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Dokutainment: Mehr Mut, weniger Skript!

Beim Mainzer Mediendisput hagelte es harsche Kritik für das ZDF-Format „Auf der Flucht".

Beim Mainzer Mediendisput hagelte es harsche Kritik für das ZDF-Format „Auf der Flucht".

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dpa

Der Titel schlug kräftig Alarm: Über das „Fernsehen im Erzählnotstand“ wollte diesmal der Mainzer Mediendisput diskutieren, der regelmäßig in der Berliner Landesvertretung von Rheinland-Pfalz abgehalten wird. Die Initiatoren von der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AGDok) hatten in der jüngsten Vergabe des Deutschen Fernsehpreises gar eine „Zäsur in der Fernsehgeschichte“ ausgemacht. Umstritten waren vor allem die Nominierung der RTL2-Soap „Berlin – Tag & Nacht“ und die Preisvergabe an das ZDF-Format „Auf der Flucht“, beide in der Kategorie „Dokutainment“. Thorolf Lipp von der AG Dok bekräftigte die harsche Kritik seines Verbandes, der sich von der Machart des ZDF-Experiments „brüskiert“ fühlt. Tatsächlich hatten sich das Team von „Auf der Flucht“ mehr um die Konflikte ihrer sechs Probanden gekümmert, die auf die Routen von Flüchtlingen geschickt worden waren, als um die komplexen sozialen Hintergründe.

Lob für Spielfilme

Doch die erwartete Kontroverse zum Thema Pseudo-Dokus und „scripted reality“ blieb aus – vor allem, weil es an Kontrahenten fehlte. Denn sowohl die ursprünglich angekündigten Vertreter von „Berlin – Tag & Nacht“ als auch die Autoren von „Auf der Flucht“ waren leider nicht erschienen. Das allgemeine Unbehagen des Publikums gegenüber dem Fernsehprogramm musste dafür Klaudia Wick aushalten, Autorin der Berliner Zeitung und Jurorin des Deutschen Fernsehpreises. Sie lobte vor allem das Spielfilmangebot, das ihr mindestens zweimal im Monat herausragende Werke beschere, und wurde dabei vom Medienwissenschaftler Lothar Mikos von der Filmhochschule Babelsberg unterstützt, der sich wünschte, das Publikum würde das deutsche Fernsehen nicht immer nur schlechtreden.

Besprochen wurden noch die Tücken der Regularien des Fernsehpreises. Die Kategorie „Dokutainment“ führe zu Missverständnissen: Sind damit Dokumentationen, die mit Unterhaltungselementen spielen, gemeint oder Soaps wie „Berlin – Tag & Nacht“, die mit dem dokumentarischem Gestus clever hantieren – oder wird gar alles in einen Topf geworfen? Seltsam auch, dass beim Deutschen Fernsehpreis, anders als beim Grimme-Preis, in der Sparte „Dokumentation“ all jene Filme ausgeschlossen sind, die neben dem Budget vom Fernsehen noch über Fördermittel der Landesmedienanstalten bekommen und vor der TV-Ausstrahlung meist kurz in Kinos laufen. Rolf Bergmann, beim RBB für Dokumentationen verantwortlich, hält diese Beschränkung für realitätsfremd: 95 Prozent seiner langen Dokus würden auf diese Weise finanziert.

Leichtgläubiges Publikum

Ob sich öffentlich-rechtliche Sender stärker der „scripted reality“ zuwenden sollten, blieb offen. Carl Bergengruen vom Studio Hamburg sieht den Höhepunkt dieser gefakten Serien überschritten. Lothar Hay, Vorsitzender der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein, wünscht sich eine dauerhafte Kennzeichnung des fiktiven Charakters. Seinen Erkenntnissen zufolge glaubten 30 Prozent der jungen Zuschauer, erfundene Serien wie „Familien im Brennpunkt“ vermittelten Realität. Lutz Hachmeister fordert von den Redakteuren mehr Mut und weniger Skript: Früher habe für eine Doku ein einseitiges Expose genügt, heute müsse es mindestens 15 Seiten dick sein und man wolle schon vor Drehbeginn wissen, was in Minute 60 zu sehen sein wird.

Einer, der sich bei seinen Dreharbeiten immer am wahre Leben orientiert, saß gelassen im Podium: Hans-Georg Ullrich, für die Langzeitbeobachtung „Berlin Ecke Bundesplatz“ mit einem Fernsehpreis geehrt, forderte junge Filmemacher auf, mehr Druck auf die Redakteure auszuüben. Einen Sender, der ihm seine neueste Idee finanziert, einen historischen Film zu „Berlin Ecke Bundesplatz“, hat aber auch er noch nicht gefunden.


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