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Die Toten Hosen: Die deutsche Staatspunkband

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Professioneller Bespaßer, Dompteur der Massen und Messias in sturmumtoster Zeit: Sänger Campino.
Professioneller Bespaßer, Dompteur der Massen und Messias in sturmumtoster Zeit: Sänger Campino.
Foto: dpa

30 Jahre Spaß, ganz im Ernst: Die Toten Hosen gaben in der Max-Schmeling-Halle ihr Jubiläumskonzert. Die Botschaft des Abends: Wir haben uns lieb. Dazu passte dann auch der Kurzauftritt von Rodrigo González, dem Gitarristen der Berliner Punkrocker Die Ärzte.

Was für ein Konzert. Lieder ohne Ende. Zugaben ohne Ende. Beste Laune ohne Ende. Frisches Bier ohne Ende. Heiseres Grölen ohne Ende. Gutes Gewissen ohne Ende. Politische Belehrung, na ja, die nur ganz kurz. Ansonsten aber gab es alles und von allem reichlich: Küssen, Kiffen, Lallen, Lecken, Tollen, Toben. Die Max-Schmeling-Halle kochte. Am Sonnabend und Sonntag gaben die Toten Hosen ihre Neujahrskonzerte in der Hauptstadt. Zwei mal ausverkauft. Zwei mal die ganz große Sause. Zwei mal professionelle Bespaßung in Tausenderdimensionen.

Wer hätte das gedacht? Dabei fing alles ganz harmlos an. Als Vorgruppe brachten die Broilers ihren edelmütigen wie frohgestimmten, korrekt antifaschistischen, immer Ska- und Reggae-lastigeren und damit auch tanzbarer werdenden Pogo-Punk unter die Leute. Die Düsseldorfer Oi-Musiker sind brave Burschen, pflichtschuldig kündigte Sänger Sammy Amara nach einer guten dreiviertel Stunde Aufwärmarbeit die Toten Hosen an, „eine verfickt wichtige Band für uns“. Ja, so klingt wahre Herzlichkeit. Kurze Umbaupause. Deutsche Wertarbeit. Man ist pünktlich. Und höflich. Das Publikum soll nicht warten.

Dann stürmten Campino und seinen Mannen endlich die Bühne. Und stellten sich nach einem hymnenhaften Einstieg selbstbewusst als „Ballast der Republik“ vor, das heißt mit dem Titelsong ihres neuen Albums. Ein sorgfältig angelegtes Album, wohlgemerkt, zwei Jahre lang hat die Band daran im Studio gebastelt. Schließlich wollten und mussten die Düsseldorfer in aller Form ihr Jubiläum feiern: Vor dreißig Jahren wurden die Toten Hosen gegründet. Und weil ein Album ganz offenkundig nicht reichte, sollte gleich noch die Tournee „Krach der Republik“ folgen. Auch das klingt sehr selbstbewusst, wenn nicht gar schon staatstragend.

Auferstehung der Leiber

Ja, die Republik und die Toten Hosen. Drunter machen sie’s nicht, weit haben sie’s gebracht. Sprechen wir es also klar aus: So wie die Scorpions die deutsche Staatsrockkapelle sind, dürfen wir die Toten Hosen als deutsche Staatspunkband bezeichnen. Womit zugleich gesagt ist, dass in einem solchen Zusammenhang kaum noch von Punk die Rede sein kann. Nennen wir’s also ganz einfach deutscher Schlager mit elektrisch verstärkten Instrumenten, was bei den Gitarren zu erheblichen, auch Verzerrung genannten Störgeräuschen führt, beim Schlagzeug dagegen zu striktem 4/4-Magengrubengewumme im erhöhten Schlagzahlbereich.

Das ist selbstverständlich tanzbar. In Berlin bildete sich vor der Bühne schnell ein größerer Mob aus Pogotänzern. Schwitzende Leiber wurden in die Höhe gehoben und über die Köpfe hinweggetragen. Bengalische Feuer blendeten noch auf den oberen Rängen mit ihrem gleißenden Rot. Und irgendwann roch es intensiv nach Pot. Sänger Campino war sichtlich zufrieden und sprach die tobende Gemeinde als seine „glücklich lachenden Fressen“ an. Und als die ersten „Nazis raus“-Chöre erklangen, bedankte er sich artig für diesen „Beistand“ und bestätigte seinen Fressen, dass sie – aber Hallo! – auch über „politische Bildung“ verfügten.

In dieser Hinsicht könnte das Konzert beinahe von der Bundeszentrale für politische Bildung gesponsert worden sein. Campino jedenfalls haute Belehrungen allerlei Art heraus. In „Europa“ beklagte er das Elend nordafrikanischer Flüchtlinge, die wir im Mittelmeer ertrinken lassen. In „Heute hier, morgen dort“ erwies er dem großen deutschen Liedermacher Hannes Wader seine Referenz. In „Bonny & Clyde“ gab er mit dem Satz „Tod oder Freiheit“ sein politisches Bekenntnis ab. Und in „Altes Fieber“ und „Steh auf“ ermahnte er uns, der Kampf müsse weiter gehen: „Wir stoßen an / Mit jedem Glas / Auf alle, die draufgegangen sind.“

Das ist ernst. Bezeichnenderweise wurde in Berlin nicht der Gassenhauer „Eisgekühlter Bommerlunder“ feilgeboten. Gleichwohl zeigte sich einmal mehr das Talent der Toten Hosen zur Herstellung eingängiger und daher mitgrölgeeigneter Texte. „Schade, Scheiße, wie kann das passieren…“ oder „Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft...“ – immer wieder formierte sich das allemal textkundige Publikum zu einem tausendkehligen Chor. Und folgte Campino aufs Wort. Als er wie Moses durchs Menschenmeer schreiten wollte, teilten sich auf sein Geheiß die Wogen des ansonsten entfesselten Mobs sofort.

Der Messias predigt Hoffnung

Da stand er wie der Messias und sang von der Hoffnung in sturmumtoster Zeit. Aber hey, ist das nicht doch Punk? Vielleicht ja, wenn wir Punk in seiner selbstverordneten Einfachheit und Klarheit als allen zugängliche und von daher volksmusikalische Veranstaltung begreifen wollen. Die Toten Hosen machen also Volksmusik? Nennen wir es doch einfach Schlagerpunk. Und Lebenshilfe. Und irgendwie auch anrührendes Liedgut, etwa wenn Campino von einer verzweifelten Vorstadtliebe in „Oberhausen“ singt oder von seinem gewaltigen Vater „Draußen vor der Tür“, mit dem er gerade noch rechtzeitig seinen Frieden schloss.

Die Botschaft des Abends: Wir haben uns lieb. Dazu passte dann auch der Kurzauftritt von Rodrigo González, dem Gitarristen der Berliner Punkrocker Die Ärzte, zu denen die Toten Hosen ein nicht immer einfaches Freundschaftsverhältnis pflegen. Wie auch immer, nach über zwei Stunden konzertanter, allemal seelenwärmender Erbaulichkeitsarbeiten freute man sich über die nüchtern-frische Kälte vor der Max-Schmeling-Halle.

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