E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Cryptopartys: Mit Cryptopartys gegen Big Brother

In einem Ladenlokal in Neuköllner Schillerkiez fand eine der ersten Cryptopartys statt – und es entstand in drei Tagen ein 398-Seiten-Handbuch.

In einem Ladenlokal in Neuköllner Schillerkiez fand eine der ersten Cryptopartys statt – und es entstand in drei Tagen ein 398-Seiten-Handbuch.

Foto:

Daniil Vasiliev/k0a1a.net / CC BY-SA 2.0

Sie nennen es Party, eine Cryptoparty. Doch diejenigen, die sich am Donnerstagabend im stickigen Besprechungsraum eines alternativen Internetanbieters in Moabit drängen, sind nicht zum Feiern gekommen. Stattdessen haben sie ihre Laptops aufgeklappt und verfolgen aufmerksam, wie ein schlaksiger Literaturwissenschaftler mit Marker grüne Kringel auf ein weißes Board malt, die er dann mit schwarzen Linien verbindet. Er erklärt, wie die Daten durch das Netzwerk fließen. Nach dem Referat hält ein anderer einen USB-Stick hoch: Er ist gefüllt mit Programmen, mit denen man seine Daten verschlüsseln kann. Ohne lange zu zögern, beginnen die meisten sie zu installieren.

Selbstorganisierte digitale Alphabetisierung ist das Konzept der Cryptopartys, sie sind chaotisch – und finden immer häufiger statt. In Berlin gab es in den letzten beiden Tagen gleich zwei von ihnen, genauso wie in London oder Atlanta. Über hundert solcher Veranstaltungen wurden inzwischen organisiert, in Neu-Delhi ebenso wie in Tunis.

Ein Tweet als Auslöser

Den Anstoß für die Workshops gab kein Verschlüsselungsexperte, sondern der Tweet einer Anwältin. Asher Wolf nennt sich die 32-Jährige auf Twitter, sie lebt in Australien. Als dort im August letzten Jahres ein Gesetz verabschiedet wurde, das Internetanbieter zu einer stärkeren Überwachung ihrer Nutzer verpflichtete, regte Wolf auf Twitter an, die Verschlüsselung denen zu erklären, die wie sie selbst zu wenig davon wissen. Am besten bei ein paar Bier und Musik, auf einer Cryptoparty eben. Was zunächst nur ein Hashtag auf Twitter war, wurde innerhalb von Stunden zu einer globalen Graswurzel-Bewegung. Aktivisten begannen, ein knappes Dutzend Cryptopartys auf drei Kontinenten zu organisieren.

Einer davon war Julian Oliver. Er ist 39 Jahre alt, ein hackender Künstler, der sich selbst kritischer Entwickler nennt. Nur neun Tage nach Wolfs Twitter-Nachricht organisierte der Neuseeländer, der seit drei Jahren in Neukölln lebt, in Berlin eine der ersten Cryptopartys überhaupt. Mehr als zwanzig Menschen kamen in sein Studio, ein Ladenlokal in einem Eckhaus im Schillerkiez, in dem sich Platinen und Router stapeln. Doktoranden, die sich sorgten, durch ihre Islam-Forschung ins Fadenkreuz der Geheimdienste zu geraten, ebenso wie eine 60-Jährige aus dem Kiez, die ein Plakat gesehen hatte, das Oliver aufgehängt hatte und nicht wollte, das E-Mails an ihren Sohn mitgelesen werden. Bei der nächsten Cryptoparty kamen schon doppelt so viele.

Ob der Einsatz von Verschlüsselung überhaupt legal sei, wollten viele von ihnen wissen. „Es ist eigenartig, was es für eine Verunsicherung darüber gibt, ob unsere Grundrechte im Netz gelten,“ sagt Julian Oliver. „Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, auf der Straße mit einem Schildern herumzulaufen, auf dem steht: Ich bin Tom Meyer, geboren am 21.3.1968 und meine Tochter Sarah ist fünf Jahre alt. Doch genauso bewegen sich die meisten im Internet.“

Die Cryptopartys haben Oliver dazu gebracht, solche Analogien zu entwickeln. Sie zwingen Experten wie ihn, sich verständlich auszudrücken. „Noch nie hat es einen solchen breit aufgestellten Versuch gegeben, Verschlüsselung zu popularisieren,“ sagt er. Und immer mehr springen auf die Bewegung auf: Gerade erst hat die Piratenpartei angekündigt, bundesweit eigene Cryptopartys zu organisieren, sie nennt diese eingedeutscht Kryptopartys.

Julian Oliver beschäftigt sich seit mehr als fünfzehn Jahren damit, die Technik hinter dem Browser-Fenster und die damit verbundenen Gefahren begreifbar zu machen. Mit Daniil Vasiliev, mit dem er sich das Eckladen-Studio teilt, entwickelte Oliver etwa ein unscheinbares Gerät, mit dem sich die Meldungen manipulieren lassen, die Menschen in WLAN-Netzwerken von Nachrichtenseiten lesen von BBC News bis Spiegel Online. Eine Installation, die zeigt wie verwundbar die Datenströme sind die durch unsere Netzwerke fließen – und dass Daten, die mitgelesen werden können, auch manipulierbar sind.

