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Die Alleinerbin – eine Ostergeschichte

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Anfang März kam das Samenpaket, das Verena Lehmberg bestellt hatte, weil man ja irgendwo anfangen musste. Sie wollte nicht mit Kartoffeln beginnen. Ende März können Frühkartoffeln angepflanzt werden, hatte sie in „Mein Gartenjahr“ gelesen. Gute Sorten sind Anuschka und Bellaprima, stand da. Die hätten allerdings ab Januar vortreiben müssen. Sie hatte jetzt schon, bevor sie überhaupt losgelaufen war, das Gefühl, zu spät zu kommen. Zu versagen. Eine Gärtnerin, die das Vortreiben vergessen hatte. Ende März können Erbsen, die in Regenrinnen vorgezogen wurden, ins Beet gepflanzt werden. Wer um Himmels willen zog Erbsen in Regenrinnen vor? Das klang wie eine perverse Leidenschaft.

„Härten Sie die Pflanzen vorher ab“, rieten die Autoren von „Mein Gartenjahr“. Verena hatte sich schwach gefühlt, überfordert, der letzten Aufgabe, die sie von ihrem Vater gestellt bekommen hatte, nicht gewachsen. Nadja, ihre Kosmetikerin, die einen Garten in Karow hatte, bestellte Samen im Internet und streute sie aus. Wahllos, sagte Nadja, aber überall. Das hatte sich gut angehört.

Das schmale Paket kam mit dem Brief, in dem ihre Autowerkstatt sie daran erinnerte, dass es Zeit war, die Sommerreifen aufzuziehen. Verena Lehmberg war 47, seit fünf oder sechs Jahren hatte sie das Gefühl, dass die Zäsuren ihres Lebens der Wechsel von Winter- und Sommerreifen waren. Zwischendurch holte man noch den Weihnachtsbaumständer aus dem Keller und brachte ihn wieder zurück. Irgendwann fiel man in der Cafeteria der Autowerkstatt tot um, während im Hintergrund der dritte Sommerreifen montiert wurde. Sie versprach sich von dem Garten ein wenig Abwechslung, wenigstens redete sie sich das ein. Selbst im November sorgte der Duftschneeball für Farbe, wie sie aus ihrem Gartenbuch wusste. Was immer das war, der Duftschneeball.

„Was ist denn das?“, fragte Matthias, aus seinem gewaltigen Buch aufschauend. Einer Stalin-Biografie. D i e Stalin-Biografie, sagte Matthias. In letzter Zeit dachte sie, er las dieses Zeug, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie sah ja nur noch amerikanische Fernsehserien, ihr Diktator hieß Frank Underwood, alles, was sie über sowjetische Massenmörder wusste, erfuhr sie in „The Americans“. In schwachen Stunden, vor allem, wenn er unbedingt noch weiterlesen wollte, obwohl sie müde war, hatte sie das Gefühl, ihr Mann verwandele sich in Stalin.

„Die Sommerreifenzeit ist angebrochen“, sagte sie.

„Nein, das andere, das Päckchen“, sagte er.

„Samen“, sagte sie, so beiläufig wie möglich.

„Es geht wirklich los“, sagte Matthias. Er schnaufte. Jonas betrat die Küche, öffnete die Kühlschranktür, starrte in den Kühlschrank, schloss die Tür wieder, sah seine Eltern an, als wisse er nicht genau, wer die eigentlich waren und wo er sich gerade befand.

„Du wolltest doch immer ein Wochenendhaus“, sagte sie.

„Ich wollte ein Landhaus“, sagte Matthias. „Keine Laube.“

Sie hätte nicht gedacht, dass es so wehtat. Laube. Er stieß ihr das Wort ins Herz, und er wusste es. Sie riss das Paket auf. Duftblumenmischung, Sonnenblumen, Schnittlauch, Kerbel, Prärieblumenmischung. Ein ganzer Garten steckte in dem schmalen Paket. Kürbisse. Radieschen. Buschbohnen. Kopfsalat.

