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Dokumentation: Wie es gewesen sein könnte

Die ersten Laufbilder der Geschichte: Felszeichnungen in der Höhle von Chauvet im Tal der Ardèche in Südfrankreich.

Die ersten Laufbilder der Geschichte: Felszeichnungen in der Höhle von Chauvet im Tal der Ardèche in Südfrankreich.

Foto:

Ascot Elite Filmverleih

Berlin -

Manche Hervorbringungen der Kunstgeschichte sind so wertvoll, dass man sich ihnen nur unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen nähern darf. Nirgends aber sind die Regeln so streng wie in der Höhle von Chauvet im Tal der Ardèche in Südfrankreich. Hier sind die ältesten Malereien der Menschheit zu sehen, manche Darstellungen an den Felswänden sind über 32.000 Jahre alt. Würde man hier einen Betrieb wie in einem Museum einrichten, wo im Lauf der Jahre Millionen Menschen an der Mona Lisa vorbeipilgern, dann hätte dies zerstörerische Auswirkungen. Deswegen wurde der Zugang zur Grotte Chauvet streng reglementiert, selbst Wissenschaftler dürfen immer nur auf bestimmte Zeit zu den Originalen.

Neugierde und Spekulation

Bis zur Entdeckung der Höhle im Jahr 1994 hatte niemand von diesem Menschheitserbe eine Ahnung. Nun aber ist die Bedeutung zu immens, um nicht doch irgendeine Form von Zugänglichkeit schaffen zu wollen. Diese bietet der Film „Höhle der vergessenen Träume“ von Werner Herzog. Der deutsche Regisseur, der seit vielen Jahren in Los Angeles lebt, hat die einmalige Genehmigung bekommen, im Inneren der Grotte Chauvet zu drehen. So sind die Entstehungsbedingungen dieses Dokumentarfilms schon Teil des Abenteuers, wie so oft bei Werner Herzog, der in den letzten Jahren häufig am extremen Orten gedreht hat - so für „Grizzly Man“ in Alaska, für „Begegnungen am Ende der Welt“ in der Antarktis.

Für „Höhle der vergessenen Träume“ bedurfte es einer ausgeklügelten Logistik, um in den engen Felsschluchten, in denen es nur ein paar Metallstege gibt, von denen man nicht abweichen darf, ganz nahe an die Bilder heranzukommen. Es sind Darstellungen von Tieren und vom menschlichen Zusammenleben der damaligen Zeit. Man kann religiöse Zeremonien vermuten, die da zu erkennen sind. Vieles entzieht sich einem unmittelbaren Verständnis und wird von Wissenschaftlern erst allmählich ausgewertet. Kunsthistoriker, Religionswissenschaftler, Anthropologen, Chemiker sind mit den Fragen befasst, und Werner Herzog nimmt sich die Zeit, ausführlich mit allen zu sprechen.

Doch der erste Deuter ist er selber. Das hat mit der einzigartigen Position zu tun, die er sich erarbeitet hat, und die dem Film „Höhle der vergessenen Träume“ seinen besonderen Status verleiht. Denn einerseits ist das eine durchaus konventionelle Natur- und Kulturdoku, wie sie bei dem koproduzierenden „Discovery Channel“ dutzendfach laufen (nicht oft allerdings mit einem so sensationellen Thema); andererseits aber ist das ein genuiner Herzog-Film, und das bedeutet in aller Regel: ein Produkt unbändiger Neugierde und vorwitziger Spekulation, eine Versammlung denkwürdiger Charaktere und eine Meditation über das Menschliche in extremis. Und wenn Herzog vor einer steinzeitlichen Waffe steht, dann muss diese auch ausprobiert werden.

Film ist hier nicht einfach ein Darstellungsmedium, er ist vielmehr eine ganzheitliche Erlebnisform, die tatsächlich dazu verhelfen soll, eine Vergangenheit so heraufzubeschwören, „wie es gewesen ist“. Gleichzeitig verweist Herzog sehr eingehend auf die technischen Bedingungen, die dazu erforderlich sind. Am glücklichsten scheint er denn zu sein, wenn er in den Bildern auf den Felswänden einen kinematographischen Anfang erkennt: Ein Büffel mit acht Beinen, das ist nichts weniger als das erste Laufbild der Geschichte, und der anonyme Künstler muss als Vorläufer der Filmpioniere Eadward Muybridge und Étienne-Jules Marey gelten.

Kultbilder im Fackelschein

Das Kino rückt hier auch ganz nahe an die urzeitliche Religion, denn es handelt sich bei den Höhlenmalereien mutmaßlich um Kultdarstellungen, von denen Herzog sich vorzustellen versucht, wie sie im Licht der Fackeln ausgesehen haben mögen.

Am Ende von „Höhle der vergessenen Träume“ steht dann noch eine kleine, privatmythologische Beobachtung, die dieses eigentümliche Meisterwerk in das Licht einer anderen Ewigkeit rückt: Herzog entdeckt unweit der Grotte Chauvet ein Atomkraftwerk und ein Terrarium mit blinden Alligatoren, die seit einiger Zeit seine Lieblingstiere sind, siehe „Bad Lieutenant“. Mit dem Bild dieser urzeitlichen Tiere und der Technologie mit den unüberblickbaren Zukunftsimplikationen endet „Höhle der vergessenen Träume“ mit einem brillanten intellektuellen Spannungsmoment.


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