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Doku über den Fotografen Sebastião Salgado: Bildgewaltige Hommage im neuen Wenders "Das Salz der Erde"

Sebastiao Salgados fotografierte 1986 die Arbeiter der brasilianischen Goldmine Serra Pelada. In seinem Projekt „Workers“ (1993) setzt er den Schwerarbeitern weltweit ein Denkmal.

Sebastiao Salgados fotografierte 1986 die Arbeiter der brasilianischen Goldmine Serra Pelada. In seinem Projekt „Workers“ (1993) setzt er den Schwerarbeitern weltweit ein Denkmal.

Foto:

Sebastiao Salgado

So schön hat man das Leiden der Menschheit noch nie gesehen. Nie zuvor wurden Verhungernde so heroisch in Szene gesetzt, wie auf den Bildern von Sebastião Salgado aus der Sahel-Zone. Nie zuvor sah man Flüchtlingsströme so biblisch durch afrikanische Wüsteneien ziehen oder so trostlos im kaputten Ex-Jugoslawien stranden. Nie sah man die Schinderei der Arbeit so pathetisch arrangiert wie in Salgados weltumspannenden „Archäologie des Industriezeitalters“. Nie leuchtete die Hölle so fotogen als in der Pyramide ameisenartiger Minenarbeiter, und nie glänzte die Abscheulichkeit unmenschlicher Verhältnisse so glamourös wie in den verschwitzten, muskulösen Körpern der Goldschürfer in Brasilien.

Schöner Sterben

Es ist leicht, der voyeuristischen Verführung in den Bildern des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado zu erliegen. Seine Inszenierungen des menschlichen Dramas sind von obszöner Perfektion. Weil die Schönheit dieser Bilder so hinreißend, ihre Komposition so klassisch, ihre Dramaturgie so perfekt ist, braucht man sich als Betrachter seiner Schaulust nicht zu schämen. Selbstverständlich hat man dem überaus erfolgreichen Starfotografen die Verklärung des Horrors oftmals vorgeworfen.

Dass er Sterbende zu Objekten seiner ikonographischen Inszenierungen mache; dass er lastwagenweise Scheinwerfer einsetze, um ihr Leiden effektvoll ins Licht zu setzen; dass bei ihm selbst Leichen zu Überwältigungskitsch arrangiert erschienen. Tatsächlich gibt es bei Salgado kein Ungeziefer in den Augenwinkeln der Elenden, keinen Dreck in den Flüchtlingslagern, keinen Kot bei den Cholerakranken, keine stinkenden Slums, nicht einmal Autos gibt es in seinem Afrika. Seine Welt ist archaisch; das Sterben, der Hunger, die Kriege sind so schrecklich schön wie Naturkatastrophen.

Geschenkt. Ist doch jene atemberaubende Schönheit dieser artifiziell in Schwarz-weiß gehaltener Fotografien gerade das Mittel, mit dem Sebastião Salgado die eigentlich unfassbare Furchtbarkeit des Abgebildeten transportiert und als Bildkreation einer großen Öffentlichkeit nahebringt. Blöde gesagt: Ein schlechtes Foto von der schlechten Wirklichkeit druckt niemand, sieht niemand und hilft den Fotografierten auch nicht.

Wim Wenders, selbst ein Schöpfer ästhetischer Hyperinszenierungen, begegnete Sebastião Salgados Arbeiten vor 25 Jahren in einer Galerie. Persönlich trafen sich die beiden Großmeister unseres zeitgenössischen Bildgedächtnisses erst viel später. Für „Das Salz der Erde“ hat Wenders nun mit Salgados Sohn, Juliano Ribeiro Salgado, zusammengearbeitet, der den oft monatelang herumreisenden, für das Kind seinerzeit abwesenden Vater mit der Filmkamera begleitet hat. Er zeigt den Vater als einsamen Wolf in der sibirischen Kälte, eingemummelt in Wollmütze und Kapuzenjacke, im Zelt auf einen bewegten Himmel wartend und auf dem Erdboden an sein Motiv heranrobbend – auf der Jagd nach dem entscheidenden Moment mit einer Herde schnaubender Walrösser.