„Kürbisse“, sagte Matthias und blies die Nasenflügel auf. Er warf ihrem Sohn einen Blick zu, einen vielsagenden Blick. Jonas rollte mit den Augen, instinktiv. Es war das, was von ihm erwartet wurde.

„Und mexikanische Minigurken“, sagte sie und grinste. Jonas sah sie so ratlos an, als wäre sie eins dieser haarigen Monster, die er im Dutzend abschoss.

Sie hätte gern Marie hier gehabt, ihre Tochter, aber die war zu einem Austauschjahr in Idaho. Wenn sie wiederkäme, am Ende des Sommers, würde ihr der Garten noch kleiner vorkommen. Idaho war, soweit Verena das einschätzen konnte, das Gegenteil von Baumschulenweg. In den Mails von Marie war immer viel von endloser Weite die Rede. Verena las das inzwischen als Anspielung. Du und dein kleines Spießerleben. Prärieblumenmischung, Mama? Are you kidding me?

Sie hatte das nie gewollt. Matthias war derjenige, der sie immer nach Brandenburg geschleppt hatte, um sich irgendwelche muffig riechenden Bauernhäuser anzuschauen, weil Guido und Markus und Robert und all die anderen interessanten Kollegen, mit denen er sich maß, auch Höfe in der Uckermark oder dem Havelland, dem – wie Matthias es nannte – „unterschätzen Havelland“ hatten. Sie hatte das Havelland nie unterschätzt, sie hatte es nicht wahrgenommen. Es lag noch im Schatten von Spandau, das ja an sich schon eine Art Schattenreich war. Die Sommer ihrer Kindheit hatte sie auf einer 450 Quadratmeter großen Kleingartenparzelle in Baumschulenweg verbracht. Kein Stau, keine Scheunen, die noch ausgebaut werden mussten, keine Rasentraktoren, keine Angst vor Windparks, tiefer gelegten Golf GTIs, Biogasanlagen oder Brandenburger Nazis. Stattdessen Erdbeeren, Kirschen, Äpfel, endlose Lesenachmittage und das Summen der nahen S-Bahn.

„Ich dachte, wir holen Marie aus Idaho ab?“, sagte Matthias.

„Ja“, sagte Jonas, erwacht aus einem langen Winterschlaf. „Komm’, Mama. Idaho.“

Es war so ein billiger Trick. Er spielte den Jungen, der kaum bei Bewusstsein war, gegen sie aus. Matthias, der Großkritiker der amerikanischen Lebensart, hatte plötzlich Sehnsucht nach dem wilden Westen. Sie würde allein auf dem Grundstück sitzen wie ihr Vater. Es zerriss sie fast.

Der Sommer ist die schönste Jahreszeit im Garten, versprach ihr Ratgeber. Die Beeren werden reif, die Blumenbeete präsentieren sich in voller Pracht, und der Gemüsegarten liefert eine Köstlichkeit nach der anderen.

„Der Sommer ist lang“, sagte sie.

„Na dann“, sagte Matthias.

