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DDR-Kunst: Diktatur-Museum in der Kulturbrauerei

Blick in die Ausstellungsräume, bevor das Haus der Geschichte sie für achteinhalb Jahre geschlossen hielt. Ihnen fehlte der Behindertenfahrstuhl.

Blick in die Ausstellungsräume, bevor das Haus der Geschichte sie für achteinhalb Jahre geschlossen hielt. Ihnen fehlte der Behindertenfahrstuhl.

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hein köster

Mike Lukasch hat keine Zeit. Nicht jetzt, so mitten auf der Zielgeraden. Am 15. November öffnet in der Kulturbrauerei das Museum „Alltag in der DDR“, aber schon vier Wochen vorher brennt die Luft. Lukasch ist Berlin-Chef der Stiftung Haus der Geschichte Bonn und hat keine Zeit für Pressefragen. Die nimmt sich Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung, am Telefon. Und er sagt gleich, dass der Eröffnungstermin ganz bestimmt zu knapp kalkuliert war und spricht von einem „Rekord-Tempo“, das seine Stiftung da hingelegt habe. Ein Museum und eine Sanierung in einem denkmalgeschützten Gebäude in nur zwei Jahren, unglaublich!

Unglaublich, ja. Hütter weiß natürlich, dass das Tempo, in dem seine Stiftung nun endlich eine erste Ausstellung auf gerade mal 600 Quadratmetern zustandebringt, nicht anders als skandalös bezeichnet werden kann. Es dauerte nämlich nicht „rekordverdächtige“ zwei Jahre, bis das Museum endlich wiedereröffnet wird, sondern sagenhafte achteinhalb. So lange wird man nicht mal für das Berliner Schloss brauchen.

Seit 2005 stehen die Räume in der Kulturbrauerei leer. Damals ließen sich die Bonner dort nieder, wo zuvor das Design-Museum seinen Sitz hatte und jährlich zwei viel besuchte und gut besprochene Ausstellungen zeigte. Aber seit die älteste und umfangreichste deutsche Designsammlung „Industrielle Gestaltung“ mit 160.000 Objekten in die Obhut des Hauses der Geschichte gelangte, war kein Stück mehr von ihr zu sehen. Erst jetzt wird einiges in einem DDR-Diktatur-Museum ausgestellt.

Es geht um Deutungshoheit

Warum war hier so lange nichts? Hütter: „Weil die Räume nicht den Bauvorschriften entsprachen. Wie das früher hier gehandhabt wurde, interessiert mich nicht, wir richten uns nach den offiziellen Vorschriften.“ Tatsächlich fanden Hütters Bauspezialisten heraus, dass das Geländer im historischen Treppenhaus zehn Zentimeter zu niedrig und der Fluchtweg für die Feuerwehr etwas zu schmal war. Aber als denkmalgeschütztes Gebäude hatte das Treppenhaus Bestandsschutz und passierte jede Bauabnahme. Bis 2005 nämlich waren schon 1,1 Millionen Euro Bundesmittel in die Sanierung des Museums geflossen. Nichts war hier baufällig.

Natürlich kann man immer alles noch besser machen, noch schöner und noch länger geschlossen halten. Natürlich ist ein Behindertenfahrstuhl neben einer Behindertenwerkstatt vernünftig. Nur – warum wurde nicht 2005 gleich ein Bauantrag dafür gestellt und das Geländer erhöht? 2011 sagte Hütter: Wir hatten keine Baufreiheit. Wir mussten erst die Sammlung sichern. 2013 sagt er: Wir hatten anfangs keine Mitarbeiter. Und, noch besser: „Der Forschungsstand für eine Ausstellung ist bis heute nicht ausreichend.“

Herrschaften! Jemand, der sich auch nur einen Funken für die Sammlung interessiert und sie nicht nur als Vehikel nutzt, um sich von der Bonner Provinz aus eine schöne Außenstelle in der Hauptstadt zu sichern, der schließt sie nicht weg. Der fragt die, die sich damit auskennen, lässt sie nicht links liegen und ist schnell auf der Höhe des Forschungsstands. Der erfasst sie, gern auch wissenschaftlich und gründlich, aber vor allem zeigt er sie. Der Kunsthistoriker und Design-Experte Hein Köster hat 15 Jahre lang vorgemacht, wie das geht. Mit wenigen Mitarbeitern und beispiellosem Elan sicherte er nach der Wende die 160.000 Gebrauchsgegenstände aus den Beständen des Amtes für industrielle Formgestaltung der DDR. Eigentümer waren abwechselnd Bundes- und Landeseinrichtungen. Jedes Jahr kuratierte Köster zwei Ausstellungen. Nur für ein Depot nach modernsten Standards mit Klimaanlage reichte das Geld in den Neunzigern nicht, wie in so vielen deutschen Museen. Das hat dankenswerterweise das Haus der Geschichte übernommen.

