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Comic „Der Bildhauer“ von Scott McCloud: Ewigkeit schenkt uns nur der Tod

Scott McCloud: Der Bildhauer. Übersetzt von Jan-F. Bandel. Carlsen Verlag, Hamburg 2015. 496 Seiten, 34,99 Euro.

Scott McCloud: Der Bildhauer. Übersetzt von Jan-F. Bandel. Carlsen Verlag, Hamburg 2015. 496 Seiten, 34,99 Euro.

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Carlsen Verlag

Das ist schon eine Überraschung. Scott McCloud, als großer Comic-Erklärer bekannt, als Autor wegweisender Bücher über das Wesen, die Herkunft und Zukunft, die Vielfalt und Schönheit des Comic – dieser Scott McCloud zeichnet selber einen Comic. Und zwar nicht irgendeine kleine Fingerübung, sondern gleich eine große Geschichte. Kein sprödes Erklärzeug, sondern lodernder Herzschmerz: „Der Bildhauer“ heißt das Werk und handelt von einem jungen Künstler, der sich entscheiden muss zwischen der Liebe seines Lebens und dem Pakt mit dem Teufel. Ein Märchen, das in der Gegenwart spielt. Das mit dem Tod endet, aber das Leben feiert. Und die Kunst als einzige Dimension des Menschen, in der er Ewigkeit erlangt.

Mit dem „Bildhauer“ hat sich McCloud viel vorgenommen. Nun ist es allerdings nicht so, dass der Amerikaner noch nie eine Bildergeschichte gezeichnet hat. Bereits in den 1980ern veröffentliche er eine viel beachtete Superhelden-Serie, „Zot!“ hieß sie und orientierte sich an japanischen Comics, insbesondere an dem futuristischen „Astro Boy“ von Osamu Tezuka. Damals eine ungewöhnliche Referenz, doch erwähnenswert ist „Zot!“ auch, weil McCloud die Serie später frei zugänglich ins Netz stellte, nachdem er sie für die „endlose Leinwand“, also für die unbegrenzt nach unten scrollbare Website umgearbeitet hatte. Früher als alle anderen probierte er die Möglichkeiten des Internet für sein Metier aus.

Geschichte über ein One-Hit-Wonder der Kunst

McCloud hat immer schon mit dem Comic experimentiert. So erfand er den 24-Stunden-Comic, ein geradezu journalistisches Echtzeitmedium für gezeichnete Bildergeschichten, die auf 24 Seiten erzählt und innerhalb von 24 Stunden fertiggestellt werden müssen. An der Spielerei mit der Zahl 24 zeigt sich auch das strenge Formbewusstsein McClouds, sein stupendes Wissen über die erzählerische Mechanik oder Ökonomie „hinter“ den Geschichten. Eben dieses Wissen floss dann in seine großartigen Bücher „Comics richtig lesen“ (1993), „Comics neu erfinden“ (2000) und „Comics machen“ (2006) ein. Die Sachcomics begründeten McClouds Ruf als Comic-Erklärer, als „Marshall McLuhan des Comic“, wie die New York Times ihn einmal nannte.

Doch nun kehrt er als Comic-Erzähler zurück. „Der Bildhauer“ macht uns mit David Smith bekannt, einem New Yorker Künstler, einigermaßen begabt, aber vor allem erfolglos. Seine Skulpturen waren schon einmal sehr angesagt, doch konnte er sich im lärmigen und eitlen Kunstbetrieb nur kurz behaupten. Da trifft David auf einen alten Mann, den er als seinen „Onkel Harry“ wiedererkennt, der in Wahrheit aber der Teufel ist. Der onkelnette Mephistopheles bietet ihm einen faustischen Pakt an: David soll fortan jede Skulptur, die er sich vorstellen kann, mit den bloßen Händen erschaffen können, ganz gleich, aus welchem Material sie ist – im Gegenzug hat er nur noch 200 Tage zu leben, unabhängig davon, ob und wie er diese Zeit für sein künstlerischen Vorankommen nutzt.

David schlägt ein, den Pferdefuß mit der Zeitbegrenzung nimmt er nicht sonderlich ernst, zu sehr will er den Erfolg. Und tatsächlich, seine neuen Superheldenkräfte lassen ihn den härtesten Granitblock wie warme Knetmasse formen; seine überwiegend auf nächtlichen Geheimexkursionen entstandenen, so aberwitzigen wie gewaltigen Skulpturen werden schnell zum Stadtgespräch. Doch merkt David auch, dass er mit seiner imposanten Allmacht übers Material noch keine Kunst schafft. Ihm fehlt die Idee, was Kunst überhaupt ist. Und als wäre das nicht schon genug, lernt er auch noch die umwerfende Meg kennen, ein engelsgleiches Wesen: Bei der ersten Begegnung ist David so, als küsste ihn die Ewigkeit, ein sicheres Anzeichen dafür, sich gerade unsterblich zu verlieben…

Eine Graphic Novel auf der Suche nach Kunst

In diesem Setting tritt McClouds Lust am Experiment wieder deutlich hervor. „Der Bildhauer“ ist zwar eine wunderbar turbulente und auch tragische Geschichte, ein mitreißendes und berührendes Werk, eine Graphic Novel im besten Sinne, insofern wir es zum einen mit einem sehr künstlerischen, das heißt: eigensinnigen Zeichenstil zu tun bekommen und zum anderen mit einem menschlichen Schicksal, das in einem großen Erzählbogen über beinahe 500 Seiten hinweg in all seinen existenziellen Facetten ausgeleuchtet wird. Doch so souverän – und imposant – uns der Künstler die zeichnerischen und erzählerischen Mittel des Comic auch vorführt, letztlich treibt ihn nur eine Frage um – die Frage seines Protagonisten David: Was ist Kunst?

Vor diesem Hintergrund erscheint „Der Bildhauer“ als eine Versuchsplattform für die ästhetische Grundfrage schlechthin. Doch keine Sorge, bei McCloud gerät die Antwort keinen Augenblick langweilig, der penible Comic-Erklärer lässt dem romantischen Comic-Erzähler den Vortritt und damit gleich noch eine steile These ausprobieren: Die Kraft der Liebe, die, wie David und Meg erfahren müssen, jedes menschliche Maß übersteigt, die mächtiger als unsere Gewohnheiten ist, unsere Sprache und unser Denken – allein diese Kraft schafft in der Kunst das Bleibende, eine Ahnung davon, was uns Ewigkeit überhaupt bedeuten kann. Kurzum, im Namen der Liebe findet die Kunst ihre Bestimmung in der rückhaltlosen, auch mit dem Tod rechnenden Überschreitung.

Dass uns Kunst deswegen nicht nur unterhalten darf, sondern ebenso sehr herausfordern muss, reklamiert McCloud in schöner Selbstverständlichkeit auch für den Comic. Chapeau, besser geht es nicht!