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Debatte nach Hitzlsperger-Outing: Die bürgerliche Kleinfamilie ist ein historischer Sonderfall

Homosexuellenverachtung ist Teil unserer Kulturen.

Homosexuellenverachtung ist Teil unserer Kulturen.

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dpa

Wer die Berichterstattung über das Selbst-Outing des Fußballers Thomas Hitzlsperger liest, könnte mit Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung annehmen, Homophobie sei „in Deutschland und im westlichen Europa an die Ränder der Gesellschaft“ verbannt. Arme und Bildungsferne in „sozialen Brennpunkten“, Bewohner von Fußball-Fankurven, von religiösem Fundamentalismus verblendete Landeier in Afrika und den USA seien von ihr betroffen. Aber doch nicht anständig ausgebildete, bürgerliche Menschen der Mittelklasse, die in Städten leben.

87 Prozent der Deutschen finden nach neuesten Studien angeblich, dass Homosexuelle in der Gesellschaft akzeptiert werden sollten. Aber wer sind dann die fast vierzig Prozent deutscher Männer, die es eklig finden, wenn sich Männer auf der Straße küssen? Und wie kommt es, dass ganz aufgeklärte, tolerante heterosexuelle Großstädter staunen: Der Hitzlsperger ist doch so ein Berserker. „Das“ hat man ihm „gar nicht angesehen“. Klar, wo kämen wir hin, wenn Schwule ganze Kerle wären.

Schwule küssen eklig

Wie gut also, dass wir am gleichen Tag von der Initiative eines baden-württembergischen Lehrers gegen neue Schulbücher lesen durften. In diesen soll nach dem Willen der neuen grün-roten Landesregierung auch davon berichtet werden, dass man anders lieben kann als heterosexuell. 70 000 Menschen haben die Petition gegen diese Lehrbücher schon unterschrieben. Wir können davon ausgehen, dass sie aus vollem Herzen Norbert Blüms jüngsten Schlachtruf in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegen das Bundesverfassungsgericht unterstützen. Immerhin benutzen sie fast die gleichen Worte wie er: Nicht jede Form von Zweisamkeit, so Blüm, sei „schon wertvoll, weil sie zustande kommt“.

Er kritisierte, dass das Bundesverfassungsgericht zunehmend die Privilegien der aktuell nur für gemischtgeschlechtliche Paare offenen „Ehe“ auf die „Eingetragene Partnerschaft“ überträgt, die derzeit nur für gleichgeschlechtliche Paare offen steht. Für ihn ist das ein Angriff auf die gesetzgeberische Hoheit des Bundestags und auf den grundgesetzlichen Schutz von Ehe und Familie.

Der Schwulenhass in den Religionen

Sicher würde der liberale Konservative Blüm der blanken Homophobie der Lehrer-Initiative aus Südwestdeutschland kaum zustimmen. Sie behauptet, dass Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle einen unmoralischen und gesundheitsgefährdenden „Lebensstil“ pflegten. Dieser Schwulenhass ist eine der grundlegenden Tatsachen aller mosaisch-monotheistischen Religionen. Im fundamentalistischen Judentum, Christentum und Islam – im Gegensatz etwa zu vielen antiken und Naturreligionen oder zum Buddhismus – gehört die Verdammung von männlicher Homosexualität zum Kern der Lehren. Sie wird als das Andere, Feindliche, Heidnische, Unsaubere begriffen. Im Vergleich dazu ist sogar die Katholische Kirche liberal, die predigt, dass nur die homosexuelle Handlung, nicht aber die Homosexualität oder die homosexuelle Liebe sündig sei. Statt dessen einen Apfel essen, ist ihre Parole.