Anderthalb Jahre, nachdem ihre Mutter gestorben war, hatte der Vater Verena das Grundstück vermacht. Ohne zu fragen. Er hatte es ein Jahr allein probiert, offenbar hatte es nicht funktioniert. Sie hatte ihn in seinem letzten Sommer einmal in Baumschulenweg besucht, kurz und allein, die Kinder fanden ihren Opa seltsam. Ihr Vater war schroff, ein Naturwissenschaftler, der von den Kindern verlangte, Dinge, die sie nicht ändern konnten, zu akzeptieren. So wie er es von ihr verlangt hatte. Wenn du verheiratet bist, ist alles wieder gut. Er saß an dem kleinen Campingtisch vorm Haus, als warte er darauf zuzuwachsen. Zu Weihnachten bekam sie den Brief mit den Details. In den kleinen, beherrschten Buchstaben, mit denen er ihr vor 35 Jahren ins Kinderferienlager geschrieben hatte. Es war das Kinderferienlager seines Instituts gewesen, also schrieb er die Karten. Sie war nie gern ins Kinderferienlager gefahren, aber am traurigsten, fremdesten fühlte sie sich immer, wenn die Karten ihres Vaters eintrafen. Wir haben in diesem Jahr so viele Kirschen in BSW. Wir wissen gar nicht, wie wir die ohne dich schaffen sollen, Vera. Geh nicht ohne Hut in die Sonne. Sie hatte die Karten lange aufgehoben. Beim Umzug waren sie verschwunden. Sicher hatte Matthias sie weggeworfen. Er war mit den Jahren immer eifersüchtiger auf ihren Vater geworden. Weil er so wenige Worte machte und doch so oft recht hatte. Und der Haare wegen. Ihr Vater hatte volle Haare, immer noch. Matthias hatte all die Phasen der Vergeblichkeit hinter sich, Ablehnung, Widerstand, Verdrängung, Kapitulation. Die Shampoos, die Haarschnitte, die die kahlen Stellen notdürftig verdeckten beziehungsweise radikal freilegten, Mützen aller Art. Dabei hätte er nur seinen eigenen Vater ansehen müssen, um zu sehen, wo die Reise hinging.

Matthias konnte das nicht: Die Dinge hinnehmen, die man nicht ändern konnte. Vermutlich hatte sie das irgendwann mal gemocht.

Ihr Vater hatte den Garten von seinem Vater geerbt, und der hatte ihn von seinem. Ein Reichsbahnergrundstück. Ihr Urgroßvater war Bahningenieur gewesen. Er war im Ersten Weltkrieg gefallen, der Opa im Zweiten. Das Grundstück war alles, was von ihrer Familie geblieben war, abgesehen vom Hochzeitskleid ihrer Mutter, das sie aus dem Berg ihrer alten Garderobe gerettet hatte, die ihr Vater noch vor der Beerdigung in die Kleidertonne bringen wollte. Sie gruselte sich vor dem Kleid, das ganz hinten im Schrank hing. Aber es war alles, was sie hatte.

„Ich hoffe, ihr habt genauso viel Freude an dem Garten wie wir“, hatte ihr Vater geschrieben. „Allein konnte ich ihn leider nicht so genießen, wie er es verdient gehabt hätte. Es ist ein Familienvergnügen. Frohe Weihnachten. Euer Papa und Opa.“

Sie schluckte, wenn sie nur daran dachte. Familienvergnügen. Ihre Tochter beobachtete Sonnenuntergänge über den Weizenfeldern von Idaho, ihr Sohn duellierte sich in nächtelangen Computerschlachten mit irgendwelchen Gegnern in der Slowakei oder Australien, und ihr Mann, sie hatte keine Ahnung, wonach sich ihr Mann eigentlich sehnte. Sie konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, dass sie mit ihm an einem Sommerabend Kniffel spielte oder dass sie mit den Kacmareks aus Oberspree grillten, wie es seine Eltern getan hatten. In BSW. So hatten sie das irgendwann genannt. BSW. Klang so, als hätte sich das ihr Vater ausgedacht.

Zur Weihnachtskarte gab es den Ratgeber „Mein Gartenjahr“ und ein PS: „Die Abwasser-, Strom- und die Müllgebühren übernehme ich noch bis zum Jahresende. Dann seid ihr dran.“

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Zwei Wochen vor Ostern überredete sie Matthias, mit ihr nach Baumschulenweg zu fahren. Es waren ja nicht mal zwanzig Minuten von Prenzlauer Berg. Sie erzählte ihm, dass der Kleingarten bei jungen Leuten wieder sehr beliebt war. Sie hatte den Zeitungsartikel da, geschützt mit einer Plastikfolie. Die Altersstruktur der Kolonien sinke dramatisch. Dazu sah man ein Foto einer Hipster-Gruppe, die lachend um einen Grill herumstand. Viel weiße Zähne, karierte Hemden und Bärte. Im Hintergrund Beete, Apfelbäume und eine Laube.

