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Der Spiegel: Online vs. Print: Zoff beim Spiegel

Heller Schein und dunkle Wolken: das Spiegel-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity.

Heller Schein und dunkle Wolken: das Spiegel-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity.

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dapd

Der neue Spiegel ist gerade im Druck, es ist Sonnabend, Zeit für einen Kaffee. Chefredakteur Georg Mascolo reagiert auf Fragen mit Gegenfragen, steckt sich eine Zigarette an, er windet sich. Schließlich gibt er zu, dass der neue Werbeslogan doof ist: „Die Konferenz, vor der Politiker zittern“. So etwas provoziert Häme, erst recht in einer Zeit, in der das Magazin nicht gerade die Hochphase seiner Nachrichtenstärke erlebt.

Es braucht sich also keiner zu wundern, dass dieses Anzeigenmotiv in der Versenkung verschwindet. Aber auch der Spot irritiert. Zu sehen ist Mascolo mitsamt Kollegen in Aktion. „Total unspiegelig“, sagt ein ehemaliger Spiegel-Haudegen. War es nicht noch vor wenigen Jahren so, dass Spiegel-Artikel ohne Nennung der Autoren erschienen? Die Redaktion war eine amorphe Masse. Der Spiegel, das war das Nachrichtenmagazin mit dem roten Rahmen. Eine Autorität, die nicht erst auf ihre Autorität hinweisen musste.

Vor den Konferenzen zittern ohnehin eher die Redakteure. Symptomatisch ist das in Berlin. Konstantin von Hammerstein ist ein freundlicher Mann mit guten Umgangsformen. Doch seitdem er das Hauptstadtbüro leitet, seit Jahresbeginn also, tauschen sich Redakteure nach den Konferenzen oft aus, wie entsetzlich wieder alles ablief. Das Entsetzen eint sie so sehr, dass manche, die sich bis vor kurzem nichts zu sagen hatten, wieder miteinander reden. Hammerstein behauptet, die Stimmung sei nicht schlecht. Womöglich schaltet er das aus wie manchmal, wenn vor seinem Fenster am Brandenburger Tor Touristen oder Demonstranten lärmen. Hammerstein reicht den Kopfhörer herüber, der für solche Fälle bereit liegt. Tatsächlich: absolute Stille. Sekunden später bereut er die Sache mit dem Kopfhörer. Er ist selbst Journalist und weiß, was er aus dieser Szene gemacht hätte. Den Eindruck, er schirme sich hermetisch ab, will er nicht erwecken. Seine Wangen erröten.

Kommt Zeit, kommt Aufmacher

Es ist nicht so, dass er Kritik nicht wahrnimmt. Etwa die an seiner Antrittsrede im März. Den anwesenden Politikern sagte er damals, sie seien süchtig nach Aufmerksamkeit, der Spiegel nach Informationen. Die Redakteure schütteln darüber den Kopf. Sie seien doch nicht dafür da, mit Politikern Geschäfte auf Gegenseitigkeit zu betreiben, sagen sie. Hammerstein sagt, er habe das ironisch gemeint.

Kern des Problems, unter dem das Hauptstadtbüro leidet, sei der Mangel an Ideen für politische Aufmacher, sagen Redakteure in Berlin wie in der Hamburger Zentrale. Womöglich sieht das auch Mascolo so, wie jene Szene belegt, die jeder, der dabei war, gleich erzählt. Nur Hammerstein will sich an die Bloßstellung nicht erinnern können. Sie trug sich an einem Donnerstag zu, als mal wieder keiner wusste, was Aufmacher werden soll, also der erste große Artikel im Deutschland-Teil. In die Ratlosigkeit hinein fragte Hammerstein: „Sag mal, Georg, was wird denn Titel?“. Das habe Zeit, jetzt müsse erst ein Aufmacher gefunden werden, antwortete er eisig. Als Hammerstein zum dritten Mal nachhakte, schob Mascolo, wie es seine Art ist, den Unterkiefer nach vorn. Ein Titel, sagte er, habe sich schon immer gefunden. Hammerstein, arglos: Ein Aufmacher auch.

Als eine Ursache für die Berliner Ideenlosigkeit nennen die Redakteure Hammersteins Führungsstil. Morgens frage er jeden einzeln wie ein Lehrer ab, woran er arbeite. Eigene Impulse kämen nicht. Auf Unverständnis stieß, wie dieses Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über 1968, Viagra und die eigene Begräbniszeremonie politischer Aufmacher werden konnte. Anfang April war das. Einer der furchtloseren Berlin-Redakteure machte daraufhin seinem Ärger in der Konferenz Luft. „Belanglosigkeit“ lautete ein Vorwurf. „Focus-Niveau“ ein anderer. Hammerstein musste den Umzugsurlaub abbrechen.

Gleich mehrere Redakteure haben das Weite gesucht, Stellen sind vakant. Solange sie nicht besetzt sind, empfindet es Hammerstein als zu früh, über Strategien zu reden. Dabei wusste er seit September, dass er im Januar Leiter des Büros wird und hatte es bis dahin nicht an Kritik am Vorgänger fehlen lassen.