Aber ein Interesse wuchs damit nicht. Sechs Jahre nach Übernahme der Sammlung hatte Hans Walter Hütter noch kein Konzept für sein Museum. Da ahnte man schon, dass es vor allem um ideologische Deutungshoheit über DDR-Geschichte ging. Und dann wurde aus der geplanten Dauerausstellung der Sammlung, die „Produkt- und Alltagskultur der DDR“ zeigen und zur „kritischen Auseinandersetzung“ anregen sollte, wie das Gedenkstättenkonzept des Bundes 2008 klar vorgibt, also aus der Sammlung wurde über Nacht ein Diktatur-Museum. „Alltag in der SED-Diktatur“ war der erste Titel. Und im Geist des Kalten Krieges tönen die Veröffentlichungen bis heute: Anschaulich werden soll die Absurdität des Systems, das Unrecht in der Diktatur, die Machtstrukturen der SED und der marxistisch-leninistischen Ideologie, die Repressionen, die Unterdrückung und Anpassung. Und von dem DDR-Museum in der Karl-Liebknecht-Straße soll es sich auch abheben, so Hütter, weil es sich „tiefgründiger und vor allem kritischer dem Alltag widmet“.

Voilà. Jetzt haben wir also allein in Berlin die Stasi-Gedenkstätten Hohenschönhausen und Normannenstraße, die Bernauer Straße, die DDR-Abteilung im Deutschen Historischen Museum, das DDR-Museum, das Mauer-Museum, den Tränenpalast und nun noch diese kühne Umplanung des Gedenkstättenkonzeptes. Da ist nichts unerforscht. Für diese Diktatur hat sich die Bundesrepublik immer glühend interessiert, anders als für die des NS-Regimes in den ersten zwanzig Jahren. Warum soll nun nicht die Allgegenwart von Unterdrückung auch beim Wohnen und Kaffeetrinken wissenschaftlich beleuchtet werden? Nur zu.

Doch wozu um alles in der Welt muss man dafür die wertvolle Design-Sammlung missbrauchen, die umfangreichste ihrer Art? Die stört doch bei der Umsetzung des diktatorischen Themas. Nein, sagt Hütter. „Die Sammlung hat doch nicht nur Designstücke, das meiste sind einfach Gebrauchsgüter, und die kann man gut einbauen. Über das Stapelgeschirr zum Beispiel lassen sich die Probleme in der Versorgung und Gastronomie abbilden. Über den Rasierapparat Bebo Sher die Absurdität, dass Schwermaschinenkombinate Konsumgüter herstellen mussten. Das ist der Alltag, die politisch-ideologische Mittelachse“. Und den Begriff Missbrauch weist Hütter selbstverständlich zurück, aber ganz scharf.

„Natürlich ist das keine Design-Ausstellung. Aber immerhin, fast die Hälfte der 700 Ausstellungsstücke konnten wir aus der Sammlung unterbringen“, sagt er stolz. Der Rest komme aus eigenen Beständen der Stiftung, wie auch der Sachverstand. Trotzdem kostet die Ausstellung ohne Umbau 1,1 Millionen Euro, doppelt so viel wie das privat finanzierte DDR-Museum in der Karl-Liebknecht-Straße. Das hat Stefan Wolle kuratiert, Wissenschaftler beim Forschungsverbund SED-Staat. Das ist keine Ostalgie-Ausstellung, sondern darin geht es um das Bildungssystem, Vollbeschäftigung und Mangelwirtschaft bis zur Stasi-Überwachung und Berliner Mauer. Aber Hütters Ausstellung will ja nun kritischer sein.

Miete wird quersubventioniert

Was wird aus den 160000 Stücken der Sammlung, fragt in einem Offenen Brief die Gesellschaft für Designgeschichte, als sie von dem Diktatur-Museum erfährt. Och, 2014, zehn Jahre nach Eröffnung der letzten Ausstellung, soll auf 200 Quadratmetern (!) eine erste Design-Ausstellung eröffnen. Hoffentlich gibt der Forschungsstand das her. Immerhin, Steuer-Millionen sind offenbar vorhanden. Einzelheiten über die Umbaukosten und die Anzahl der Mitarbeiter hat der Präsident gerade nicht parat, aber es komme alles aus dem Haushalt der Stiftung. Und dass er seit neun Jahren Vorzugskonditionen in der Kulturbrauerei genießt, war ihm nicht mal bewusst.

Das aber gehört zum Konzept des Kultur-Standorts: Die kommerziellen Mieter, darunter etwa der Ch.Links Verlag mit seinen kleinen Gehältern und großen Konkurrenten, sollen mit ihren kommerziellen Mieten von 10 bis 15 Euro pro Quadratmeter die Kulturmieter quersubventionieren. Der Bund als Kulturmieter zahlt dafür nur 3 Euro netto kalt. „Ist doch gut, dass wir als Kulturinstitution den Steuerzahler wenig belasten, oder?“, sagt Hütter.

Klar. Mittels Steuergeld einen begehrten innerstädtischen Standort acht Jahre lang brachliegen und von anderen Mietern quersubventionieren lassen, das ist eine ganz feine und faire Sache.