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Berliner Zeitung | Denkmal am Schinkelplatz: Vielleicht muss die Friedrichswerdersche Kirche erst einstürzen
09. February 2016
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Denkmal am Schinkelplatz: Vielleicht muss die Friedrichswerdersche Kirche erst einstürzen

Die Friedrichswerdersche Kirche wurde stark beschädigt.

Die Friedrichswerdersche Kirche wurde stark beschädigt.

Foto:

imago/Thomas Lebie

Die Friedrichswerdersche Kirche hat also weitere Risse bekommen. Wahrscheinlich deswegen, weil direkt daneben sehr tief für die Autos gegraben wurde, und sehr hoch für Luxuswohnungen, Luxusbüros, Luxusläden und Luxussonstwas gebaut wird. Vorwarnungen gab es reichlich. Trotzdem überrascht uns das Desaster so ganz und gar nicht. Weil wir an der Museumsinsel studieren mussten, wie die Staatlichen Museen, wissend, dass der Untergrund eher einem Schwamm als wenigstens weicher Erde gleicht, trotzdem vom Bundestag für den Empfangsbau das Geld bekamen und inzwischen mehr als 140 Millionen Euro ausgeben.

Schamlos, aber die Berliner Öffentlichkeit applaudiert, weil es doch so viele klassische Pfeiler geben wird. Weil wir bei der Debatte um die Altstadt oder das „Schloss“ sehen mussten, dass Fassaden in dieser Stadt immer wichtiger sind als Funktionen.
Weil sich beim Radikal-Umbau der Staatsoper zeigte, dass Berliner Planer offenbar Untergrundkarten als unauffindbare Archivalien betrachten. Weil die Berliner fast unisono dem Abriss der denkmalwürdigen Magazingebäude der Staatsoper applaudierten, damit das Edward-Said-Zentrums von Daniel Barenboim kommt. So berühmte Namen aber auch. Und Frank Gehry als Architekt. Da sollte man nicht zwei Mal nachdenken...

Das gehört nicht irgendwem, sondern uns

Immer und immer wieder warnen die Fachbeamten in den Verwaltungen, mahnen zur Zurückhaltung. Auch bei der Friedrichswerderschen Kirche zeigten die Zeichnungen, dass die Häuser viel zu groß und viel zu nahe an die Kirche gestellt werden sollten. Aber der Senat schwärmte vom „neuen Berliner Bürgertum“, das hier siedeln werde. Außerdem hat der Bund die Grundstücke sauteuer verkauft. Und man kann den Eigentümern die Super-Rendite doch nicht verwehren. Wird schon gut gehen.

Bevor jetzt wutbürgerliche Lesermailschreiber ihre Tastatur aufschlagen: Unsere Beamten und auch die meisten Politiker sind meistens ziemlich kompetent. Sie wissen, was sie tun, sie tun es mit Blick auf die Wähler, also auf uns! Bevor also in dieser Stadt Denkmalpfleger und Fachbeamte nicht mehr populistisch als unfähige Bremser bezeichnet werden, muss wohl ein echtes Desaster passieren. In Köln brauchte es schließlich auch die Katastrophe des Stadtarchiv-Einsturzes, bis sich die breitere Bevölkerung bewusst wurde: Das gehört nicht irgendwem, sondern uns. Wir sollten vielleicht anfangen, auf den Einsturz der Friedrichswerderschen Kirche zu hoffen.