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Berliner Zeitung | Computer: Hacken – ist es gut, böse zu sein?
30. January 2012
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Computer: Hacken – ist es gut, böse zu sein?

Hacken war schon immer ein Generationskonflikt

Hacken war schon immer ein Generationskonflikt

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dpa

Rebellion ist die Pflicht der Jugend. Manchmal, auch Erwachsene wissen das, kann Pflichterfüllung ziemlich anstrengend sein. Gelegentlich stellt sie einen vor Fragen wie: Was finde ich gut und was bescheuert? Oder: Finde ich es gut, böse zu sein? Oder: Wie weit kann ich eine Mutprobe treiben, um zu zeigen, dass ich nicht nur, wenn ich in der Badewanne untertauche, länger die Luft anhalten kann, sondern dass ich von meinem Laptop aus ganze Regierungsbehörden in Bewegung setzen und also ein immens cooler, mit modernster Macht erfüllter Hacker sein kann?

Die Hackertruppe, die bis vor kurzem unter dem Markennamen LulzSec tätig war, hatte es vorgemacht und tausende E-Mails, Namen und Passworte von Nutzern einer Porno-Website ins Netz gestellt, um die Leute bloßzustellen. Eine Gruppe namens A-Team zog nach und veröffentlichte Namen, Adressen, Telefonnummern und Details aus dem persönlichen Umfeld – nicht von Firmen oder Xxxperten, sondern von anderen Hackern. Man könnte vermuten, dass es sich dabei um junge Männer handelt, die mit Hightech herumgockeln und die man auch gern mal fragen würde, was sie nach der Pubertät noch so alles vorhaben.

Bekriegen als neue Kunstform

Sie versuchen sich nun gegenseitig zur Schnecke zu machen. Für Gabriella Coleman, Professorin an der New York University, die an einem Buch über die Hackercombo Anonymous arbeitet, hat das ganze den Charakter eines Spiels: „Sich zu bekriegen, ist eine eigene Kunstform geworden. Jemand sagt: Mich findet keiner! Wenn einer ihn dann doch findet, gibt das natürlich eine fette Trophäe.“

Das ganze ist nicht neu. Es folgt einer geradezu altehrwürdigen Tradition. Seit den frühen achtziger Jahren bin ich im Chaos Computer Club, wir haben das früher auch schon gemacht. „Das“ heißt: Spielräume in der neuen digitalen Welt zu suchen. Jugend forscht. Als wir anfingen, waren wir für die damaligen alten Hasen, die sich ihre Sporen an klimatisierten Großrechenanlagen verdient haben, lästige kleine Nervensägen. In einem Essay über das Programmieren beschrieb Ed Post 1983 den Unterschied zwischen „Echten Programmierern“, die noch mit Lochkarten umgehen und Atombombensimulationen schreiben können, und den „Müslifressern“ mit ihren komischen Personal Computern (die heute die Weltherrschaft angetreten haben).

Ein Generationskonflikt

Die Zeiten haben sich geändert, die Natur des Menschen nicht. In dem Aspekt des Hackens, den ich hier meine (nicht: russische Cyberkriminelle, nicht: staatliche chinesische, amerikanische, israelische Hacker) spiegelt sich kein neuartiges Phänomen, sondern ein klassischer Generationskonflikt, der sich wiederholt – weil er die Chance für Neuerungen mit sich bringt. Die Chance, alte Fehler zu beheben und neue zu machen. Ich bin guter Hoffnung, dass die Technik weiterhin Fehler ermöglicht – denn oft sind Irrtümer Ausgangspunkte großartiger Entwicklungen. Wenn ein System keine Fehler mehr zulässt, kann es sich nicht mehr entwickeln.

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen und ich bin selber einer von den alten Hasen und finde pflichtgemäß, LulzSec und Konsorten sind lästige Grünschnäbel. Es ist wie in der Geschichte von Jorge Luis Borges, in der jemand auf einer Parkbank sich selbst begegnet, einmal als rebellischer junger Mann und daneben als gelassener Senior (die beiden verstehen sich denkbar schlecht). Dann erklingt Musik – The Who, „The Kids Are All Right.“

Hardware, Software und Moral

Denn was Hacker zu mehr als einer Anekdote in der Technikgeschichte macht, ist ihr Versuch, außer Hardware und Software auch moralische Innovationen hervorzubringen. Die Welt besser zu machen, wenn auch manchmal rotzig und unbeholfen. Zu zeigen, dass Computer nicht nur Spaß bringen, sondern von entscheidender Bedeutung für eine freie, offene Gesellschaft sind.

Hacker zeigen, dass man sich erheben kann und sich nicht vor der Zukunft fürchten muss, wenn man Offenheit, Neugierde und Risikobewusstsein kultiviert. Und dass man als Mensch souverän bleiben kann gegenüber den Maschinen. Hacker wollen lernen, alles über die moderne Welt wissen. Verborgene Informationen repräsentieren für sie die dunkle Seite der Macht. Sie glauben daran, dass eine informierte Welt eine bessere Welt sein kann. Die Hacker jedenfalls, die ich gut finde.

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