18.11.2011

Debatte: Der Rassismus wird verniedlicht

Von Jagoda Marinic

Die Berichterstattung um die „Döner-Morde“ weckte klischeehafte Assoziationen, das muss jedem, der mit Sprache zu tun hat, klar gewesen sein. Auf diese Art ließen sich bequeme Rückschlüsse auf die Opfer ziehen, wie der, dass kleinkriminelle Imbissbuden-Besitzer illegalen Aktivitäten vermutlich nicht abgeneigt waren und dafür büßen mussten. Vermutlich Geschäfte unter Ihresgleichen. Niemand hat diese Implikationen angeprangert. Und es bleibt fraglich, ob ohne den Mord an der Heilbronner Polizistin die anderen Morde je aufgeklärt worden wären.

Die Blindheit der Behörden und Öffentlichkeit gegenüber der Möglichkeit rassistischer Motive schreit zum Himmel. Sie zeigt, wie notwendig eine Erneuerung des öffentlichen Bewusstseins für rassistische Denkmuster ist. Rassismus heißt nicht nur Rechtsradikalismus. Wenn diese Demokratie auch für Rechte sein soll, was ich weiter für möglich halten möchte, dann müssen die Kritiker der Rechten und der Deutschen Fragen stellen dürfen, Themen aus der Unsichtbarkeit heben.

Doch die Kategorie Rassismus wurde in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend ausgelöscht. Man hat diese Kategorie in die rechtsextremistische Szene projiziert, dafür Begriffe wie Leitkultur, Kopftuchmädchen und gelungene Integration salonfähig gemacht.

Thema Rassismus für Verlage nicht relevant

Während man heiß über Integration diskutierte, wurden programmatisch Morde an ausländischen Mitbürgern vollzogen und niemand fragte da nach ausländerfeindlichen Motiven oder forderte Aufklärung. Was für eine Blindheit gegenüber den Lebensbedingungen der Minderheiten in diesem Land! Ausländerhass gehört zu ihrem Alltag. Weder Behörden noch Medien scheinen das bedacht zu haben.

Für diese Blindheit ist auch die breite Öffentlichkeit, sind auch Denker und Journalisten verantwortlich. Die Geschichten über Rassismus will hier keiner hören. Auch im Theater nicht. Im Fernsehen nicht. Und im Kino nur, wenn Fatih Akin es erzählen wollte. Auch den Kopf wegzudrehen ist eine Form von Rassismus.

Als ich dem Hanser Verlag mein Sachbuch zum Thema Migranten in Deutschland vorstellte, sagte mir der zuständige Programmleiter meines damaligen Verlages in einem Gespräch darüber: Die Kategorie Rassismus sei in Deutschland längst nicht relevant. Damit zu argumentieren, gehe an der Realität hier vorbei. Ich solle mich doch lieber an andere Erklärungsmodelle halten, sinnvoller wäre es auch, von dem Anderen statt dem Ausländer zu sprechen.

Auch der Begriff postkolonial sei auf Deutschland nicht anzuwenden. Diese kleine Zusammenfassung gibt die Haltung eines großen Teils der deutschen Elite wieder, die den Diskurs mitbestimmt, die das Sehen mit Worten schulen könnte. Diese Beschönigung von Sachverhalten, diese Verniedlichung bis hin zur Verneinung sozialer Wirklichkeit, die muss abgeschafft werden, sollte die deutsche Demokratie tragfähig bleiben wollen.

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