Blüm hingegen fährt, selbstverständlich gutbürgerlich toniert, im Kiel der Fundamentalisten, wenn er behauptet, der grundgesetzliche Schutz von Ehe und Familie entspräche „der Natur“. Der Schritt hin zur Behauptung von religiösen Fundamentalisten, dass Homosexualität widernatürlich sei, ist minimal. Genau sie aber legitimierte über Jahrhunderte Diskriminierung und Verfolgung, Folter und Ermordung von sexuellen Minderheiten. Bis 1968 zerstörte der Paragraph 175 in der Bundesrespublik mit dieser Begründung die Leben Zehntausender schwuler Männer – deren Entschädigung der Bundestag bis heute verweigert.

Verfolgung und Tod

Lesben übrigens werden kaum von solcher religiösen Verachtung getroffen. Nicht etwa, weil ihr Leben freundlicher betrachtet wird. Ganz im Gegenteil. In allen drei mosaischen Religionsschriften wird Frauen ein selbstbestimmtes sexuelles Leben weitgehend abgesprochen. Das umfasst auch Lesben. Wie tief diese Ignoranz unsere Gesellschaften prägt, zeigt indirekt, dass Sportlerinnen sich weit eher als homosexuell outen können als Sportler. Es wird weithin entweder angenommen, Frauen, die Leistungsport betreiben, seien eh kerlig-lesbisch. Die Vorstellung von Lesben im Bett befriedigt viele Lustbilder. Vor allem aber wird ihr Outing als gesellschaftlich irrelevant betrachtet. Kinder kriegen können sie ja doch, heißt es oft.

Und genau darum geht es auch Blüm vor allem: „Die Familie ist die Elementareinheit der Gesellschaft, die auf ihr Weiterleben angelegt ist. Diese Funktion vermögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht einzulösen. Kinder, ihr Kommen und Gedeihen, spielen offenbar beim Hohen Verfassungsgericht eine niedere Rolle.“

Die biologischen Funktionen

Selbst wenn man dieser nur auf die biologische Fortpflanzung verengte Definition von Familie einmal folgt und damit deren soziale, kulturelle, wirtschaftliche und vor allem emotionale Bedeutung ignoriert: Blüm irrt sich sogar, wenn er denjenigen, die sich nicht selbst fortpflanzen wollen oder können, keine Rolle bei der Reproduktion zubilligt. Ganz im Gegenteil: Schon das Überleben von Frauen weit über ihr fortpflanzungsfähiges Alter hinaus, aber eben auch die schiere Existenz von Homosexuellen in allen bekannten Gesellschaftsformen und Epochen zeigen, dass sie eine wichtige biologische Funktion haben.

Es gibt inzwischen unzählbar viele Untersuchungen, die zeigen: Es überleben mehr Kinder und sie leben auch besser, wenn der Mutter Menschen zur Seite stehen, die nur für die Kinder da sind, aber nicht eigene produzieren. Anders gesagt: Eltern können sich über ihre homosexuellen Brüder und Schwestern freuen, sie dienen mit dem Fortbestand des familiären Genoms. Großmütter, Onkels, Tanten, die vielen Adoptiveltern haben einen evolutionären Sinn.

Ebenso ärgerlich ist Blüms Verachtung der Geschichte. Er selbst schreibt vom „Kulturprodukt“ des Schutzes von Ehe und Familie. Dieser ist also historisch bedingt, dem Wandel unterworfen, nicht in Stein gehauen wie die Gesetze Mose. Aber schon seine Behauptung, Ehe und Familie seien von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes auf heterosexuelle Paare beschränkt worden, ist absurd. 1949 war die Vorstellung, zwei Frauen oder zwei Männer könnten einander heiraten wollen, ihre Beziehung als Familie betrachten, undenkbar. Nur heterosexuelle, nicht-behinderte, nicht-geisteskranke, nicht-straffällige, nicht geschwisterlich einander verbundene, nicht-Cousins – um einige weitere Ehebeschränkungen der Zeit aufzuzählen, konnten 1949 heiraten. Ein Mann wie der hochliberale Theodor Heuss focht Zeit seines Lebens für den Paragraphen 175. Und doch können wir hoffen, dass er auf das schwule Selbstbewusstsein seines Nachfolgers Guido Westerwelle stolz gewesen wäre.

