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Ehrung: Wörter ziehen uns voran

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Emine Sevgi Özdamar: Eine Draufgängerin, die jeden Apfel vom Baum der Erkenntnis pflücken würde, aus purer Neugier und Lebenslust.
Emine Sevgi Özdamar: Eine Draufgängerin, die jeden Apfel vom Baum der Erkenntnis pflücken würde, aus purer Neugier und Lebenslust.
Foto: Imago
Berlin –  

Laudatio auf Emine Sevgi Özdamar, der am Sonnabend der Alice-Salomon-Poetik-Preis verliehen wurde.

Es muss keineswegs langweilig sein, einen Film zu sehen, dessen Sprache man nicht versteht. Umso besser kann man sich auf die übrigen Elemente des Films konzentrieren, auf Gesten, Körperhaltungen, Landschaft, Komparsen. Wer nichts versteht, ist noch lange nicht im falschen Film; er sieht in vieler Hinsicht sogar mehr von ihm. Dieses Mehr an Erfahrung aber wieder in die richtigen Worte zu fassen, ist eine Kunst, die kaum jemand besser beherrscht als Emine Sevgi Özdamar.
Sie kam 1965 mit 19 Jahren zum zum ersten Mal von Istanbul nach Deutschland, und sie verstand – nichts. Sie erzählte einmal, ihr erstes Wort Deutsch sei „Haltestelle“ gewesen. Sie prägte es sich ein, um bei der Rückfahrt mit dem Bus wieder an der richtigen Straße auszusteigen. Das gelang natürlich nicht, es gab in diesem Berlin einfach zu viele Orte, die Haltestelle heißen.

Preis und Preisträgerin

Emine Sevgi Özdamar, geb. 1946 in Malatya, Türkei, ist Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin. Sie kam 1965 nach Westberlin und fertigte bei Telefunken Radiolampen. 1976 wurde sie Regieassistentin von Benno Besson und Matthias Langhoff an der Ostberliner Volksbühne.

Der Alice-Salomon-Poetik-Preis wird jährlich von der Alice Salomon Hochschule Berlin verliehen – seit Gründung ihres Masterstudiengangs „Biografisches und kreatives Schreiben“. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Gerhard Rühm, Michael Roes, Rebecca Horn und Eugen Gomringer.

In ihrem Roman „Die Brücke vom goldenen Horn“ erzählt sie dagegen, ihre ersten deutschen Wörter hätten gelautet: Schak Schak, eeee und gak gak. Wenn sie und ihre Mitbewohnerinnen aus dem Wohnheim ins Kaufhaus gingen und Eier wollten, hätten sie vor der Verkäufern mit den Hintern gewackelt und gak, gak, gak gesagt. Von diesem Deutsch bis zu Özdamars Romanen ist es ein weiter Weg. Wunderbar sind diese Bücher, weil sie den Zauber des Spracherlernens in sich tragen.
Sie schreibt auf Deutsch, in einer Sprache, die für sie keine Kindheit hat, anders als das Türkische, das für sie die Zauberkraft des frühen Trostes aufbewahrt, der Einschlaflieder, aber auch den ersten Triumph, „Ich“ zu sagen, „Ich will“.
Das Leben in Berlin dagegen gab ihr die Möglichkeit, als Erwachsene sprachlich noch einmal bei Null anzufangen. Sie lernte das Deutsche auf eine sonderbare Weise, nämlich über das Auswendiglernen aller Zeitungsschlagzeilen, die am Kiosk aushingen – ohne ein Wort zu verstehen. Fragte sie jemand „Niye böyle gürültüyle yürüyorsun?“ (Warum machst du so viel Krach, wenn du läufst?) antwortete sie beispielsweise mit der auswendig gelernten Zeitungsüberschrift „Wenn aus Hausrat Unrat wird“.

Zugegeben, ihr Vater spendierte ihr später einen Kurs beim Goethe-Institut, wo sie das Deutsch auf eine klassischere Weise lernte, aber man wird wohl annehmen dürfen, dass ihre ureigenen Lernmethoden das Gefühl für die Sprache schärften. Für sie haben Wörter einen Körper, eine Gestalt nicht nur in der Schriftform, sondern auch als gesprochene Worte, als Worte zumal, die ihren Adressaten nie erreichen. Im Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ beschreibt sie, wie türkische Männer durch das winterliche Berlin laufen: „Es sah so aus, als ob sie hinter ihren Wörtern hergingen, die sie laut sprachen. (...) So gingen sie hinter ihren Wörtern her und sahen für die Menschen, die diese Wörter nicht verstanden, so aus, also ob sie mit ihren Eseln oder Truthähnen durch ein anderes Land gingen.“

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