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Doku-DVD zum Ersten Weltkrieg: Kamerad Schwarze Madonna

Schweizer Soldaten zogen nicht in den Krieg. Sie zogen an die Grenzen. Für den Fall der Fälle. Der vier Jahre nicht eintrat.

Schweizer Soldaten zogen nicht in den Krieg. Sie zogen an die Grenzen. Für den Fall der Fälle. Der vier Jahre nicht eintrat.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin -

Bilderfronten vom Großen Krieg 1914–1918“, so heißt eine DVD der Neuen Zürcher Zeitung. Das klingt nicht verheißungsvoll. Aber: Das Zeughauskino ist ausgebucht. Es haben sich so viele für diese Premiere angemeldet, dass für uneingeladene Besucher kaum noch Platz ist. Der Grund für diesen Ansturm heißt Alexander Kluge. Er ist Ko-Regisseur des Films. Die DVD hat 180 Minuten.

Kluge hat für diese abendliche Aufführung eine Kurzfassung von neunzig Minuten hergestellt oder herstellen lassen. Nicht jeder Rubens ist ja von Rubens. Die Zuschauer im Zeughaus-Kino sehen also nur einen Teil.

Das Publikum besteht vorwiegend aus Menschen – sagen wir mal so – über fünfzig. Sie wissen, was sie erwartet. Sie haben sich eingestellt auf jene merkwürdige Mischung aus Langeweile und plötzlich aufschäumende Großartigkeit, die Kluges Filmästhetik ausmacht.

Diese DVD ist dafür ein besonders gemeines Beispiel. Da gibt es einen Film von Heinz Bütler über die Schweizer Soldaten des Ersten Weltkriegs. Ja, es gab sie. Sie zogen nicht in den Krieg. Sie zogen an die Grenzen. Für den Fall der Fälle. Der vier Jahre nicht eintrat. Sie fotografierten einander und schickten die Fotos nach Hause. Bütler hat ein paar Tausend dieser Fotos auf einem riesigen Tisch ausgebreitet, um denen stehen vier Wissenschaftler und kommentieren, mal dieses, mal jenes Foto herausgreifend, was sie sehen.

Da kein Roland Barthes dabei ist, also keiner, der sich die Bilder wirklich genau anschaut und uns hineinzieht in die Details der Aufnahmen, bleibt die Sache belanglos. Die Damen und die Herren wundern sich, dass Frauen und Kinder auf den Fotos zu sehen seien, das käme auf den anderen Erste-Weltkriegs-Fotos nicht vor.

Eine einzige große Collage

Die Schweiz war nicht im Krieg. Die Schweizer Soldaten hatten vier Jahre lang drole de guerre. Eine Kriegsklamotte. Genau so sahen sie das und genau so zeigen sie das auf ihren Fotos. Was Bütler zeigt, ist in einer Viertelstunde getan. Das langt nicht für einen Film, scheint man sich gedacht zu haben. Also holte man sich Alexander Kluge.

Der hat Interviews mit 1. Weltkriegshistorikern wie Christopher Clark, Gerd Krumeich und Herfried Münkler geführt. Außerdem noch eines mit dem 28-jährigen österreichischen Außenminister, der ihm einerseits politisch völlig korrekt sagt: Wir halten inne, blicken zurück und lernen aus der Geschichte, der dann aber, als es in die Einzelheiten geht, ein sehr sympathisches Grinsen einlegt und erklärt: Die Geschichte lehrt und lehrt, sie hat nur keine Schüler.

Kluge hat natürlich auch kleine Geschichten über den Gaskrieg, die Großmutter, Krieg im Nebel usw. Die werden in Großbuchstaben – wie in Stummfilmen – in wild bewegten Lettern auf die Leinwand projiziert. Der Zuschauer wird zum Leser.

Der Film und die Filmchen. Das ist das Material. Für „Bilderwelten vom Großen Krieg“ ist Bütlers Film tranchiert worden, sodass eine einzige große Collage entsteht. Kein Film und in Wahrheit dann doch auch keine Collage, sondern ein Salat, aus dem man sich herausfischt, was einen beeindruckt und hindämmert, wenn es einen langweilt.

Es gibt eine kleine Sequenz über „Ich hatt’ einen Kameraden...“, darin werden einem die Sonne und die Planeten als eine kosmische Kameradschaft gezeigt in animierten farbigen Zeichnungen, die wohl aus einem alten Kaleidoskop stammen. Das ist von einer bezwingend-tröstlichen Ironie. Der Außenminister ist großartig und Münkler, wenn er den Weg von der Pickelhaube zum Stahlhelm beschreibt und Jürgen Angelows Beschreibung, wie ein jeder sich 1914 seinen Lieblingsfeind sucht. Also Deutschland zum Beispiel stürzt sich auf Frankreich, um das es ja gar nicht ging.

Soldaten in Bilderwelten

Dem Zuschauer fällt ein, dass George W. Bush nach der ersten Schreckstarre nach dem 11. September 2001 sich den Irak vorknöpft, der damit nichts, überhaupt nichts zu tun hatte. Es gibt eine Reihe solcher erhellender Momente auf dieser DVD, und jeder wird womöglich einen anderen finden.

Mein Favorit sind die zwanzig Minuten, die Heinz Bütler den Historiker Valentin Groebner uns erzählen lässt von einem Voodoo-Kult während des Ersten Weltkriegs. Wir stehen im prächtigen Schweizer Kloster Einsiedeln, treten ein in die Gnadenkapelle der Schwarzen Madonna. Dann sehen wir Groebner und einen Archivar mit weißen Handschuhen alte Umschläge öffnen und Fotos herausholen.

Es sind drei- bis dreieinhalbtausend Briefe, die während des Ersten Weltkriegs an das Kloster geschickt wurden. Darin befanden sich Fotos von Soldaten. Die sollten „in die Präsenz“ der Schwarzen Madonna gebracht werden. Die würde dann dafür sorgen, dass ihre Bekannten nicht umkämen im Krieg. Das Kloster schickte diese Briefe nicht etwa zurück, sondern es entnahm ihnen Geld, Briefmarken, tat das in die Kasse und legte die Fotos tatsächlich – so sagen die Mönche – für eine Weile in die Gnadenkapelle.

So viel zum Lieblingsthema Benedikt des XVI.: Glaube und Vernunft. Groebner formuliert sehr schön: „Das Bild sah das Bild an.“ Das Gnadenbild das Soldatenfoto. Bilderwelten. Ich war nicht der Einzige, der im Zeughaus-Kino fasziniert war von der Chuzpe, mit der hier unter dem Vorwand des Glaubens Gefühle und Ängste der Menschen genommen und für die eigenen Zwecke genutzt werden. Schon für diese Geschichte lohnt sich für den einen oder den anderen die DVD.

Heinz Bütler/Alexander Kluge: Bilderwelten vom Großen Krieg 1914–1918, dcpt/tv und NZZ/TV, absolut medien GmbH, 180 Min. 29,99 Euro, ab 25. Juli.