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Diagonale erinnert an österreichische Künstler, die nach Ost-Berlin emigrierten

Wolfgang Heinz in „Professor Mamlock“ (DDR 1961, Regie: Konrad Wolf)

Wolfgang Heinz in „Professor Mamlock“ (DDR 1961, Regie: Konrad Wolf)

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DEFA-Stiftung/ Walter Ruge

Während die Wiener Regierung alles daran setzt, die Grenzen ihres Landes für Flüchtlinge zu schließen, widmet sich das österreichische Kino mit nicht nachlassender Energie den Themen Flucht, Vertreibung und Exil. Im Programm des derzeit in Graz stattfindenden Filmfestivals Diagonale sind diese Themen jedenfalls fest verankert, zum Beispiel in Dokumentarfilmen wie „Paradies! Paradies!“ über irakische oder „Last Shelter“ über afghanische und pakistanische Flüchtlinge. Darüber hinaus lädt Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ zum Vergleich mit dem diesjährigen Berlinale-Gewinner „Fuocoamare“ ein: Brossmann gelingt eine sensibel beobachtete Studie über die alltägliche Solidarität von Gestrandeten und Einheimischen auf der italienischen Mittelmeerinsel.

Von Westen nach Osten

Abseits der aktuellen Filme öffnet die Diagonale aber auch den Blick auf ein besonderes und keineswegs rühmliches Kapitel der österreichischen Kulturgeschichte: In der Retrospektive „Das zweite Exil“, die mit Unterstützung der DEFA-Stiftung entstand, erinnert das Festival an eine Gruppe Wiener Schauspielerinnen und Schauspieler, denen im Juni 1956, vor genau sechzig Jahren, das Theater geschlossen und die Arbeit genommen wurde. Die meisten von ihnen nahmen daraufhin Einladungen von Bertolt Brecht und Wolfgang Langhoff an, ans Berliner Ensemble und das Deutsche Theater zu kommen. Mit Theaterarbeit im Exil kannten sie sich als langjährig engagierte Antifaschisten gut aus: Schon während der NS-Zeit hatten sie aus ihrer Heimat fliehen müssen und, vor allem am Zürcher Schauspielhaus, eine neue Betätigung gefunden.

Fünf der damals nach Ost-Berlin übergesiedelten Künstler werden nun von der Diagonale mit Filmprogrammen geehrt: Wolfgang Heinz, Erika Pelikowsky, Otto Tausig, Lilly Schmuck und Karl Paryla. In Wien hatten sie seit 1948 am Neuen Theater in der Scala gespielt, einem von der russischen Besatzungsmacht lizenzierten, selbstverwalteten Schauspieltheater mit sagenhaften 1 256 Plätzen. Die Scala verstand sich als „linke Bühne“; über Theater und Spielplan wurde gemeinsam entschieden, auf dem Programm standen neben Brecht und Shakespeare, Molière und Shaw, Nestroy und Grillparzer auch Dramen von Gorki, Tolstoi oder Ostrowski. Doch obwohl „kommunistische Tendenzstücke“ fast völlig fehlten, verteufelte die restaurative Wiener Presse das Haus als fremdgelenkt. Zudem waren dem Wiener Kulturamt die genossenschaftlichen Strukturen ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt wurde die vom Ensemble angestrebte, von Brecht inspirierte „lebendige Unruhe und produktive Verunsicherung“ misstrauisch beobachtet. Nach dem Staatsvertrag und dem Abzug der sowjetischen Besatzer 1955 entzog die Stadt dem Theater jede Unterstützung.

Von den damals exilierten Wiener Künstlern, zu denen auch Emil Stöhr, Peter Sturm, Trude Bechmann, Fritz Links, Hortense Raky und andere gehörten, blieben manche ihr Leben lang in der DDR, spielten Theater, drehten Filme wie „Professor Mamlock“ oder „Der verlorene Engel“. Manche ließen Ost-Berlin aber auch schnell wieder hinter sich, teilweise noch vor dem Mauerbau: Mit Bürokratie und parteiamtlicher Zensur wollten sie sich nicht abfinden, zogen lieber eine ungewisse Zukunft im Westen vor.

Temperament im Gepäck

Aus Wien hatten sie Sinnlichkeit und komisch-satirisches Temperament ins Berliner Theaterleben mitgebracht. Legendär wurden ihre elegante Dialogführung, der Charme ihres Ensemblespiels, die Treffsicherheit beim Setzen von Pointen. Die Symbiose von Berliner und Wiener Mimen, von preußischer Strenge und österreichischem Schmäh trug zu grandiosen Theaterabenden bei: Klassiker unter der Regie von Wolfgang Heinz waren bald ebenso in aller Munde wie die von Otto Tausig inszenierte Komödie „Der Diener zweier Herren“ an der Volksbühne, eine Aufführung voller Tempo und Witz, mit dem unvergessenen Rolf Ludwig in der Hauptrolle.

Währenddessen wurden die Schauspieler in Österreich fast vergessen. Wer nach Wien zurückkehren wollte, sah sich oft über Jahre, mitunter Jahrzehnte ausgegrenzt, fand nur über Umwege an westdeutschen und Schweizer Theatern wieder Arbeit zu Hause. „Fatalerweise“, heißt es im Katalog der Diagonale, „hat es die Zweite Republik unter dem Eindruck des Kalten Krieges verabsäumt, die künstlerischen und gesellschaftskritischen Potenziale dieser außergewöhnlichen Schauspieler zu nutzen.“ So stellt die Grazer Retrospektive auch einen Akt der Wiedergutmachung dar. Sechzig Jahre später.