Majdanek steckt sogar Auschwitz in die Tasche

Mikas schaurig-groteske Begegnung in Warschau: Die Nazi-Schergen stellen sich als Film-Komparsen heraus.

Mikas schaurig-groteske Begegnung in Warschau: Die Nazi-Schergen stellen sich als Film-Komparsen heraus.

Foto:

Carlsen

Okay, Montag Treblinka, Dienstag Majdanek…“ Der Lehrer stellt seiner Klasse das Besuchsprogramm in Polen vor. Er ist ein erfahrener Reiseleiter und weiß seine Schüler mit der Aussicht zu begeistern, dass Majdanek sogar „Auschwitz in die Tasche steckt, viel grausamer ist“. Was für ein wunderbarer Auftakt, welch gelungene Einstimmung auf das Thema. Nein, um den Holocaust-Tourismus geht es Rutu Modan in ihrem neuen Comic „Das Erbe“ nur am Rande. Vielmehr hat sich die israelische Zeichnerin den legeren bis frivolen, in jedem Fall aber niemals nur pietätvollen Umgang mit dem Menschheitsverbrechen vorgenommen. Es stellt gewissermaßen ein Erbe dar, das sich nicht nur gedenkpolitisch bewirtschaften lässt.

Die Eingangsszene spielt in einem Flugzeug auf dem Weg von Jerusalem nach Warschau. Der von seinem Unterhaltungsauftrag erfüllte Lehrer kennt kein Erbarmen. Neben ihm sitzt Mika, von der er sogleich wissen möchte, ob die sie begleitende ältere Dame wohl eine Überlebende sei. Mika verneint, ihre Großmutter habe Polen rechtzeitig verlassen und nach Israel auswandern können. Der Mann ist enttäuscht, denn eine echte Überlebende hätte seinen Schülern gefallen. Aber dann begeistert er sich für die zwei Generationen, Mika und ihre Großmutter, die jetzt in die schöne alte Heimat zurückkehren – als sei diese Reise ein lustiger Familienausflug. Schroff entgegnet die Großmutter: „Warschau ist ein einziger großer Friedhof.“

Kein Zweifel an der Bedeutung des Holocausts

Tatsächlich sind Regina Segal und ihre Enkeltochter Mika in einer anderen Mission unterwegs. Sie wollen das Haus finden, in dem Reginas Eltern lebten. Ein Dokument beweist ihr Anrecht auf die Immobilie, und ein Anwalt soll in Warschau gegen den jetzigen Eigentümer einen Gerichtsbeschluss erwirken. Scheinbar ein klarer Fall, das Gebäude wechselte während des Zweiten Weltkriegs den Besitzer, und nun geht es nur noch um die Rückerstattung der elterlichen Vermögenswerte. Doch sehr schnell bemerkt Mika, dass ihre Großmutter etwas vor ihr verbirgt und offenbar ein ganz anderes Ziel verfolgt. Verdächtig ist auch, dass sich ein Bekannter aus Israel um die beiden Frauen bemüht: Was will der bloß?

In „Das Erbe“ lässt Rutu Modan keinen Zweifel an der Bedeutung des Holocausts; das Grauen bleibt stets anwesend auf den in kräftigen Farben leuchtenden Seiten. Dennoch verliert die Geschichte nie an Leichtigkeit, im Gegenteil, je länger wir Regina und Mika begleiten, desto turbulenter und absurder wird das Geschehen. „Nach meiner Erfahrung,“ erklärt die 1966 in Tel Aviv geborene Modan, „ist nichts ausschließlich ernst, ausschließlich traurig oder ausschließlich komisch.“ Und so passiert es, dass Mika sich alsbald in einen jungen Warschauer verliebt, Regina sich auf die Suche nach einer alten Liebe begibt und der „zufällig“ mitgereiste israelische Bekannte eine heimtückische Intrige spinnt, um die Erbschaft an sich zu bringen.

Beschäftigung mit eigener Familiengeschichte

Modan beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit der eigenen Familiengeschichte. Zwar versichert sie in dem wie bei einem Film gestalteten Abspann, die auftretenden Figuren hätten keinerlei Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen. Tatsächlich aber stammt ihre Familie aus Warschau, und insbesondere die Großmutter begegnete uns schon 2007 in den aufsehenerregenden „Mixed Emotions“ in der New York Times, einem Comic-Blog, in dem Modan uns in sechs Folgen ihre Familie vorstellte. Trotz dieser offensichtlich persönlichen Bezüge verfängt sich die Künstlerin niemals im allzu Privaten. Vielmehr berührt „Das Erbe“ ein ganze Reihe allgemeiner, das heißt gesellschaftlicher und geschichtlicher Themen.

Dabei spielt nicht nur eine Rolle, wie Modan selber bemerkt, dass viele Israelis polnische Wurzeln haben und im kommunistischen Polen ihre Ansprüche nicht geltend machen konnten (schließlich war hier jegliches Eigentum verstaatlicht). Auch geht es nicht nur um den Holocaust und darum, dass sich die traumatisierte Generation der Überlebenden durch ihr Schweigen an den folgenden Generationen versündigte, das Trauma also bis in die Gegenwart fortwirkt, bis zu den Kindeskindern. Vielmehr bekommen wir es bei dieser Familiengeschichte auch mit einem handfesten Erbstreit zu tun, mit Eifersucht und Habgier, mit Schimpf und Schande, Liebe und Versöhnung – mit all dem also, was in den besten, das heißt in allen Familien vorkommt.#

Stil an Hergé angelehnt

Außerdem trägt Modans deutlich an die Ligne Claire des Tim-und-Struppi-Zeichners Hergé angelehnter Stil durch seine unpersönliche Anmutung dazu bei, keine Intimität aufkommen zu lassen. Das betont Flächige und Farbige distanziert das Geschehen, ein zeichnerisches Mittel, dessen sich die Künstlerin auch schon bei ihrer beeindruckenden, sowohl auf dem Comic-Festival in Angoulême als auch mit dem renommierten Eisner Award ausgezeichneten Bildergeschichte „Blutspuren“ bediente – sie handelt von Trauma und Gewalt im heutigen Israel. Und dass sich Modan bereits früh mit den Underground Comix eines Art Spiegelman beschäftigte, dürfte ihren Sinn fürs Groteske geschärft haben, auch dies ein Mittel der Distanzierung.

„Das Erbe“ geht uns alle an. Und ganz nebenbei erfreut uns dieser Comic auch noch mit einigen zeichnerischen Einfällen. Zum Beispiel hat Modan sehr pfiffig und sofort verständlich das Problem der Sprachenvielfalt gelöst: Das Hebräische wird in Versalien, das Polnische in kursiver Schrift und das Englische in „normaler“ Groß- und Kleinschreibung dargestellt. Und wenn sich in der Gegenwart von Mika, die kein Polnisch spricht, Personen auf Polnisch unterhalten, stehen in deren Sprechblasen nur unleserliche Krakeleien. Das ist nur ein Detail, aber es veranschaulicht Modans spielerischen Ernst, ihr ästhetisch kluges, experimentierfreudiges Ringen um eine angemessene Darstellungsform, die ein schwieriges Thema für die Gegenwart bewahrt.

Rutu Modan: Das Erbe. Aus dem Hebräischen v. Gundula Schiffer. Carlsen Verlag, Hamburg 2013. 224 Seiten, 24,90 Euro.