„Der Berliner Kurier muss es ja wissen“, hatte Matthias nur gesagt. Aber er war mitgekommen.

Leider zog sich der Himmel auf der zwanzigminütigen Autofahrt zu, und die Kacmareks aus Oberspree waren offensichtlich auch nicht mehr da. Auf deren Terrasse saß jetzt ein Paar, das sie an die Menschen erinnerte, die man beim Zappen auf RTL 2 vorbeiflimmern sah. Beide rauchten zu einem dieser Schlager von Andreas Bourani: „Ein Hoch auf uns/ Auf jetzt und ewig/ Auf einen Tag Unendlichkeit“.

Über dem Haus der Nachbarn flatterte an einem hohen Mast die deutsche Fahne. Der Rasen war so vorbildlich geschoren wie ein Skinhead.

„Sieht nicht so aus, als hätten die Hipster zugeschlagen“, sagte Matthias.

„Wenigstens haben sie keinen Hund“, sagte Verena.

Ihre neuen Nachbarn hatten sie inzwischen gesehen, standen auf und liefen auf den Gartenzaun zu. Und da erschien auch der Hund, krummbeinig und gedrungen.

„Bohnke“, sagte der Mann. Seine Augen seltsam gelb, die Zähne auch. Vielleicht betrieb er eine Crystal-Meth-Küche im Schuppen. Dann müsste man noch mal komplett neu nachdenken.

„Andi und Andrea“, sagte die Frau.

„Und Rudi“, sagte Herr Bohnke und zeigte auf den Hund. Wahrscheinlich hieß er Rudolf, dachte Verena. In ihrem Kopf summte Heinz-Rudolf Kunze. Ich heiß Heinz wie mein Onkel, der in Frankreich fiel. Und Rudolf wie Rudolf Hess. Das hatten sie hier gehört. Paula und sie und die 80er. Spandau Ballet, Aha, Depeche Mode. Und Rio Reiser.

„Lehmberg“, sagte sie. „Matthias und Verena. Kein Hund.“

„Lehmberg“, sagte Andi Bohnke, so als schmecke er den Namen ab. „Wie och imma, wir sind jedenfalls froh, dis der alte Herr nich an eine Flüchtlingsfamilie verkauft hat, wa Andrea?“

Matthias räusperte sich, zu richtigem Widerstand würde er sich erst entschließen, wenn sie wieder in Sicherheit waren, dachte Verena.

„War dis Verwandtschaft gewesen, der alte Herr?“, fragte Andrea.

„Gewissermaßen“, sagte Matthias.

„Gewissermaßen?“, sagte Verena. „Der alte Herr war mein Vater.“

Matthias zuckte mit den Schultern.

„Familie kannste dir nich aussuchen, sag ick imma“, sagte Andi Bohnke.

„Besser kann man’s nicht ausdrücken“, sagte Matthias. Er legte Verena einen Arm auf die Schulter. Wie eine Riesenschlange lag der da, dachte sie. Eine Boa, die sie nicht abschütteln konnte. Ihr fehlte die Kraft. Sie hörte die S-Bahn und ein Flugzeug, das nach Schönefeld segelte, dahinter ein gleichmäßiges Rauschen, das von der Autobahn kommen musste. Sie konnte keinen einzigen Vogel hören. Sie versuchte, an die Wochenenden zu denken, die sie mit ihrer Schwester Paula hier verbracht hatte. Der Geschmack von Erdbeeren. Der Geruch des gegrillten Fleischs. Rio Reisers Stimme. Aber sie sah nur das Gelbe in den Augen ihres neuen Nachbarn und hörte den Verkehrslärm.

Was ist denn das Schlimmste, was Ihnen passieren kann?, hätte ihr Coach gefragt.

