E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

CTM-Festival in Berlin: Dekonstruktionsdunkelhop mit Diskobeleuchtung

TCF am früheren Donnerstagabend bei seinem Auftritt im Hau2.

TCF am früheren Donnerstagabend bei seinem Auftritt im Hau2.

Foto:

votos/Roland Owsnitzki

In den besten Momenten ist der Klang überall, umhüllt den Kopf und massiert den Körper, kleine fiepende Fitzel flirren und fliegen umher, warme Wellen aus Bass bringen den Boden zum Beben, ein ratternder Beat wie von einer alten Eisenbahnfahrt gibt das Grundgerüst, darüber verändern sich unaufhörlich die Soundbilder und die musikalischen Stile, aus abstraktem Krach entwickeln sich plötzlich aufgeregt hupende Rave-Fanfaren wie in einer Großraumdiskothek, die dann aber sogleich von schmatzenden und fumpenden Unterdruckklängen unterwühlt werden, schließlich endet die Transformation in einer wild durch die Tonalitäten hüpfenden Kirchenorgel-Improvisation.

So oder so ähnlich kann man sich das Konzert vorstellen, das der norwegische Produzent Lars Holdhus alias TCF am Donnerstagabend beim CTM-Festival im Hau2 absolvierte: fraglos ein Höhepunkt des diesjährigen Programms, gerade wenn einem viele Konzerte der vorangegangenen Tage in ihrer statischen Drone-Ästhetik zu selbstgenügsam erschienen waren. Nicht so bei TCF, dessen fabelhafte Debüt-EP „415c47197f78e811feeb786228830-6ec4137fd4ec3ded8b“ im November bei dem Liberation Technologies Label erschienen ist; demnächst soll ein Langspielalbum mit dem etwas leichter zu merkenden Titel „E4 15 C4 71 97 F7 8E 81 1F EE B7 86 22 88 30 6E C4 13 7F D4 EC 3D ED 8B“ folgen. In dieser Musik ist nichts statisch, es ist alles bewegt, alles fließt und ergibt sich auseinander; nach Angaben des Künstlers bringen seine Kompositionen komplexe Algorithmen im Allgemeinen zum Klingen sowie Ver- und Entschlüsselungstechniken im Besonderen; doch bricht sich die Selbstbezüglichkeit der Mathematik immer wieder an Referenzen aus dem Realen; unablässig scheint sich der Klangraum mit Natur- und Kulturgeräuschen, mit technik- und pophistorischen Zitaten zu füllen, ohne dass jemals etwas eklektisch wirkt.

Klinks und -Klonks

Das war toll! Und der Auftritt von TCF war nur der Beginn eines überaus gelungenen CTM-Festival-Abends mit einem Dutzend gleichsam abwechslungsreicher wie dramaturgisch klug aufeinander bezogener Konzerte und DJ-Sets. So konnte man sich im Hau2 anschließend den italienischen Produzenten Maurizio Martinucci alias TeZ anhören und -sehen, der sein Publikum so lange mit extrem flackerndem Stroboskoplicht und tief sich in die Gehörgänge fräsenden Störgeräuschen malträtierte, bis es kollektiv zu halluzinieren begann; hierbei handelte es sich gewissermaßen um die psychedelische Variante der abstrakten Algorithmenmusik. Wer danach noch gucken und geradeaus gehen konnte, für den spielte im Berghain als nächstes die junge polnische Produzentin Aleksandra Grünholz alias We Will Fail ein gleichermaßen entspannendes wie dunkelbunt-reiches Set aus langsamen Industrial-Klinks und -Klonks, emsig sich im Klanghintergrund tummelnden Melodiefragmenten und selbst für Berghain-Verhältnisse unerhört tiefen, aus dem Boden in den Körper kriechenden Bässen. Eine echte Entdeckung!

Der offenbar in Berlin lebende, seine Identität aber ansonsten leidenschaftlich verbergende Produzent Amnesia Scanner und die in dieser Zeitung schon vielfach gelobte britische Sängerin Elizabeth Bernholz alias Gazelle Twin – wie stets mit einer aparten Latexmaske über dem Gesicht – schlossen in ihren Konzerten an die Industrial-Ästhetik von We Will Fail an, bereicherten sie aber zugleich mit Breakbeat- und HipHop-Elementen. Und führten damit auf den Höhepunkt des Abends hin, den Auftritt des nordenglischen Produzenten Joshua Leary alias Evian Christ.

Seit dieser Ende 2012 erstmals im Berghain zu sehen war – damals spielte er noch einen verlangsamten und verhallten Goth-Step –, hat Evian Christ eine erstaunliche Karriere absolviert, insbesondere weil er 2013 als Ko-Produzent des Kanye-West-Albums „Yeezus“ fungierte. Wie dort und wie auf seiner aktuellen eigenen EP „Waterfall“, brillierte er auch bei seinem Konzert am Freitagmorgen mit einem hoch individuellen Dekonstruktionsdunkelhop: Wuchtige Schläge wurden von sirrenden Störgeräuschen umwimmelt; klitzeklein zerhäckselte Stimmen und Chöre schienen sich um melodischen Ausdruck zu bemühen, mussten sich aber immer wieder der alles zerstörenden Kraft der Beats unterwerfen. Mit Laserstrahlen, die durch einen breiten Paravent hinter ihm gebrochen wurden, schenkte Evian Christ dazu dem Berghain die Optik eines veritablen Stadion-Raves: So kulminierte dieser fabelhafte CTM-Abend in einer Musik, die zwischen Pop und Avantgarde oszillierte; und das so schlau, charismatisch und schön, wie man es sich nur wünschen konnte.