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Dokumentarfilm über Stasi-IM: Was braucht ein Verräter?

Sascha Anderson hat sich sogar eine eigene Opfer-Definition zurechtgelegt: „Wer weiß, was er tut, ist kein Opfer.“

Sascha Anderson hat sich sogar eine eigene Opfer-Definition zurechtgelegt: „Wer weiß, was er tut, ist kein Opfer.“

Foto:

Salzgeber

Berlin -

In seiner Wohnung in Frankfurt am Main wühlt Sascha Anderson in alten Kisten voller Akten. „Irgendwie muss der Mensch ins Gleichgewicht zwischen Selbst- und Fremdbild kommen“, räsoniert dabei der einstige Star des Kunst-Undergrounds vom Prenzlauer Berg. Mit dem Fremdbild meint er unzweifelhaft das Stigma des Verräters, das ihm anhaftet, seit der – im Mai 1999 verstorbene – Schriftsteller Jürgen Fuchs nach der Wende entdeckt hatte, dass Anderson als Stasi-IM geführt wurde. Wolf Biermann hatte es dann öffentlich gemacht und dem Spitzel gleich noch den Beinamen Sascha „Arschloch“ verpasst. Dass Andersons Selbstbild grundsätzlich abweicht von diesem Fremdbild – daran lässt der neue Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel keinen Zweifel.

Die Regisseurin lässt ihren Protagonisten darin ausgiebig zu Wort kommen. Und nicht allein das – sie stellt Sascha Anderson auch in die Mitte einer Nachinszenierung, quasi als sein eigener Held und Hauptdarsteller. In irgendeinem leeren Fernsehstudio hat Hendel die legendäre Wohnküche der Keramikerin Wilfriede Maaß in der Schönfließer Straße im Prenzlauer Berg nachbauen lassen, mit Sofa, Küchentisch, Stühlen, Kredenz, Herd, Bildern, Wasserkessel etc. pp. Hier steht Anderson nun und freut sich, dass alles genau so aussieht wie damals. Er kann es nicht fassen. Zurückversetzt in seine Glanzjahre.

Damals, in den 1980ern, trafen sich bei Ekkehard und Wilfriede Maaß junge Künstler und Lebenskünstler, die nicht im Gleichschritt leben wollten, ungehorsame Texte schrieben und vortrugen, unangepasste Musik hörten und machten, malten, viel tranken, liebten. Der Mythos „Prenzlauer Berg zu DDR-Zeiten“ verdankt dem Ehepaar Maaß, das mit seiner Wohnung als Salon auch Anregungen und einen Schutzraum bot, nicht wenig.

Montage der Stimmen und Erinnerungen

Und gewiss verdankt er auch Sascha Anderson etwas, damals der charismatische Neuzugang aus dem Süden der DDR. Anderson hatte zuvor wegen Scheckbetrugs im Gefängnis gesessen; 1979 kam er im Rahmen einer Amnestie frei. In Berlin positionierte er sich bald als Zentrum einer Szene, die staatsfern sein wollte und damit rechnen musste, dass kein Schutzraum ganz sicher war. Aber entschuldigt das den Verrat?

In ihrem Film stellt Annekatrin Hendel diese Frage so nicht. Sie montiert vielmehr eine Parade der Köpfe, Stimmen und Erinnerungen, indem sie Leute erzählen lässt, die damals mit Anderson zu tun hatten: Bert Papenfuss-Gorek, heute Kneipier, Verleger und immer noch Dichter; Roland Jahn, heute Chef der Gauck-Behörde; Holger Kulick, einst als Fernsehjournalist bei „Kennzeichen D“ mit der Ostberliner Szene befasst; die Malerin Cornelia Schleime; die Kameramänner Lars Bathel und Thomas Plenert. Wilfriede Maaß, die bald mit Anderson zusammenlebte und nicht mehr mit Ekkehard. Ekkehard Maaß, der ohne Bitterkeit resümiert: „Wir waren bis zur Entblößung ausnutzbar.“

Stimmen und Zuschreibungen prasseln los: Sascha Anderson sei „eine Spielernatur“ gewesen, ein „komischer Typ“, ein „Dandy“, ein „Gemisch aus Wahrheit und Lüge“, der sich sogar seine Herkunft zusammenfantasierte. Wer von Hendels Film die definitive Wahrheit über diesen Teil der DDR-Vergangenheit, die Subkultur im Ostberliner Hinterhof erwartet, braucht sich den Film gar nicht erst anzusehen. Denn diese Wahrheit kann Hendel nicht suchen, weil es sie so einfach nicht gibt. „Anderson“ ist vielmehr ein Beziehungsfilm, der auf seltsam wirksame, subkutane Weise nicht nur das Verhältnis der Protagonisten von damals zueinander sortiert – und zwar heute –, sondern auch das der Gegenwart zur Vergangenheit. „Seine (Andersons) Geschichte – ob es uns passt oder nicht – ist auch unsere Geschichte“, sagt Annekatrin Hendel zu Anfang.

Keine Wut, keine Verbitterung

Verblüffend ist die Abgeklärtheit, mit der die Verratenen über den Verräter sprechen und über die 1980er. Keine Wut, keine Verbitterung. Stattdessen, von Anderson mal abgesehen, der klare Blick auf die eigene Biografie. Würde man offiziellerseits so mit der deutsch-deutschen Vergangenheit umgehen, es stünde besser um das wiedervereinigte Land. Aber gerade Sascha Anderson – das macht der Film deutlich – verhält sich ja politisch konform, indem er das Unbequeme in seinem Leben einfach abspaltet, als würde es nicht zu ihm gehören. Er leugnet die Vorwürfe und die Schuld und streicht die Verdienste heraus: Wie er als IM die Anderen um sich herum geschützt habe vor der Staatssicherheit, und natürlich will er niemandem geschadet haben. Diese psychologische Leistung der Abspaltung ist phänomenal.

Heute ist Sascha Anderson ein älterer Herr mit Walter-Ulbricht-Brille, seine Rolle in den 1980ern vergleicht er mit der eines Zentralmanagers. Er hat sich sogar eine eigene Opfer-Definition zurechtgelegt: „Wer weiß, was er tut, ist kein Opfer.“

Man muss Annekatrin Hendel dankbar sein für diesen Film. Auch wenn sich die Regisseurin mitunter unnötig selbst als Gegenüber ins Bild bringt, nervtötend quirlig wirkt, manchmal auch scheinbar kumpelig oder gar naiv, wenn sie herumberlinert – Hendel ist eine wichtige Stimme im deutschen Dokumentarfilm, nicht erst seit „Vaterlandsverräter“, der eine ähnlich ambivalente Figur in den Mittelpunkt rückte wie nun „Anderson“.

Hendels furchtlose Energie vor diesen DDR-Zwielichtern von Figuren hat indes ihren Preis: den der Sensibilität gegenüber den durch Verrat Beschädigten. Der Malerin Cornelia Schleime etwa wird tatsächlich ein leicht maliziöser Kommentar hinterhergeschickt, weil die ihre Lebenstragik – sie war eng befreundet mit Sascha Arschloch“ – schützen will vor dem Zugriff der Regisseurin. Die fliegt hingegen mit Anderson ohne Zögern zu einer von Schleimes Ausstellungen. Die Beziehung der Regisseurin zu ihrem Gegenstand hätte mehr Distanz kennen dürfen.