Das Schlimmste wäre, wenn sich Jonas als Massenmörder entpuppte, dachte Verena, oder Marie in Idaho von irgendeinem Waffennarren erschossen wird. Noch schlimmer wäre eine Kombination aus beidem. Manchmal, wenn sie Jonas nachts um drei stöhnen hörte, während er irgendeinen Gegner mit einer Maschinengewehrsalve niedermähte, dachte sie an diese Möglichkeit.

„Kleiner Vorgeschmack auf die EM?“, fragte Matthias und nickte zum Fahnenmast.

„Schland“, sagte Andi. Deutschland. Auch er legte den Arm auf die Schulter der Frau. So standen sie am Gartenzaun. Zwei Pärchen in Baumschulenweg. Die Fußballeuropameisterschaft im ersten Sommer. Auch das noch.

„Wann fängt es denn an?“, fragte Verena.

„10. Juni“, sagte Andrea.

„Der Juni ist die Hauptblütezeit vieler Rosensorten, die jetzt besonders üppig ihre Blüten öffnen“, sagte das Gartenbuch.

„Im Sommer kommt unsere Tochter aus Idaho zurück“, sagte Verena.

Die anderen drei sahen sie besorgt an. Sie hatte das Gefühl, eine Griebe zu bekommen. Sie spürte das Spannen auf der Oberlippe.

Später verstreute sie wahllos Samen auf dem Grundstück, wie es ihr ihre Kosmetikerin Nadja empfohlen hatte. Zweihundert Gramm Blumenwiese, sonniger Standort, zweihundert schattiger Standort. Löwenmäulchen, Lavendel, Kapuzinerkresse (Cream), Kapuzinerkresse (Orange), Gartenwicke, Moschus-Malven-Mix. Matthias saß in der Laube und las über das Liebesleben von Josef Stalin, ihre Nachbarn beobachteten sie von der Terrasse wie eine durchgeknallte Alte, die imaginäre Großtiere füttert.

Im Radio der Bohnkes lief die Bundesligakonferenz.

Am Sonntag besuchte Verena ihren Vater in seiner Wohnung in Adlershof. Allein und wütend. Ihr Sohn war damit beschäftigt, gemeinsam mit einem Partner aus Freiburg und einem aus Jena-Paradies eine irisch-neuseeländische Kriegergruppe zu besiegen. Matthias ordnete sein CD-Regal nach irgendwelchen neuen Kriterien. Ihr Vater saß im Bademantel am Wohnzimmertisch und blätterte in einem Briefmarkenalbum.

„Ich fürchte, die sind auch nichts mehr wert“, sagte er.

„Wer ist denn noch nichts mehr wert?“, fragte sie.

„Bitte?“

„Nichts. Wann sind eigentlich Kacmareks weggezogen?“

„Weggezogen ist gut“, sagte ihr Vater.

Sie sah ihn an, wartete darauf, dass ihre Wut zurückkehrte, aber wie sollte man auf einen alten Mann wütend sein, der in einem Briefmarkenalbum blätterte.

„Peter Kacmarek ist in die ewigen Jagdgründe gezogen, Hilde ins Pflegeheim“, sagte ihr Vater. „Seit drei oder vier Jahren. Ich weiß gar nicht, ob sie noch lebt.“

„Das heißt, du kennst die Leute, die in ihren Bungalow eingezogen sind, schon relativ lange, hast aber nie über sie geredet?“

„Die jungen Leute? Klar. Nette Menschen. Er hat unseren Rasen mitgemäht und die Hecke geschnitten“, sagte ihr Vater. „Das macht er für euch bestimmt auch. Wir haben ihm zehn Euro gegeben.“

„Um Gottes willen“, sagte sie.

„Zu teuer?“

„Auf seinem Unterarm steht das Wort ‚Kampfschwein‘, Papa.“

Ihr Vater sah sie an, die Augen wasserblau und unschuldig.

