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Des versuchten Mordes beschuldigt: Wie ein Leipziger Geiger versucht, in den USA seine Unschuld zu beweisen

Seit neun Monaten ist Stefan Arzberger in New York. Er muss bleiben, bis sein Fall geklärt ist.

Seit neun Monaten ist Stefan Arzberger in New York. Er muss bleiben, bis sein Fall geklärt ist.

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Berliner Zeitung/anja reich

New York -

Vor ein paar Wochen hat sich Stefan Arzberger bei „Law & Order“ gesehen. Er hatte lange Haare, trug einen Frack und spielte Flöte. Das Publikum tobte. In der amerikanischen Fernsehserie war Arzberger ein Star. Nach dem Auftritt sieht man ihn an der Bar eines Hotels. Eine Frau setzt sich zu ihm. Er fragt sie, ob er ihr einen Drink bestellen könne. Sie sagt, sie würde lieber mit ihm aufs Zimmer gehen. In der nächsten Szene ist zu sehen, wie sie seine Brieftasche ausräumt und mit der 50.000 Dollar teuren Flöte das Hotel verlässt, er liegt auf dem Bett, reglos. Allerdings muss er später wieder aufgestanden sein. Aufnahmen der Hotelüberwachungskameras zeigen, wie der Flötist nackt über den Flur läuft, an Türen hämmert, mit russischem Akzent irgendetwas ruft. An dieser Stelle musste Stefan Arzberger den Fernseher ausmachen. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, sagt er.

Es ist ein milder Dezembertag vor Weihnachten. Arzberger läuft durch den Central Park in Manhattan, ein groß gewachsener Mann, seine Haare sind kurz, er hat keinen russischen, sondern einen sächsischen Akzent, und sein Instrument ist nicht die Flöte, sondern die Geige, aber wer diese Folge von „Law & Order“ sieht, erkennt sofort, dass die Serienmacher seine Geschichte verwendet haben, seinen Fall. Das Konzert, die Hotelbar, die Prostituierte, der Diebstahl, und ja, auch die Szene auf dem Hotelflur, alles könnte sich so abgespielt haben.

Ein Drink, eine Zigarette

Könnte, sagt er. Weil es ja immer noch so viele Fragen gibt, weil er wahrscheinlich nie erfahren wird, was wirklich in jener Nacht im März des Jahres 2015 geschah. Es begann wie ein ganz normaler Abend in New York. Arzberger, 43 Jahre alt, verheiratet, im Vogtland geboren, in Leipzig studiert, Orchestermitglied bei Kurt Masur, sollte mit seinem Streichquartett im New Yorker Harvard Club spielen. Haydn, Puccini, Mendelssohn und am folgenden Tag an der Universität von Connecticut ein weiteres Konzert: Strawinsky, Wagner.

Die Musiker, die sich aus dem Studium kennen, in Leipzig leben und seit 2008 zusammenspielen, stiegen im Hotel Hudson in der Nähe des Central Parks ab. Sie beschlossen, den Abend alleine zu verbringen. Wenn man immer zusammen um die Welt fliegt, braucht man manchmal ein bisschen Abstand, sagt Arzberger.

Er brachte sein Gepäck aufs Zimmer und machte sich auf den Weg in die Stadt: Abendessen im Matt’s Grill in der 8th Avenue, ein Drink in der Three Monkeys Bar und an der Hotelbar noch ein kleines Bier. Neben ihm saßen zwei junge Frauen, eine hatte einen britischen Akzent, das weiß er noch, und auch, dass er sein Bier auf dem Tresen stehen ließ, als er vor die Tür ging, um eine zu rauchen. Als er zurückkam, trank er das Glas aus, die Bar machte zu, und Arzberger, der noch nicht müde war, beschloss, zum Times Square zu laufen und nach dem Ort zu suchen, wo „Birdman“ spielt. Im Flugzeug hatte der Geiger den Trailer gesehen und gedacht, dass er den Film gerne mit seiner Frau sehen würde.

Das ist die letzte genaue Erinnerung an diese Nacht, wie er sich gegen ein Uhr auf die Suche nach dem „Birdman“-Drehort macht. Ob er dort angekommen, wie er zurück ins Hotel gekommen ist – alles weg. Zwei Bilder sieht er noch dunkel vor sich: wie eine Frau ihn anspricht und wie er sich in einem Treppenhaus befindet und irgendwie erschöpft ist. Wie es weiterging, das zeigen von jetzt an nur noch Videoaufnahmen, Zeugen- und Opferaussagen.

Auf den Videos sieht man, wie Stefan Arzberger um 3.52 Uhr zurück ins Hotel kommt, eine schwarze Frau an seiner Seite. Sie steigen in den Fahrstuhl, Arzberger schwankt leicht, als die Frau sich zu ihm beugt, weicht er zurück. Sie gehen auf sein Zimmer. Um 4.37 Uhr erscheint die Frau wieder in der Lobby, unter ihrem Arm sein iPad. Eine Stunde später versucht sie, an einem Geldautomaten mit Arzbergers Kreditkarten Geld abzuheben. Später bestellt sie auf seine Kosten zwei iPhones und Schmuck im Wert von 1000 Dollar.
Arzberger wird erst wieder morgens gesehen, gegen 7.30 Uhr, als er über den Flur der neunten Etage des Hotels Hudson läuft und gegen Türen hämmert. Er ist nackt. Hotelbewohner informieren den Sicherheitsdienst, eine Frau öffnet die Tür: Pam Robinson, 64, aus North Carolina, auf New-York-Besuch, um eine Freundin zu treffen. Als sie den nackten Mann sieht, will sie die Tür zuschlagen, aber der hält ihr den Mund zu, packt sie am Hals, drückt sie gegen die Wand. So wird Pam Robinson es später der Polizei sagen. Der Wachmann, der eine Minute später die Tür öffnet, sagt aus: „Es sah so aus, als hätte er seine Hand um ihren Hals gelegt.“

Die Polizei legt Arzberger in Handschellen. So kommt er zu sich: nackt und in Handschellen auf seinem Bett sitzend, um ihn herum New Yorker Cops, die sagen: „You did it, admit it!“ Sie haben es getan, geben Sie es zu! Er weiß nicht, wovon sie reden. Ihm ist schlecht und heiß, das Licht ist zu grell, er denkt, dass es sich um einen Irrtum, eine Verwechslung handeln muss. Dass seine Brieftasche und sein iPad fehlen, wird er erst Stunden später bemerken. Dass die Frau, die ihn bestohlen hat, in Wirklichkeit ein Mann ist, ein Transsexueller aus Brooklyn, zwölfmal wegen Prostitution verurteilt, finden seine Anwälte erst Wochen später heraus.

Für die New Yorker Polizei und die Staatsanwaltschaft ist die Sache schnell klar: Der Deutsche ist ein gefährlicher Gewaltverbrecher, und Pam Robinson würde vermutlich nicht mehr leben, wenn der Wachmann nicht dazwischengegangen wäre. Warum man die Frau dann allerdings gleich zu einer Freundin nach Connecticut fahren lässt und ihren Wunsch akzeptiert, sich nicht medizinisch untersuchen zu lassen, ist eine der vielen ungeklärten Fragen dieses Falles. Erst später, als sie das Hotel lange verlassen hat, wird sie Fotos ihrer Verletzungen schicken, eine Zivilklage einreichen und 20 Millionen Dollar Schmerzensgeld verlangen.

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie das Gericht zunächst verhinderte, dass das Blut des Musikers auf Drogen getestet wird.

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