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Ehrung in Berlin: Michael Müller überreicht Frank Castorf den Kunstpreis

Frank Castorf nimmt den Kunstpreis von Michael Müller an.

Frank Castorf nimmt den Kunstpreis von Michael Müller an.

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dpa/Tobias Hase

Das ist wirklich eine maliziöse Geste von der Akademie der Künste, die den Großen Kunstpreis Berlin an Frank Castorf verleiht. Die Jury, bestehend aus der Schauspielerin Constanze Becker, dem Sänger Christian Gerhaher sowie dem Schauspieler und Akademie-Sektionsleiter Ulrich Matthes, bringt den Regierenden Bürgermeister Michael Müller bei der feierlichen Verleihung am 18. März um 20 Uhr im Akademie-Gebäude am Pariser Platz in eine verzwickte Lage.

Er muss dann den Preis an jemanden überreichen, dem er die zugegeben unvergleichlich luxuriöse Grundlage seiner geradezu anmaßenden Kunstausübung wegnimmt. Eine der ersten kulturpolitischen Entscheidungen, die Müller getroffen hatte, war die Nichtverlängerung von Castorfs seit 1992 laufendem Intendanten-Vertrag. Nach den Plänen von Kulturstaatssekretär Tim Renner, den noch Müllers Vorgänger und Castorfs Duz-Freund Klaus Wowereit ins Amt holte, weicht Castorf 2017 dem belgischen Kurator und Museumsleiter Chris Dercon, der die alte Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Einbeziehung des Praters, des Babylon-Kinos und eines Tempelhofer Hangars zur „volksbühne berlin“ machen will, wofür die Stadt dem Belgier einen Vorbereitungsetat von drei Millionen Euro zur Verfügung stellt. Man darf sehr gespannt sein auf die Dankesworte, mit denen Castorf den immerhin mit 15000 Euro dotierten Preis annimmt.

Entscheidung „aus vollem Herzen“

Ebenso maliziös wie die Geste ist auch die Jury-Begründung für die „aus vollem Herzen“ getroffene Entscheidung: „Ohne Zweifel ist Frank Castorf ein Großkünstler vom Range eines Picasso für das Theater, und von seinem Œuvre geht eine Energie und Strahlkraft aus, mit der sich jeder auseinandersetzen muss...“, wir unterbrechen das Zitat mit dem Hinweis auf Castorfs jüngste, kräfteraubende Premiere (siehe Rezension vom Freitag), und jetzt kommt es: „...ganz egal, wo genau er das weite Feld der Kunst beackert.“

Ganz egal? Die Volksbühne wird ab 2017 nicht mehr so sein wie vorher, und Castorf wird auf der ganzen Welt nie wieder ein Instrument in die Hand bekommen, das so groß, so unhandlich, so herausfordernd, so mit der eigenen Tradition beseelt ist wie dieses Haus, das noch dazu genau dort steht, wo Castorf hingehört. Er wird überall auf der Welt arbeiten, bestimmt auch im Berliner Ensemble. Es wird Castorf-Kunst dabei herauskommen, aber keine Volksbühnen-Castorf-Kunst. Und das ist überhaupt nicht egal. Ob der Preis nun als schwacher Trost für Castorf gemeint ist oder auch als Wink der Zustimmung an den Bürgermeister − Castorf nimmt ihn jedenfalls an, wir haben nachgefragt.

Die Kunstpreise in den einzelnen Sparten (à 5000 Euro Dotation) gehen an: den Foto- und Videokünstler Sven Johne, das Architekturbüro Kersten Geers David von Severen, den Komponisten Stefan Prins, die Autorin Angelika Meier, die Sopranistin Anna Prohaska und den Tonmeister Peter Avar. Gratulation!


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