„In altdeutschen Runen.“

„Wir haben uns immer aus der Politik rausgehalten, Vera. Peter Kacmarek war stellvertretender Parteisekretär im Bremsenwerk. Und wir hatten nie Ärger, obwohl wir die Dinge komplett anders sahen“, sagte er.

„Wieso haben eigentlich seine Kinder den Garten nicht übernommen?“, fragte sie.

„Katja lebt in Stuttgart, und Uli wollte wohl nicht“, sagte ihr Vater.

„Woher weißt du eigentlich, dass ich will?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, sagte ihr Vater. „Ich hoffe es.“

„Paula konntest du ja nicht fragen“, sagte sie.

Er sah sie an. Der Blick wie Wasser an einem Sommertag. Verena glaubte, durch die Augen ihres Vaters bis auf den Grund seiner Seele schauen zu können. Sie war ganz allein.

„War Mama eigentlich gern im Garten?“, fragte sie.

„Ich nehme es an“, sagte er. „Sie war ja immer mit.“

„Und du? Warst du gern draußen. In BSW?“

„Ich weiß nicht, ob es darauf wirklich ankommt“, sagte er. Er klappte das Album zu.

Sie dachte darüber nach, ob er ihr eine Botschaft mit auf den Weg geben wollte. Die letzte Botschaft. Oder die vorletzte. Am Ende muss man sich den Gesetzen beugen. Denen der Familie, denen der Natur. Er hatte ihr „Mein Gartenjahr“ überlassen wie Gott Moses die zehn Gebote. Im September muss Kompost angesetzt werden.

„In der Woche, in der sie starb, hat sie mir noch gesagt, dass jetzt Stiefmütterchen gepflanzt werden müssen und Vergissmeinnicht. Damit es auch im Winter etwas bunt ist“, sagte er.

Sie tranken Tee und aßen den Kuchen, den sie mitgebracht hatte. Bevor sie ging, sagte ihr Vater: „Wir haben die Stromrechnungen, den Müll und das Abwasser immer abbuchen lassen. Dann vergisst man es nicht.“

Am Sonnabend vor Ostern fuhren sie zu dritt nach Baumschulenweg. Es sah trostlos aus. Im April mussten die Hortensien verschnitten und die Wildtriebe der Rosen entfernt werden, sagte das Buch. Sie hatte es nie gemocht, wenn Ostern so früh ins Jahr fiel. Im März fühlte sie sich, als betrete sie nackt und schutzlos einen unwirtlichen Planeten. Der Verkehrslärm kam ihr noch lauter vor als beim letzten Mal. Vielleicht, weil sie den Eindruck hatte, den Garten zwei Leuten schmackhaft zu machen. Ihren Familienbesitz. Wenn das alles war, was ihre Familie in den letzten drei Generationen hervorgebracht hatte: Wer war sie?

Die Bohnkes saßen auf ihrer Terrasse und rauchten zu einem weiteren deutschen Schlager, dessen Text klang, als hätten die beiden ihn selbst geschrieben: „Manchmal wiegt der Alltag schwer wie Blei/ Doch sind wir zu zweit, scheint alles so leicht/ Hallo Lieblingsmensch/ Ein Riesenkompliment, dass du mich so gut kennst“.

Sie winkten, Verena und Matthias winkten zurück.

„Wer ist denn das?“, fragte Jonas.

„Unsere neuen Freunde“, sagte Matthias.

Er hatte eine Bücherkiste dabei, die er ins Haus schleppte. Verena begleitete ihren Sohn in das Kinderzimmer, das sie sich mit ihrer Schwester geteilt hatte. Zwei schmale Liegen über Eck, ein Bücherregal und ein kleiner Tisch, an dem sie Hausaufgaben machten. Im Regal ein paar Bücher, die ihre Eltern für die Enkel aufgehoben hatten und die diese nie gelesen hatten. Die Wolkow-Bücher aus der Smaragdenstadt, die ihnen einst soviel bedeutet hatten. Alle sechs Bände vom Urania Tierreich. James Krüss, Erich Kästner und „Von Anton bis Zylinder – Das Lexikon für Kinder“. An der Wand ein Bild von ihnen, irgendwo in den Bergen. Ihr Vater mit wehendem Haar, die Mutter lächelnd, wie unter Schmerzen, und davor die Mädchen, sie in dem kratzenden, roten Strickkleid, Paula in Lederhose, zahnlos, aber sorgenfrei.

