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Ece Temelkuran: Digitale Glühwürmchen überm Gezi-Park

Die Autorin Ece Temelkuran

Die Autorin Ece Temelkuran

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Ich beneide Menschen, die sich auf sozialen Plattformen im Internet mit Aphorismen selbst charakterisieren, ich beneide sie für ihr Vertrauen, nicht als dumm oder als einfallslos wahrgenommen zu werden. Besonders beneide ich Menschen, die ein Vertrauensverhältnis zu Banken, zum Staat, zu Krankenhäusern, zur Polizei, zu ihrem Arbeitgeber, zur Ehe oder einer sonstigen festen Beziehung, zu ihren Nachbarn, zu ihrem Zuhause und zu Nahrungsmitteln mit dem Etikett „aus biologischem Anbau“ aufbauen können. Wie beruhigend es doch sein muss, darauf zählen zu können, dass das eigene Haus erdbebensicher ist, dass es den radikalen Islamisten, die demnächst aus Syrien einfallen werden, sicher nicht gelingt, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen.

Wie beruhigend, dass man nicht in aller Frühe von Polizisten aus dem Schlaf gerissen und festgenommen wird, weil man vergangenes Jahr an einer Demonstration teilgenommen hat, wie beruhigend, dass man nicht aufgrund eines kürzlich getwitterten politischen Statements seinen Job verliert und dass auch nicht vielleicht schon morgen bei einem Grubenunglück dreihundertundein Bergarbeiter den Tod finden werden.

Was müssen solche Menschen für ein Leben führen! So viel Vertrauen muss sich anfühlen wie der Fall in eine Wolke.

Wie gerne würde ich mit jenen Menschen tauschen, die es fertigbringen wegzuhören, wenn die ganze Welt – vor allem meine Heimat – ihnen laut entgegenschreit: „Misstraue!“

Das Land, in dem ich lebe, ist ein Ort, an dem aufgrund von extremer politischer Polarisierung, eines klippenartigen Sozialgefälles, eines seit dreißig Jahren sporadisch aufflammenden Bürgerkriegs und aus vielerlei Gründen niemand mehr den anderen wirklich mag. Da die türkische Gesellschaft als Ganze über keinen gemeinsamen Code verfügt, streben wir alle danach, nur mit solchen Menschen zusammenzuleben, die uns selbst möglichst ähnlich sind. Daher gibt es auch fast täglich ein neues Siedlungsbauprojekt. In der Werbung dafür erzählt man uns auf eine Weise, die nur wir verstehen können, wer dort alles leben wird. Religiöse oder Säkulare, konservative Reiche oder kopftuchlose Frauen …

Wir müssen solche Dinge wissen, denn es ist uns sehr wichtig, auf welcher Seite des Efeus wir leben werden. Die Menschen wollen schließlich, wo schon ihr Alltag von so viel Unsicherheit geprägt ist, nicht auch noch zu Hause mit der ständigen Anspannung sozialer und weltanschaulicher Unterschiedlichkeiten konfrontiert sein und bevorzugen daher ein Leben unter ihresgleichen.

Mein Heimatland mag verrückt sein, aber mir scheint, als würde die ganze Welt mehr oder weniger auf den gleichen Zustand hinsteuern. Jeder tut alles in seiner Macht Stehende dafür, sich vor anderen Menschen noch besser zu schützen. Und während die Welt uns einerseits sagt: „Vertraue niemandem!“, verkauft sie uns auf der anderen Seite scheinbare Sicherheit: die Sicherheit des Geldes, des Wissens, der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Gesundheit, der Kinder und so fort.

Informationsbroschüren

Unser Bedürfnis nach Sicherheit versucht die Welt nun dadurch zu befriedigen, dass sie alles in gleicher Weise organisiert und zur besseren Vorhersehbarkeit auf gesammelte Informationen zurückgreift.

Unsere Facebook-Profile enthalten heute in zunehmendem Maße Informationen über uns, die wir auch einer Versicherungsgesellschaft zukommen lassen würden, und unsere Banken interessieren sich mittlerweile für nahezu dieselben Dinge wie potenzielle Heiratskandidaten. Um der Sicherheit Genüge zu tun, haben wir uns alle in Informationsbroschüren über uns selbst verwandelt.

Gleichzeitig geht aber ein Gespenst in der Welt um – das Gespenst des Vertrauens.