Dort, wo Julian Oliver sonst Dinge konstruiert, um das zu verbreiten, was er produktive Paranoia nennt, quartierten er sich im Oktober mit fünf Cryptoparty-Mitstreitern ein, auch Asher Wolf war aus Australien zugeschaltet. Zusammen setzten sie dort eine Idee um, die auf einer der Cryptopartys in Berlin entstanden war: Eine Anleitung, die Schritt für Schritt erklärt, wie man Verschlüsselung nutzen kann. Innerhalb von drei Tagen entstand ein 398-Seiten-Handbuch, das erklärt wie man mit frei zugänglicher Software seine E-Mails oder Festplatte verschlüsselt.

„Es ist eine kleine Sensation, dass es heute diese Programme zur Verschlüsselung für verschiedenste Plattformen und Anwendungen gibt,“ sagt Oliver. Lange war die moderne Kryptographie dem Militär und den Geheimdiensten vorbehalten. Erst politische Hacker begannen in den 1970er Jahren damit, die Technologie auch den Menschen außerhalb des Staatsapparates zugänglich zu machen. Vom Staat wurden sie zunächst mit Waffenhändlern gleichgesetzt.

Trotzdem begannen immer mehr Programmierer, eigene Verschlüsselungsprogramme zu entwickeln. Cypherpunks nannte sich eine Hacker-Subkultur, die zu Beginn der 1990er Jahre entstand. Der Name ist eine Anspielung auf Cyperpunk, dem dystopischen Science-Fiction-Subgenre und „cipher“, zu Deutsch: chiffrieren. Es war eine von San Francisco ausgehende Bewegung von meist libertären Hackern, die sich einig war im grenzenlosen Misstrauen gegenüber dem Staat und der Notwendigkeit, die Privatsphäre zu schützen. Auch Wikileaks-Gründer Julian Assange gehörte bald zu dem Kreis, der auf einer E-Mail-Liste diskutierte, um die sich die Bewegung formierte.

Lange bevor Edward Snowden die Total-Überwachung der angel-sächsischen Geheimdienste enthüllte, prognostizierte die Cypherpunk-Bewegung den Aufbau eines Big-Brother-Staates. Die Geheimdienste, mutmaßten sie, würden alles überwachen, sobald es möglich wäre. Doch anders als in George Orwells Roman, so glaubten die Cypherpunks, hätte der Hauptprotagonist Winston Smith eine Chance darauf, den Kampf zu gewinnen. Der Grund: Orwell habe die Mathematik nicht berücksichtigt. Das Universum, schreibt Assange in einem Aufruf zur Nutzung von Verschlüsselungstechnologie, sei ein Freund der Kryptographie. Denn es sei leichter, Informationen zu verschlüsseln, als sie wieder zu entschlüsseln. „Starke Kryptographie vermag schrankenloser Gewalt standzuhalten, weil kein Maß an Zwang je ein mathematisches Problem aus der Welt schaffen könnte.“ Sie sei die höchste Form des gewaltlosen Widerstandes.

Der Cypherpunk ist zugeschaltet

Auf einer Cryptoparty in Amsterdam meldete sich nun einer der Begründer der Cypherpunk-Bewegung zu Wort. Eric Hughes heißt er, er setzte einst die Cypherpunk-Mailing-Liste auf und schrieb das Manifest der Bewegung. Dort definierte er als Ziel der Cypherpunks, dafür zu sorgen, dass jeder Bürger über die Macht verfügt, selbst zu entscheiden, was man der Welt über sich preisgibt. Über Skype warnte er nun die Aktivisten auf der Cryptoparty in Amsterdam: Niemand werde für Verschlüsselung an sich gewonnen werden, auch wenn man sie als hip verkaufe. Entscheidend sei es hingegen, Anwendungen zu entwickeln, die so einfach zu benutzen seien, dass man den Anwendern die Kryptographie beiläufig unterschiebe.

Mündige Nutzer müssten sich davon verabschieden, unbedacht den einfachen Lösungen von Microsoft oder Google zu vertrauen, sagt dagegen Julian Oliver. Die Verschlüsselungssoftware sei bereits weit genug entwickelt, dass sie alle einsetzen könnten. „Mit ein paar Klicks kann man sich etwa über das Tor-Netzwerk weitgehend anonym im Netz bewegen oder Virtual-Private-Network-Dienst wie IPredator wählen, der alle Daten verschlüsselt, die man über das Netz schickt.“ Vor einigen Jahren hätte es für unerfahrene Nutzer dagegen noch mehr als einen Tage gedauert, ein solches System zu installieren. „Damals wäre so etwas wie die Cryptoparty-Bewegung kaum möglich gewesen,“ sagt Oliver. „Nun ist ihre Zeit gekommen.“