Über die Bedingungen, unter denen Sebastião Salgados Bilder entstehen, über die Produktionsmittel erfahren wir ansonsten nichts. Wenders Absicht, Salgado auf einigen Fotosafaris zu begleiten, wurde durch Krankheiten vereitelt. Vielleicht war das gut so. Szenen wie die des Filmvorspanns, in dem halbnackte Bilderbuch-Eingeborene der Papua auf Neu-Guinea den weißen Mann mit seiner Kamera unter gellendem Jubel umtanzen, bleiben so zum Glück die Ausnahme. Statt den Fotografen bei der Arbeit an möglichst fotogen-exotischen Schauplätzen zu filmen, setzt Wenders ihn schlicht frontal vor seine Kamera. Da, vor dem leeren Hintergrund, beginnen die Bilder zu reden. Sebastião Salgado berichtet davon, wie und warum er was fotografiert hat. Sachlich, zurückhaltend, nachdenklich. Dazwischen immer wieder, zur etwas gefühligen Musikuntermalung, die grandiosen Fotografien als solistische Standbilder.

Salgado erinnert sich. An die Anfänge, als er – 25-jährig – mit seiner Frau Lelia 1969 nach Paris emigrierte, als Ökonom für eine Kaffeefirma und für die Weltbank zum ersten Mal in Afrika war und als Amateur zu fotografieren begann. Berührend sein bedingungsloses Bekenntnis zu seiner Frau, die ihm den Rücken freihält, die beiden Kinder aufzog, während er lange unterwegs war, die seine Vermarktung managt.

Wenders sagt, die Empathie mit den Abgebildeten unterscheide Salgado von einem Voyeur. Wer kein Mitleid empfindet und keine Wut über die Grausamkeit und Barbarei der Menschheit, begibt sich kaum freiwillig wochen- und monatelang in die Höllen dieser Welt. Zugleich bekennt sich Salgado ganz unprätentiös zur Lust am Spektakulären, die ihn 1991, als er von den brennenden Ölfeldern in Kuwait erfährt, zu den apokalyptischen Schauplätzen zieht.

Den Glauben verlieren

Als Salgado 1984 in Äthiopien die massenhaft an Hunger und Cholera Sterbenden fotografiert, tut er das nicht als eingebetteter Journalist internationaler Hilfsorganisationen direkt von der Landebahn aus, aber doch als Fotograf der renommierten Agentur Magnum. Aber als er 1994 in Ruanda ist, um den Völkermord der Hutu an denTutsi zu dokumentieren, eine 150 Kilometer lange, mit massakrierten Afrikanern übersäte Straße entlang reist, danach die humanitäre Katastrophe der zu Hunderttausenden vor der Rache der Tutsi fliehenden Hutu mitansehen muss – da ist für den Augenzeugen des menschlichen Dramas eine Grenze erreicht. Angesichts dieses Exodus’ verliert er den Glauben an die Menschheit und den Sinn des Dokumentarischen. Der Anblick eines Baggers, der Leichen wie Schutt auf einen Haufen schiebt, lässt keine Inszenierung mehr zu. Gedanken an Lichtdramaturgie und Kompositionsästhetik ersticken im Verwesungsgeruch.

Unschuldig sind nur die Tiere. Und die Bäume. Angeregt von seiner Frau lässt Sebastião Salgado in den kommenden Jahren die durch Erosion versteppte Farm seines Vaters wiederaufforsten. Mit viel Geld und Geduld gelingt die Wiederherstellung des Paradieses: In seinem Regenwald-grünen, für die Gemeinschaft geöffneten „Instituto Terra“ findet Salgados Hinwendung zu einer positiven Weltsicht ein Echo. Für sein derzeit letztes Projekt „Genesis“ fotografiert er seither die ebenso unfassbare Schönheit der Schöpfung: Gorillas, Leguane, Wale, Eisberge und Bäume. Es sind Bilder eines Exodus vor den Menschen.

Das Salz der Erde Frankr. 2014. Buch & Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, Kamera: Hugo Barbier, Juliano Ribeiro Salgado. 109 Min., FSK ab 12.