Auf dem Tahrir-Platz, in Tunis, im Istanbuler Gezi-Park … überall war immer wieder der gleiche Satz zu hören: „Geht nicht in diese Straße! Da werdet ihr von der Polizei angegriffen! Haltet euch von dort fern!“

Während draußen also kriegsähnliche Zustände herrschen und Sie um Ihr Leben kämpfen, gibt Ihnen plötzlich irgendein Nickname auf der Timeline von Twitter, von dem Sie nicht einmal mehr wissen, wann und warum Sie ihm zu folgen begonnen haben, eine Information, und Sie beschließen, dieser Person zu vertrauen. Denn Sie glauben daran, dass zwischen Ihnen beiden eine Einheit der Gefühle besteht, und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass Ihr Gegenüber Ihnen ähnlich ist.

Wenn ich es auch als einigermaßen übertrieben empfinde, den arabischen Frühling als „Revolution“ zu bezeichnen, so glaube ich doch, dass in Sachen Vertrauen auf dieser Welt – vom Tahrir-Platz bis hin zum Gezi-Park – tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat.

Anstelle von Zeitungen und Fernsehsendern, die Millionen von Dollars investieren, um sich unsere Gunst zu erkaufen, vertrauen wir plötzlich Menschen mit komischen Profilfotos, die unter Pseudonym auf Twitter schreiben. Aufgrund einer Reihe intuitiv gefällter Entscheidungen und unbewusster Erfahrungen haben wir entschieden, diesen Menschen anstelle von Institutionen zu vertrauen.

Die blauen Displays der Mobiltelefone, die in Ägypten und in der Türkei bei Nacht die Gesichter der Menschen beleuchteten, waren wie Glühwürmchen, und es gab außer diesen Glühwürmchen kein anderes Zeichen, das uns den Weg gewiesen hätte. Kein Fernsehsender und keine Zeitung versorgte uns mit so vertrauenswürdigen Informationen, wie diese Unbekannten es taten.

Man mag darüber streiten, was jene Tage in politischer Hinsicht hinterlassen haben, aber was zwischenmenschliches Vertrauen angeht, kam es in diesen Ländern, wo die Aufstände stattfanden, zu wirklich tiefgreifenden Veränderungen.

In der Türkei etwa begegnen die Teilnehmer der Gezi-Proteste denjenigen, die nicht dabei waren, mittlerweile voller Misstrauen. Um sich abzugrenzen, setzen die Menschen sogar auf Datingseiten schon Fotos, die während der Aufstände geschossen wurden. Und eine Freundin gestand mir vor Kurzem, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, „weil er im Gezi-Park nicht mit dabei war“. „Ich kann ihm einfach nicht mehr vertrauen!“, fügte sie hinzu.

Alle wollen Freiheit

Eines der wichtigsten Anliegen der Menschen, die sich am Widerstand beteiligten, war folgendes: So verschieden wir auch voneinander sein mögen, wünschen wir uns doch alle Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, und wir wollen einander vertrauen. Und so vertrauten wir in das Gewissen, den Gerechtigkeitssinn und die Menschlichkeit der anderen, selbst wenn sie völlig unterschiedlichen Ethnien oder Glaubensrichtungen angehörten.

Während der Protestaktionen wurden Fotos, die zeigten, wie die verschiedensten Leute für eine gemeinsame Sache eintreten können, zu den am meisten „gehypten“ Bildern – Fotos aus Ägypten oder Tunesien, auf denen junge Menschen, die ihre Wurzeln in der Muslimbruderschaft haben, anderen jungen Menschen mit liberaler Gesinnung die Hand reichen, oder junge Linke im Gezi-Park, die Schirme über ihre muslimischen Mitdemonstranten halten, während diese im strömenden Regen ihr Gebet verrichten… „Das ist unser Spirit“, sagten sie. Sie rissen den Efeu aus, der unsere Häuser umgab, und teilten uns mit, dass man auch ohne Mauern leben könne, dass sie jedenfalls so leben wollten, dass sie einander vertrauen wollten.

In unseren Ländern, die uns erst in Angst und Schrecken versetzen, um uns gleich darauf angebliche Sicherheit verkaufen zu können, ging ein Gespenst um, das für Brüderlichkeit und gegenseitiges Vertrauen eintrat. Mag sein, dass von alledem nur unsere „coolen“ Facebook-Fotos übrig geblieben sind, auf denen wir uns mit Gasmasken haben ablichten lassen, und vielleicht auch ein wenig Feenstaub – aber das Gespenst hat jeder von uns gesehen. Niemand hielt mehr einen anderen für verrückt, nur weil er seinen Mitmenschen vertraute.

