blz_logo12,9

Deutsch-Israelische Literaturtage: Wohin mit der Vorhaut?

Der Autor Assaf Gavron.

Der Autor Assaf Gavron.

Foto:

imago stock&people

Vor ungefähr acht Jahren, als ich in London lebte, riefen meine guten Freunde Naomi und Michael an und fragten mich, ob ich Zeuge der Beschneidung ihres Sohnes sein wollte. Sie würden keine religiöse Zeremonie daraus machen, versicherten sie mir. Der „Mohel“ – so nennt man die Person, die die Beschneidung durchführt – sei ein Arzt. Die Beschneidung sollte bei ihnen zu Hause stattfinden ohne Gäste, Gebete oder Feierlichkeiten.

Natürlich sagte ich sofort zu. In freudiger Aufregung über die Geburt des ersten Kindes meiner langjährigen Freunde und meine Rolle bei diesem ganz speziellen Ereignis, fuhr ich die kurze Strecke zu ihrer Wohnung in Primrose Hill, dem wunderschönen Viertel in North London.

Beschneidung ist ein kurioses, interessantes und heikles jüdisches Gebot, was seine Einhaltung, Auslegung und Umsetzung betrifft. Säkulare Juden wie ich selbst, die meisten meiner Freunde, darunter Naomi und Michael, befolgen so gut wie keins der religiösen Gebote des Judentums: Wir reisen und benutzen Elektrizität am Sabbat, wir essen nicht koscher, gehen nicht in die Synagoge oder beten sonst irgendwo zu unserem Gott, tragen keine Kippa (Männer) und bedecken unser Haar nicht (verheiratete Frauen). Wir betrachten uns als modern, fortschrittlich, als Weltbürger. Doch die meisten säkularen Israelis, denen ein Sohn geboren wird, lassen ihn dennoch beschneiden.

Sozialer Aspekt

Einerseits ist das ein seltsamer Brauch: Beschneidung ist ein gewaltsamer Eingriff, der einem jungen Baby körperliche Schmerzen zufügt. Es gibt keine fundierten medizinischen Argumente dafür, und sie erscheint wie ein jahrtausendealtes primitives Ritual, das mit der Schaffung eines „Bundes“ zwischen dem Neugeborenen und Gott gerechtfertigt wird (so lautet die wörtliche Übersetzung des hebräischen Wortes für Beschneidung: „Brith“).

Warum um alles in der Welt sollten wir – säkulare israelische Juden, die nicht einmal die einfacher einzuhaltenden religiösen Vorschriften befolgen, die alles tun, um unsere kleinen Babys zu beschützen, die sich über alte religiöse und heidnische Rituale lustig machen –, warum also sollten wir einverstanden sein mit dieser grausamen Verletzung unserer nur ein paar Tage alten Babys zu einem religiösen Zweck, an den wir nicht glauben?

Andererseits gibt es einen nachvollziehbaren sozialen Aspekt der Beschneidung. Durch sie wird das Baby zum „Mitglied des Stammes“. Die Eltern und später er selbst erlangen dadurch ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Identität. Zudem verhindert sie, dass er zum Außenseiter wird und von der Norm abweicht. Und da es sich um einen sichtbaren physischen Unterschied handelt – nicht im Alltagsleben, aber in manchen Situationen (es wird gern das Beispiel des „Duschens beim Militärdienst“ angeführt) − könnte es zu einem Thema werden, wenn jemand nicht beschnitten ist.

Wenige, die darüber reden

Ich finde es interessant, dass diese beiden Positionen, deren wichtigste Argumente ich aufgezählt habe, kaum diskutiert werden. Meines Erachtens ist es eine Diskussion mit beiderseits starken Argumenten, die Teil der größeren aktuellen Diskussion über das Verhältnis von Religion und Staat in unserem Land sein sollte – eine Diskussion, die hinsichtlich des Militärdienstes, koscheren Essens und der Öffnung von Geschäften am Sabbat geführt wird. Doch aus irgendeinem Grund wird kaum über die Beschneidung gesprochen. Es gibt nur wenige Menschen, die sich weigern, ihre Söhne beschneiden zu lassen – und noch weniger, die darüber reden. Und wenn sie es doch tun, werden sie für gewöhnlich als extrem bezeichnet und auf Webseiten angegriffen.

Ich kam in Naomis und Michaels Wohnung an, in der jetzt auch ihr neugeborener Sohn Jonathan lebte. Naomi war blass, Michael ein bisschen nervös. Der Doktor, der zufälligerweise auch Rabbi war (oder umgekehrt) war sehr nett und wirkte professionell (man ist immer ein bisschen argwöhnisch, dass derjenige, der die Beschneidung durchführt, auch ja keinen Fehler macht). Nachdem seine Mutter ihn gestillt hatte, bat der Arzt mich, Jonathan zu halten, und schnitt dann rasch zu. Jonathan schrie und wurde seinen Eltern übergeben, und der Doktor-Mohel-Rabbi erklärte ihnen, wie sie die Wunde behandeln sollten. Dann sagte der Mann „Masel-tov“ und ging. Michael schaute zu dem weinenden Baby, dann zu mir und meinte: „Ich weiß nicht, warum wir ihm das angetan haben.“

Wir standen vor der Frage, was mit der Vorhaut geschehen sollte. Der Mohel-Doktor-Rabbi hatte sie in ein Papiertaschentuch gewickelt mit der Anweisung, sie zu entsorgen. Aber es erschien uns falsch, einen Teil von Jonathans Körper – etwas, das fünf Minuten zuvor noch ein lebender Teil von ihm gewesen war – in den Mülleimer zu werfen. Nachdem wir bei einer Tasse Kaffee fünf Minuten über das Schicksal der Vorhaut diskutiert hatten, wurde ich beauftragt, eine Lösung zu finden.

Muss es dieses Ritual sein?

Ich fuhr mit der in das Taschentuch gewickelten Vorhaut nach Hause, holte eine Schaufel und ging in den Park Hampstead Heath, der sich am Ende meiner Straße befand. Ich spazierte ein paar Minuten lang durch den weitläufigen wilden Park, fand einen großen Baum und schaufelte in seinem Schatten ein kleines Grab, das tief genug war, dass Füchse und Eichhörnchen es nicht allzu leicht wieder aufscharren konnten, und begrub darin das nicht-jüdische Stückchen Haut des kleinen Jonathan.

Ich hielt diesen kleinen Flecken Natur mit seinem Blick über die riesige Metropole und den grauen Himmel für die ideale Ruhestätte. Ich dachte, was für ein bizarres Ritual es doch ist, fragte mich, warum wir es als säkulare Juden beibehalten und was für einer Art Glauben es dient, und dennoch, auch wenn wir nicht an Gott glauben, aber daran, diesem komplexen und komplizierten Stamm der Juden anzugehören, dann brauchen wir vielleicht ein paar Rituale – aber muss es ausgerechnet dieses sein? Und als nächstes fragte ich mich, was ich tun würde, wenn ich einen Sohn bekäme.

Im Jahr darauf wurde meine Frau mit unserem ersten Kind schwanger. Ein paar Monate später war bei der Ultraschalluntersuchung sein Geschlecht erkennbar. Es war ein Mädchen.

Assaf Gavron liest am Sonnabend, 12. April im Literaturhaus im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage, die vom Goethe-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet und 2014 von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Botschaft des Staates Israel gefördert werden.

Das ganze Programm finden Sie unter: www.goethe.de/literaturtage oder: www.boell.de/literaturtage.