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Berliner Zeitung | Comic-Handel : Die Nachbarn kommen jetzt auch rein
02. January 2012
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Comic-Handel : Die Nachbarn kommen jetzt auch rein

Perlen aus dem Abseits und anspruchsvoller Mainstream im Groben Unfug in Berlin.

Perlen aus dem Abseits und anspruchsvoller Mainstream im Groben Unfug in Berlin.

Foto:

Markus Wächter

Vor dem Internet und in einer Zeit, als Comics für den Normalleser entweder Schund oder (schlimmer) unsichtbar waren, war der gut sortierte Comic-Laden unerlässlich für jeden, der wissen wollte, was in der Szene gerade angesagt war. Es gab nicht viele solcher Läden. In der Regel waren sie bis zur Decke voll gestellt mit Ware.

Meist waren sie von Liebhabern eröffnet worden, die sehr viel von Comics und etwas weniger von Kundenkontakt hielten. Sie zu betreten war eine Mutprobe, den Besitzer in ein Gespräch zu verwickeln oft so komplex wie das Vorhaben, den Dachs im Garten zu zähmen. „Da war dieser Laden in Neukölln“, erzählte neulich jemand. „Dort hat man sich nur zu zweit hineingetraut, so unfreundlich war der Besitzer. Der hat den Leuten Ladenverbot erteilt, bloß, weil ihm ihre Nase nicht gefiel. Wegen der Comics wollte man natürlich trotzdem rein.“

Der das erzählte, ist heute selbst Comic-Händler: Christoph Wienke von Grober Unfug in Berlin. Und der neue Laden in der Torstraße, in dem wir ihn antrafen, ist das Gegenteil der voll gestellten Lokale von einst: hell, luftig, mit einer klaren, ansprechenden Präsentation der Bücher und großen Fenstern, die den Passanten ins Geschäft reinlocken, statt ihm mit schräger Ware zugepappt zu signalisieren: Achtung, nur für Eingeweihte. Sofort soll nun angefügt werden, dass Grober Unfug seit Gründung des Hauptladens in Kreuzberg Ende der 1980er ein maßgeblicher Pilgerort für Comic-Freunde ist und bleibt, so Städtereisen-pflichtig wie Analph in Zürich oder die waghalsig gestapelten Schätze in Un Regard Moderne in Paris, der als Paradigma der verschrobenen Wunderkammern für internationale Bild- und Comic-Kunst bezeichnet werden kann.

Gediegene Bilderstuben für Erwachsene

Und doch: Die Zeiten, als jeder Comic-Laden grundsätzlich dem Leitbild von The Android’s Dungeon & Baseball Card Shop aus der Serie Die Simpsons (samt grantigem „comic guy“ hinter dem Tresen) entsprach, sind vorbei. Der neue Laden von Grober Unfug in Berlin-Mitte folgt einem Trend, den Laden-Neugründungen wie Strips & Stories in Hamburg oder Bilderbox Wien gesetzt haben. Hier muss sich der Kunde nicht mehr durch unübersichtliches Terrain kämpfen, er wird mit dem Ambiente einer gediegenen Bilderstube für Erwachsene umworben. Oder, wie Christoph Wienke sagt, als wir ihn nach Veränderungen im Kundenverkehr fragen: „Die Nachbarn kommen jetzt auch rein.“

Man kann diese Läden und ihre aufgeräumten, auskunftsfreudigen Verkäufer auch als eine Art späte Rache von Comic-Fans an der einstigen Missachtung in Rummelläden sehen: Wienke ist nicht der einzige Comic-Dealer, der von Teenager-Traumata beim Comic-Kauf zu berichten weiß. Wenn es sich hier (auch) um einen Racheakt handelt, dann trifft er sich glücklich mit den stark veränderten Verkaufsgegebenheiten unserer Zeit. Schließlich sind in den letzten 20 Jahren Comic-Läden weit häufiger bankrott- als aufgegangen; Graphic Novels gibt es inzwischen in jeder Buchhandlung, jugendliche Manga-Leser (eine maßgebliche Kundenschar) besorgen sich ihre Ware vorwiegend über Amazon, Ebay oder in der örtlichen Thalia-Zweigstelle, und wer dieses eine Spiderman-Heft aus dem Jahr 1993 sucht, ist nicht mehr auf die staubigen Heft-Kisten angewiesen, die einst wesentlich zur Unübersichtlichkeit in den Läden beitrugen: Das Internet führt weit schneller zum Ziel.

Für den engagierten Comic-Handel bietet diese Sachlage eine Chance. Independents, anspruchsvoller Mainstream und grandiose Perlen aus dem Abseits stehen auf den Präsentationsflächen von Grober Unfug in der Torstraße ganz vorne, Strips & Stories in Hamburg ist mit seinen Comic-Release-Parties zum Treffpunkt der Szene geworden, die Wiener Bilderbox lockt mit einer Kaffee-Ecke und einer Galeriewand zum längeren Verweilen. Angesprochen werden damit gerade auch Leser, die mit Comics nicht oder nur sehr eingeschränkt groß geworden sind – mithin der größere Teil einer erwachsenen Kundschaft. Kinder-Ecken gibt es in diesen Läden auch. Kinder sieht man darin dagegen kaum.

Kinder sind selten

„Wenn Kinder reinkommen“, erzählt Torsten Alisch, einer der drei Mitinhaber von Grober Unfug, „dann sind sie in Begleitung comicbegeisterter Erwachsener und langweilen sich oder wollen wissen, ob wir auch was haben, wo sich die Bilder bewegen würden.“ Es ist nicht so, dass Kinder keine Comics mehr lesen – Spiderman steht gerade bei kleinen Jungen nach wie vor hoch im Kurs – aber Bart Simpson und seine Freunde, die den Comic-Laden belagern, sind zum Anachronismus geworden. Der hiesige Comic-Verkauf, immer schon ein Spezialisten-Bereich, umwirbt in seiner modernen Form den neugierigen, anspruchsvollen Kunden. Gut so: Denn die passende Ware dafür gibt es schon lange.

Und wenn die Kinder nicht kommen, kommen dafür die Großeltern. Neulich waren wir in Hamburg in unserm Lieblingsladen Comic Cave, ein Geschäft nach alter Manier mit voll gestelltem Interieur. Der Laden führt ausschließlich englischsprachige Ware. Vor dem Eingang bildete eine ganze Batterie von Blumenkübeln mit gepflegten Pflanzen einen merkwürdigen Kontrast zu den Gruselfiguren und Comic-Covern im Fenster. Eine Maßnahme des Hausmeisters? Keineswegs, sagte Armin Strömmer, der langhaarige tätowierte Besitzer, die habe er selbst hingestellt, um den alten Menschen in der Nachbarschaft eine Freude zu bereiten. „Dann kaufen sie bei mir vielleicht mal einen Comic für ihre Enkel.“

Kaum gesagt, ging schon die Tür auf – zum Klang der Titelmelodie von „Nightmare on Elmstreet“ – und ein Rentnerpaar trat ein, passende beige Windjacken, das Abenteuer ins Gesicht geschrieben, arbeitete sich an den Drehregalen vorbei zum Tresen, wo Strömmer auch gleich den Comic bereithielt, den er für sie besorgt hatte, für den Enkel. Mit freundlichen Grüßen von ihrem Quartiers-Comic-Händler. Womit sich eine Grundregel des Verkaufs beiläufig bestätigte: Das Geschäft macht am Ende immer der gute Verkäufer.


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