Denn um am Leben zu bleiben, um nicht der Polizei in die Hände zu geraten, mussten alle daran glauben können, dass ihnen diese völlig unbekannten Menschen trotz aller Unterschiedlichkeit doch irgendwie ähnlich, ja, dass sie „gut“ seien. Die Menschen überwanden nicht nur ihre Angst vor Autoritäten, sondern auch die vor ihrer Verschiedenheit. Wir rissen den Efeu herunter und atmeten tief durch. Denn trotz des von der Polizei versprühten Tränengases fühlte sich jeder, als komme er endlich wieder an die frische Luft.

Nichts riecht schlechter als die Angst. Außerdem lernten wir, wie Sicherheit und Vertrauen negativ miteinander korreliert sind. Denn in dem Maße, in dem die Angriffe der Polizei unser Sicherheitsgefühl zerstörten, wuchs unser Vertrauen – das in unsere Mitmenschen ebenso wie das in uns selbst. Wir trugen sozusagen das Sicherheitsgefühl, das uns verkauft worden war, zurück zum Verkäufer und bekamen im Austausch dafür unser Vertrauen wieder. Und alle waren wir großzügig genug, um zu sagen: „Stimmt so, behalten Sie den Rest!“

Es gibt einige Selbsterfahrungskurse, die Angestellte von multinationalen Konzernen in ihren Bürotürmen „über sich ergehen lassen“. Einer davon beinhaltet die Übung vom „freien Fall“, die dazu dienen soll, das gegenseitige Vertrauen im Team zu stärken. Man lässt sich dabei rückwärts zu Boden fallen, während die anderen Teammitglieder hinter einem stehen und einen gerade noch rechtzeitig auffangen. Der blödsinnige Glaube, dass es auf diese Weise möglich sei, ein Vertrauensverhältnis untereinander aufzubauen, wird erst an die Firmen verkauft, in denen wir angestellt sind, bevor diese ihn dann ihren Mitarbeitern einzuimpfen versuchen.

Was das System also von uns erwartet, ist einerseits die Naivität und Unbeschwertheit kleiner Kinder, andererseits aber hält es uns dazu an, im Konkurrenzkampf unbarmherzig und rücksichtslos gegeneinander vorzugehen. Wir sollen vertrauen und misstrauen zur gleichen Zeit.

Ob es wohl irgendjemanden gibt, der diesen Schwindel nicht durchschaut? Ich glaube es nicht und will es auch nicht glauben. Inzwischen wissen wir, dass das System es meisterlich versteht, ein Bedürfnis erst in uns zu wecken, um uns anschließend die Mittel zu seiner Befriedigung zu verkaufen. Als hätte es uns nicht selbst zu Konkurrenten und somit zu Feinden gemacht, gelingt es ihm, das komplette Gegenteil zu tun und die Unsicherheit, die es in uns hervorgerufen hat, durch ein falsches Vertrauensgefühl wieder zu tilgen. Wir aber – die Welt – sind dieses schizophrenen Zustands überdrüssig. Wir möchten wieder wirklich vertrauen und die trügerische Sicherheit an die zurückschicken, die sie uns einst verkauften.

Die Mauer aus Efeu

Während ich heute diesen Text schrieb, kam wieder einmal eine meiner Nachbarinnen vom oberen Teil des Hügels vorbei und verlangte von mir, ich solle den Efeu ausdünnen. Ihre Rechtfertigung, wie immer:„Wir möchten endlich wieder freie Sicht!“ Die Wut war ihr regelrecht anzusehen. Offenbar hatte sie, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen hatte, in Gedanken bereits alle möglichen Konflikte mit mir durchgespielt, bevor sie vor meine Tür getreten war. Als ich nur lächelnd schwieg, begann sie zu stottern, regte sich noch mehr auf und sagte: „Damit werden Sie sich in Zukunft abfinden müssen!“

Ich kann nur spekulieren, auf welchen der Konflikte in ihrem Kopf sie sich bezog, als sie diesen Satz formulierte. Aber es war ihr anzusehen, wie verängstigt sie dabei war. Ich glaube, die Tatsache, dass ich gerade diesen Text hier schrieb, veranlasste mich zu der Erwiderung:

„Vertrauen Sie mir.“

Worauf sie mich ansah wie eine Soldatin, die erfährt, dass der Krieg, auf den sie sich so lange vorbereitet hat, in letzter Minute abgeblasen worden ist. Als hätte sie gerade eben Hand ans Efeu gelegt, als sie plötzlich stürzte und in eine Wolke fiel …

Aus dem Türkischen von Johannes Neuner.

Die türkische Autorin Ece Temelkuran (geb. 1973 in Izmir) ist als Journalistin bekannt geworden, ihr erster Roman auf Deutsch „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“ erscheint im September beim Verlag Hoffmann & Campe in München. Die Premierenlesung dieser Roadnovel findet im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin im September statt.