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Deutsche Oper: Surrealismus in der Anwaltskanzlei

Evelyn Herlitzius (M.) in der Hauptrolle einer rothaarigen femme fatale.

Evelyn Herlitzius (M.) in der Hauptrolle einer rothaarigen femme fatale.

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Bernd Uhlig

Doppelgängerinnen sind schick in den neuen Produktionen der Deutschen Oper. Claus Guth vervielfältigte in seiner „Salome“ die Titelfigur mit einem Reigen an Mädchen in verschiedenen Lebensaltern. David Hermann macht in der am Freitag vorgestellten „Sache Makropoulos“ etwas ähnliches, wenn er die 337 Jahre alte Emilia Marty mit ihren früheren, je nach Epoche unterschiedlich gekleideten Alias auftreten lässt. Was bei Guth Teil einer geradezu psychoanalytischen Deutung seiner abnorm begehrenden Heldin war, ist bei Hermann eher ein ästhetischer Gag zur Brechung des seltsamen Realismus’ dieser seltsamen Oper.

Dass Leoš Janácek aus dem Theaterstück des großen Karel Capek eine Oper machen wollte, versetzte damals selbst dessen Autor in Erstaunen. Der hatte sich eine Komödie ausgedacht, die in Anwaltskanzleien und Hotelzimmern spielt, in der unübersichtliche Erbstreitigkeiten ausgetragen werden und eine innerlich vereiste Frau von 337 Jahren die Männer um ihren Verstand bringt. Wie daraus etwas werden sollte, was einer Oper auch nur entfernt ähnlich sehen soll, konnte sich Capek nicht vorstellen. „Die Sache Makropoulos“ wurde tatsächlich Janáceks extremstes Stück, seine härteste und am wenigsten melodische Oper.

Im Zentrum steht Elina Makropoulos, an der um 1600 ein medizinisches Experiment durchgeführt wurde, das ihr ewige Jugend verleiht. Als Opernsängerin feiert sie unter wechselnden Namen wie Ellian MacGregor oder aktuell Emila Marty weltweite Erolge. Nun aber lässt die Wirkung des Jugendelixiers nach, und um sie aufzufrischen, benötigt sie das Rezept, das in Prag beim Nachfahren ihres ehemaligen Geliebten liegt – der nun wiederum mit einem Nachfahren ihres Sohnes, den sie als Ellian MacGregor gebar, um die Erbschaft eines Landgutes prozessiert.

Wichtige Banalität

Wer bei Oper automatisch an historische Schauplätze denkt und prinzipiell aufgeputschte Gefühlslagen verlangt, den mögen die banalen Orte und zuweilen banalen Dialoge in der „Sache Makropoulos“ verblüffen – noch verblüffender ist indes die handfest fantastische Idee der ewigen Jugend; es gibt dergleichen im realistischen Musiktheater Janáceks kein zweites Mal.

Aber die Banalität ist wichtig zur Beglaubigung des Wunders, denn sonst befindet man sich im Märchen. Der Surrealismus, den Hermann auf der Bühne veranstaltet, wenn er zu Beginn der modernen Kanzlei von 1922 rechts auf der Bühne einen Saal von 1827 links gegenüberstellt, ist zunächst durchaus witzig: Da agieren die Figuren mal spiegelbildlich, mal machen sie das, was die Figuren auf der modernen Seite erzählen, zum Beispiel erscheint dann plötzlich der kleine Sohn von Ellian MacGregor samt der entsprechend empiremäßig gekleideten Mutter.

Die Bedeutung dieser zweiten Ebene schwankt somit zwischen reizvoller Brechung und trivialer Bebilderung. Für den Zuschauer öffnet sich damit ein Tor ins Fantastische – allerdings eines, das die dem Krimi verwandte Struktur der Oper unterläuft. Hermann vermag seine Bildidee zudem nicht konsequent zu verfolgen, und wenn am Ende, als Emilia Marty in dem einzigen größeren Sologesang ihre Geschichte enthüllt, liegen ihre Doubles zuckend auf Bahren, betreut von den anderen Figuren des Stücks. Das ist ein beeindruckendes, aber inhaltlich eher unbestimmtes Bild.

Eine Frau von 337 Jahren

Dass Hermanns Inszenierung Bedeutung suggeriert, aber kaum je erzeugt, störte das Premierenpublikum nicht, es schien rundum glücklich. Aufgebaut ist die gesamte Produktion um Evelyn Herlitzius, die in der Hauptrolle einer rothaarigen femme fatale ablegt, was an ihr bislang kindlich wirkte. Das betrifft auch die Wirkung ihrer Stimme, die sonst leicht aus der Fassung geriet, hier aber ungemein beherrscht klingt – um den Preis, dass man die Kraft, die zur Bändigung nötig ist, auch immer spürt. Ihrem Rollenporträt geht die Souveränität einer Frau, die mit ihren 337 Jahren alles gesehen hat, daher weitgehend ab. Dank ihrer ungeheuren darstellerischen Energie wirkt Evelyn Herlitzius’ Emilia Marty dabei enorm gefährlich, aber auch stets angespannt.

Den Rest der Besetzung drängt sie mit ihrer Präsenz tendenziell an die Wand, obwohl durchgängig sehr gut gesungen wird: Derek Welton ist ein düster-autoritärer Baron Prus, sein von Gideon Poppe gesungener Sohn Janek dagegen ein Hemd – als er sich in die Marty verliebt, wird er vollends zur lächerlichen Marionette von Vater und Operndiva. Seth Carico ist als Anwalt Kolenaty ein staubtrockener Pedant, Jana Kurucová seine bezaubernd schüchterne Tochter mit Opernambitionen.

In ihrer eng geführten Höhe absolut stilecht agieren Ladislav Elgr als Gregor und Paul Kaufmann als Vitek. Donald Runnicles zeigt am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Klangsinn, der ihn zuweilen zu verwaschenen Rhythmen und eher ungespannter Leitung verführt, aber die verblüffenden Extreme von Janáceks Instrumentation beeindruckend herausarbeitet.



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