Irgendwann, Mitte der 90er, hatte Paula sich komplett aus diesem Leben verabschiedet. Keine Konventionen mehr, keine Verpflichtungen, keine Kontakte. Verena wusste nicht, wo ihre Schwester lebte, aber sie spürte ihr Gewicht auf den Schultern.

Jonas setzte sich aufs Bett, den Blick ins Handy. Über ihm im Regal „Der kleine Angsthase“ von Elizabeth Shaw. Zu spät. Alles zu spät. Im Wohnzimmer stellte Matthias gerade seine ziegelsteindicken Sachbücher in das schmale Regal. Er hatte auch zwei von den Büchern mitgebracht, die er ihr geschenkt hatte, weil er annahm, sie seien was für sie. „Kruso“ und „Gone Girl“. In dem einen ging es um die Insel Hiddensee, wo sie früher oft Urlaub machten, in dem anderen um eine unzufriedene Ehefrau. Er behandelte sie wie eine Klippschülerin. Dabei kam sie aus einem Physikerhaushalt, sein Vater war Klempner gewesen. Sie stellte den Gartenführer daneben und ging nach draußen.

Im Garten lief die Bundesligakonferenz.

Als sie über die schmalen Wege zum Ausgang der Kolonie fuhren, vorbei an all den kleinen, eingezäunten Inseln der Vergeblichkeit, sagte Matthias: „Bisher habe ich mich immer gefragt, was für Menschen in solchen Gärten überhaupt leben. Freiwillig leben.“

„Jetzt kannst du es ja rausfinden“, sagte sie.

„Mal sehn“, sagte er.

Im Fonds hörte sie die Bässe aus den Kopfhörern ihres Sohnes.

Am Karfreitag fuhr sie allein nach BSW. Sie schnitt die trockenen Zweige von den Sträuchern, harkte das Laub und den Unrat zusammen, der sich im Trauerjahr ihres Vaters angesammelt hatte und baute daraus einen Haufen, den sie, als die Sonne unterging, anzündete. Es war stiller als an den letzten beiden Wochenenden. Die Bohnkes waren nicht da, vielleicht gab es irgendwo ein Fußballspiel oder ein Bikertreffen.

Sie entfachte das Feuer mit vier Seiten aus dem Frühlingskapitel ihres Gartenbuches. „Zu Ostern werden traditionell Spätkartoffeln gesät“, las sie noch, bevor sie die erste Seite zusammenknüllte. „Gute Sorten sind Aula, Danella und Marena.“ Außerdem war jetzt die Zeit, das Wurzelgemüse für den Winter zu säen. Pastinaken, Rettiche, Rüben und Rote Bete. Sie wollte nicht an den Winter denken. Sie wollte sich ihr Leben nicht von Autoreifen und Wurzelgemüse diktieren lasse. Als es richtig brannte, warf sie den ganzen Führer hinein. Später opferte sie auch den Frauenkrimi und eines der Sachbücher von Matthias, in dem es, so glaubte sie, um die Rolle der Deutschen im Osten Europas ging. Sie sah nicht so genau hin. Das lodernde Feuer beruhigte sie. Ein Osterfeuer. Sie hatte den Eindruck, dass es ihre Sorgen erfasste, all die Lasten der Vergangenheit. Hätte sie das Hochzeitskleid ihrer Mutter zur Hand gehabt, hätte sie es jetzt verbrannt.

Später fuhr sie in die Stadt zurück und fühlte sich besser, leichter. Als sie die Sirenen hörte, drehte sie das Autoradio auf.