Was ist eine Familie?

Und was eigentlich ist eine Familie? Blüms Vorstellung ist die der Kleinfamilie. Ein heterosexuelles Paar mit einer Anzahl selbst gezeugter Kinder. Diese Konstellation hat sich jedoch erst im 19. Jahrhundert als bürgerlich-urbaner Standard etabliert. Und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein boten eher Großfamilien, der Clan, die Sippe Schutz, Unterkommen und Nahrung. Hier hatten auch die vielen unehelichen „Bastarde“ ihre Rolle, die bis zu höchsten Weihen aufsteigen konnten – der englische König William I. der Eroberer etwa. Das bürgerliche, auf Kleinfamilien ausgerichtete Recht des 19. Jahrhunderts hingegen sprach nicht-ehelichen Kindern bis vor Kurzem noch die Vollgültigkeit ab. Es wird oft vergessen: In den 1970ern war der Ruch, unehelich zu sein, in weiten Kreisen fast so schlimm wie der, schwul zu sein.

So manche Generation kannte nur eine weibliche Gesellschaft: Die Männer, zumal die jungen im Vatersalter, waren im Krieg, gefallen, im Hospital oder in Kriegsgefangenschaft. Alte Männer und Frauen dominierten das Gesellschaftsleben. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein zogen auch in Deutschland Großmütter und Mütter mit Schwestern und Tanten die Kinder auf. Waren das keine Familien? Waren diese gleichgeschlechtlichen Partnerschaften unfähig, „wertvoll“ (Blüm) zu lieben, zu erziehen, zu leiten und zu formen? Gab es in Folge dieser Familienbeziehungen eine Welle der Homosexualisierung Deutschlands? Nicht dass wir wüssten.

Neue wirtschaftliche und kulturelle Bedingungen

Die bürgerliche Kleinfamilie, wie sie Norbert Blüm als Ideal an die Wand malt, ist also ein historischer Sonderfall, gebaut auf dem Nahrungsüberfluss der industriellen Revolution, guter Medizin, einem extremen Bevölkerungswachstum und einer Wirtschaft, die schnell abrufbare kleine Familien forderte. Die heutige Teil-Auflösung dieser Kleinfamilien ist hingegen nicht das Resultat moralischer Verrottung, sondern neuer wirtschaftlicher und kultureller Bedingungen.

„Du Schwuler“ ist das meistgebrauchte Schimpfwort in Deutschlands Kindergärten. Woher haben die lieben Kleinen wohl die Vorstellung, dass sich mit diesem Wort etwas ganz Übles verbindet? Praktisch alle Homo-, Bi-, Trans- oder sonstig Sexuellen haben eine heterosexuelle Sozialisation. Nichts beweist besser als diese Erkenntnis, wie wenig Einfluss die Erziehung auf die sexuelle Orientierung eines Menschen hat, wie unsinnig das russische Gesetz gegen homosexuelle „Propaganda“ ist. Es sind heterosexuelle Männer wie Norbert Blüm, die über die Sexualität bestimmen wollen, wer in der Gesellschaft herrscht. Sie legen immer neu die Grundlage für Homophobie und Minderheitenverachtung mit der Behauptung, dass ihre Vorstellung vom Leben „der Natur“ oder „der Kultur“ entspräche. Sie haben Angst davor, dass ihr eigenes, über eineinhalb Jahrhunderte entstandenes Männlichkeits- und Gesellschaftsbild ins Wanken kommt.

Sie sagen, wir achten Homosexelle, unsere besten Freunde sind welche – verweigern ihnen aber die gleichen Rechte wie allen Bürger. Es sind Männer wie Norbert Blüm, die es mit sich bringen, dass das Outing von Männern wie Thomas Hitzlspergers als „mutig“ bezeichnet werden muss.



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