Schließlich erzählt er von Pendelbewegungen. Seinem Vor-Vorgänger Gabor Steingart sei es um nachrichten- und thesenstarke Stücke gegangen. Dirk Kurbjuweit habe das Schreiberische betont. Er wolle beides vereinen und das Hauptstadtbüro thematisch öffnen. Das Gespräch mit Cohn-Bendit sei so ein Experiment gewesen. Bei der Frage, ob er zu viel Wert aufs Repräsentieren durch ausgedehnte Mittagstermine legt, verweist er auf die fünf Titelgeschichten, die in diesem Jahr aus Berlin gekommen sind. Die letzte hieß „Ziemlich beste Feinde“, eine vom zuvor erschienenen Magazin Cicero entlehnte Zeile. Das von Jan Fleischhauer und Hammerstein mit viel Luft zusammengerührte Stück handelte von Gemeinheit und Kälte in der Politik. Für eine klassische Spiegel-Titelgeschichte wären die News zu Norbert Röttgens Rauswurf angeblich zu dürftig gewesen. Auch Mascolo verteidigt das Stück und damit Hammerstein. Er hat ihn berufen. Außerdem gibt es genug andere Baustellen.

Vor wenigen Tagen haben die Spiegel-Mitarbeiter, denen der Verlag zu 50,5 Prozent gehört, ihr jährliches Schreiben bekommen und damit die Nachricht, dass an jeden wieder eine fünfstellige Summe vom Gewinn ausbezahlt wird. Keine gute Voraussetzung, um von einer Notlage zu reden, die auch der Redaktion mehr Kreativität abverlangt. Doch dafür müsste das Arbeitsklima stimmen. Ein Redakteur nennt es fremdenfeindlich: Beim Spiegel habe nur der eine Chance, der zur geschlossenen Gesellschaft der rein männlichen Spiegel-Führung passt und versteht, im richtigen Moment dem Richtigen zuzustimmen.

Der Mangel an Frauen in der Redaktion kocht derzeit besonders hoch, auch weil im Wirtschaftsressort schon wieder eine Führungsposition mit einem Mann besetzt werden soll. Jakob Augstein hat sich zu dem Thema in dieser Woche bei einer Diskussionsveranstaltung geäußert. Er mahne den Frauenmangel immer wieder an und gehe damit allen „auf den Senkel“, sagte der Sprecher der Erbengemeinschaft. Ihm würden dann immer alle recht geben, passieren würde nichts.

Am vergangenen Wochenende war das ähnlich. Mascolo saß auf einem Podium und sollte begründen, warum er gegen eine Frauenquote beim Spiegel ist. Er sagte, als beim Henri-Nannen-Preis eine komplette Fußballmannschaft inklusive Ersatzspieler auf die Bühne kam, um sich den Preis in der Kategorie Dokumentation abzuholen, „ist selbst uns aufgefallen, dass da etwas schief läuft“. Da müsse dringend etwas unternommen werden. Konkreter wurde er nicht. Augstein könnte also recht haben: „In Wahrheit will keiner etwas ändern“, der Spiegel würde ohnehin zu 70 Prozent von Männern gelesen. Könnte ein Umdenken in der Redaktion womöglich nicht nur den Frauenanteil unter den Lesern, sondern sogar die Auflage erhöhen? Dass sie sinkt, verunsichert Mascolo zweifellos, zumal dem Rechercheur, der er vor seiner Berufung war, beim Blattmachen das Bauchgefühl seines Vorgängers Stefan Aust fehlt. Nicht ohne Grund hat er sich von allen Seiten Beratung geholt: einen Art Direktor, eine Zeilenmacherin, einen Textchef als Stellvertreter, einen fürs Inhaltliche.

Ein Redakteur beschreibt das Problem so: Früher sei es ein rhetorischer Einstieg in ein Gespräch gewesen, wenn jemand fragte: „Hast du das im Spiegel gelesen?“ Heute könne man tatsächlich nicht mehr voraussetzen, dass jeder politisch Interessierte den Spiegel gelesen hat, erst recht, da kaum ein Print-Artikel bei Spiegel online erscheint. Print und online gehen beim Spiegel getrennte Wege, so wie die beiden Chefredakteure, Mascolo für Print, Mathias Müller von Blumencron fürs Digitale.

Die Auflage sinkt

Mascolo hat den Kampf gegen den zeitweiligen Co-Chefredakteur beim Print-Spiegel gewonnen. Derzeit findet das Rückspiel statt. Im Moment liegt Blumencron vorn. Einzelverkauf und Abo-Auflage des Print-Spiegel sinken, die auf Print-Inhalten erstellte App und das E-Paper wachsen. Mascolo kämpft gegen das Minus, Blumencron freut sich über das Plus. Kein Wunder, dass er Mascolos Forderung nach einer Online-Bezahlschranke ablehnt. Er will die Reichweiten nicht gefährden, zumal Spiegel Online 2011 allein durch Werbefinanzierung bei zweistelligen Renditen ein Zehntel zum Gesamtumsatz von 326 Millionen Euro beitrug. Mascolo dagegen will sich nicht von Werbung abhängig machen und ist überzeugt, dass ihr Wachstum auch online endlich ist. Er setzt auf Vertriebserlöse, also auf bezahlten Journalismus, auf starke Geschichten und starke Titel. So wie der, auf den Mascolo an jenem Sonnabend neugierig gemacht hat. Mit der Geschichte über die Lieferung atomwaffenfähiger U-Boote nach Israel war der Spiegel diese Woche, was er häufiger sein müsste: relevant, nachrichtenstark, tonangebend.