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Berliner Zeitung | Comicfestival in Angoulême: Ein Preis für die Meinungsfreiheit
02. February 2015
http://www.berliner-zeitung.de/3218044
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Comicfestival in Angoulême: Ein Preis für die Meinungsfreiheit

Frankreichs Kultusministerin Fleur Pellerin besucht die Ausstellung "Une Geschichte von Charlie hebdo" in Angouleme.

Frankreichs Kultusministerin Fleur Pellerin besucht die Ausstellung "Une Geschichte von Charlie hebdo" in Angouleme.

Foto:

AFP

Natürlich lag der Schatten des Attentats auf Charlie Hebdo über dem Internationalen Comicfestival von Angoulême, und doch waren wieder Scharen von begeisterten Comiclesern, Fachbesucher aus der ganzen Welt, Comiczeichner und Blogger in das südfranzösische Städtchen gekommen. Man wollte es sich nicht nehmen lassen, wie jedes Jahr am letzten Januarwochenende Comics in jeglicher Erscheinungsform zu feiern. Das größte europäische Comicfestival bewegte sich zwischen Gedenken und Fröhlichkeit.

Der ermordeten Zeichner und Mitarbeiter von Charlie Hebdo wurde mit einer schnell organisierten Ausstellung im Comicmuseum gedacht. Sie zeigt Charlie-Hebdo-Ausgaben seit der ersten Nummer aus dem Jahr 1970, aber auch alte Hefte aus der Vorgänger-Serie Harakiri. Die Zeichner werden mit ihren Arbeiten und Bibliografien vorgestellt – ein gutes und notwendiges Unterfangen, denn gerade dem jüngeren Publikum war das Heft vor dem Attentat kaum noch bekannt; die Auflagen waren niedrig, vor allem Comiczeichner und Linksintellektuelle zählten zu den Lesern.

Zudem ist ein zentraler Platz in Angoulême nach dem französischen Satiremagazin benannt worden. Und es gibt den neu gegründeten „Prix de la liberté d’expression“. Der erste Preis für die Meinungsfreiheit ging an Charlie Hebdo selbst. Von der Redaktion hatte sich allerdings in Angoulême niemand blicken lassen, weswegen Jean Christophe Menu – einer der Gründer des wegweisenden Autoren-Comic-Verlags L’Association – die Trophäe im Auftrag seiner Kollegen aus den Händen des Bürgermeisters entgegennahm und diesen dann weisungsgemäß kräftig beschimpfte. Es könne nicht im Sinn der Ermordeten sein, so Menu, als Märtyrer oder Helden vereinnahmt zu werden. Aufgabe der Satire sei es vielmehr, auf jegliche staatliche oder kirchliche Macht zu scheißen.

Als Reaktion auf die Attentate waren die Sicherheitsvorkehrungen streng: In jede Tasche wurde hineingeschaut, Metallscanner kamen zum Einsatz. Vor jeder Ausstellung und jedem Messezelt entstanden deshalb lange Schlangen. Bemerkenswert war, dass diese durchaus entnervenden Maßnahmen überwiegend mit großer Höflichkeit sowohl durchgeführt als auch hingenommen wurden. Nur war es leider dadurch für Fachbesucher, die Termine wahrzunehmen hatten, fast unmöglich, auch nur die wenigen absolut unverzichtbaren Ausstellungen aus dem umfangreichen Programm zu besuchen.

Toll waren die Schauen für Kinder im Comicmuseum, darunter eine gleich in mehrfacher Hinsicht dreidimensionale Ausstellung von Matthias Picards Unterwassercomic „Jim Curious“. Sehenswert auch die Ausstellung des Kollektivs L’Employé du Moi im Papiermuseum. Zu ihrem 15-jährigen Jubiläum schenkte die Brüsseler Gruppe jedem Besucher einen Band mit ausgewählten Geschichten oder auch einen E-Comic, den man sich vor Ort aufs Telefon herunterladen konnte. Sich selbst hatten die Mitarbeiter ein dreistöckiges Verlagshaus gegönnt – wenn auch zunächst nur als liebevoll gebautes, animiertes Puppenhaus im Zentrum ihrer Schau. Dieser unabhängige Autorenverlag ist beeindruckend innovativ und experimentierfreudig. L’Employé du Moi veröffentlicht online sowie gedruckt in zahlreichen Formaten und auf verschiedenen Plattformen – so etwas ist in dieser Bandbreite in Deutschland bislang weder den großen noch den unabhängigen Verlagen gelungen.

Die zentrale Ausstellung des Festivals war Bill Watterson gewidmet. 2014 war er mit dem „Grand Prix“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet und damit automatisch zum Präsidenten des diesjährigen Festivals geworden. Da Watterson sich jedoch schon seit Jahrzehnten nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigt, blieb er auch in Angoulême fern. Glücklicherweise war die Schau so konzipiert, dass man auch ohne dessen persönliche Anwesenheit viel über den Autor von „Calvin & Hobbes“ erfuhr, zum Beispiel durch eine wunderschöne Auswahl von Originalseiten seiner Comic-Vorbilder (von „Krazy Kat“ über „Flash Gordon“ bis zu den „Peanuts“). In einer Vitrine konnte man zudem Wattersons Arbeitswerkzeuge bestaunen, und natürlich gab es seitenweise tolle „Calvin-&-Hobbes“-Originale.

Und auch in diesem Jahr wurde der Preis für das Lebenswerk wieder einem Künstler verliehen, der womöglich nicht zum Festival kommen wird: dem 1954 geborenen Japaner Katsuhiro Otomo, auch in Deutschland durch seine „Akira“-Serie bekannt. Immerhin war dem Mangaka die Ehrung eine prompte Videobotschaft wert, die schon wenige Stunden nach Verkündung des Preises am Donnerstag eintraf .

Der Großteil der „Palmares“, so die offizielle Bezeichnung der in Angoulême verliehenen Preise, wurde dann am Sonntag verkündet. Der Preis für das Beste Album ging an Riad Sattouf für „L’Arabe du Futur“, die Geschichte seiner Kindheit in Libyen und Syrien als Sohn eines syrischen Vaters und einer französischen Mutter. Sattouf zeichnet sich durch seinen bissigen Humor aus und hat mehrere Jahre für Charlie Hebdo gearbeitet – so kann man diese verdiente Auszeichnung für einen der erfolgreichsten französischen Comics der letzten Zeit auch als Kommentar zur aktuellen Lage ansehen. „Der Araber der Zukunft“ erscheint Mitte Februar auf Deutsch und kann allen empfohlen werden, die mehr über das Verhältnis zwischen Frankreich und der arabischen Welt erfahren möchten.


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