blz_logo12,9

Die "Meistersinger" an der Staatsoper: Ehrt mir die Deutschland AG!

Stephan Rügamer als David (Anzugträger) im Kreise der Lehrbuben (Punks)

Stephan Rügamer als David (Anzugträger) im Kreise der Lehrbuben (Punks)

Foto:

dpa/Rainer Jensen

Schwarzrotgold in allen Formen: als riesiges, schlaffes Tuch, als Schärpe, als Luftballons auf der Festwiese. In Andrea Moses’ Inszenierung, die am Wochenende in der Staatsoper im Schillertheater Premiere hatte, spielt die Deutschlandfahne eine Hauptrolle. Es geht also um uns heute. Moses möchte damit auf der Opernbühne nachholen, was im Fußball mit der Weltmeisterschaft 2006 begann: einen Umgang der Deutschen mit ihrer Nationalität, der landläufig als unverkrampft bezeichnet wird. Wagners „Meistersinger“ zu entkrampfen, die Kultoper der Nazis mit berüchtigt nationalistischer Festwiesenansprache des Hans Sachs, das ist kein geringes Wagnis. Am Ende gibt es einhelligen Jubel für das Regieteam.

Deutsch ist nicht dumpf

Dabei hilft sich die Regisseurin mit einem Kniff. Die Deutschlandfahne ist bei ihr das Symbol der Meister. Als Pogner verkündet, dass nur ein Meistersinger seine Tochter Eva beim Wettstreit ersingen könne, hält er das Tuch wie beim Fahneneid. Als Walther von Stolzing seinem Hass auf die Meister freien Lauf lässt, pfeffert er die Flagge in die Kulissen. Auf der Festwiese schließlich tragen nur die Meister die Trikoloren-Schärpe. Deutschland, das sind die Meister – also bei Moses: die erfolgreiche, lässige Wirtschaftselite. Ihre Namen zieren eine Sponsorentafel wie sie als Hintergrund bei Sportlerinterviews zum Einsatz kommt. „Pogner“ und „Sachs“ – die beiden Schriftzüge leuchten im zweiten Akt in die Nacht. Der spielt auf den Dächern der beiden Firmensitze, wo Sachs nachts seinem Schusterhandwerk nachgeht, obwohl das ein Firmenchef wohl nie tun würde. Beckmesser wiederum nimmt aus einer Kiste mit Aufschrift „Theaterkunst“ sein mittelalterliches Bardenkostüm, um sich zum Ständchen zu verkleiden. Dennoch wird die Figur nicht wie sonst der Lächerlichkeit preisgegeben; in Markus Werbas starker Darstellung ist Beckmesser Freak, Kauz, Neurotiker – und zwar mit Kultpotenzial. Wenn er von der Festwiese vertrieben wird, weiß man, dass er wiederkommt. Als Antikünstler. Vielleicht als eine Art Helge Schneider.

Nicht allzu schwer fällt es vor solchem Hintergrund, Hans Sachs zuzustimmen, wenn der im dritten Akt fordert: „Verachtet mir die Meister nicht!“ Gefordert ist die Zustimmung zur Deutschland AG; es geht mithin um eine Art Wirtschaftspatriotismus. Dazu lässt sich doch recht unbeschwert das Fähnchen schwingen. Als dann jene berüchtigte Passage mit „welschem Dunst und welschem Tand“ und „deutsch und echt“ an die Reihe kommt, werden im Hintergrund der Festwiese, die der Vorplatz vor dem wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss ist, zustimmend Reichskriegsflaggen geschwenkt. Von den Umstehenden wird das schnell unterbunden. Die Inszenierung distanziert sich damit von allem Nationalistischen, Sachs’ Rede wird zur persönlichen, kruden Meinung. Im Kreis der Unternehmer-Meister nimmt er sich dennoch aus wie ein bürgerlicher Grün-Wähler unter FDP-Anhängern.

Wolfgang Koch spielt und singt diese Figur grandios präzise. Man vermeint, einen lässigen Alt-68er zu sehen, der sich die Sympathie fürs Revoluzzertum trotz späterer Wirtschaftskarriere bewahrt hat. Zu Beginn des dritten Aktes hilft er dem Aus-dem-Bauch-Sänger Stolzing beim Zimmern seines Preisliedes – eine wundervolle Szene, die beispielhaft steht für Moses’ auffallend detaillierte Personenregie. Die häufig dröge Zwei-Personen-Szene wird zum spannenden, tatsächlich bewegenden Lehrstück über die Entstehung eines Kunstwerkes.

Pracht ist nicht Prunk

Für den Tag des 25-jährigen Einheits-Jubiläums hatte man den Beginn der Premiere selbstbewusst angesetzt; ähnlich eigenwillig war der Einfall Daniel Barenboims, das Stück zu den Tageszeiten der Handlung und also an zwei Tagen spielen zu lassen. Immerhin: Endlich mal gut erholt den dritten Akt hören! Barenboim setzt seinen leichter gewordenen Wagner-Altersstil fort: Zügig sind die Tempi in den ersten beiden Akten, seidig-weich, nahezu schwebend ist der Ton der Staatskapelle. Sehr genau wird unterschieden zwischen Pracht und Prunk. Prächtig darf es sein, prunkvoll und selbstverliebt ist es nur selten. In dieses Bild passt auch Klaus Florian Vogts Walter von Stolzing: so unschuldig knabenhaft, sopranmäßig mühelos ist sein Tenor, dass man ihn nur mögen kann. Allenfalls, dass der blondmähnige Sänger in den ersten beiden Akten in Motorradkluft auftreten muss, verwirrt den Eindruck. Er sieht darin so entsetzlich nach Hansi Hinterseer aus. Kwangchul Youn bringt einen wuchtigen, etwas kühlen Pogner auf die Bühne, Julia Kleiter singt die Eva mit samtweichem Sopran.

Der Clou des Abends sind aber die Meister. Eine ganze Riege altgedienter Wagner-Recken treten hier auf: am prominentesten Siegfried Jerusalem mit einem zwei Takte-Solo als Balthasar Zorn, am ältesten Franz Mazura, 91 Jahre alt, als krückstockklopfender Hans Schwarz. Die Sängerpatriarchen sind die Firmenpatriarchen, die Schrauben-Würths und Dübel-Fischers. Das passt nicht übel.