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Ehrung: Wörter ziehen uns voran

Emine Sevgi Özdamar: Eine Draufgängerin, die jeden Apfel vom Baum der Erkenntnis pflücken würde, aus purer Neugier und Lebenslust.

Emine Sevgi Özdamar: Eine Draufgängerin, die jeden Apfel vom Baum der Erkenntnis pflücken würde, aus purer Neugier und Lebenslust.

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Es muss keineswegs langweilig sein, einen Film zu sehen, dessen Sprache man nicht versteht. Umso besser kann man sich auf die übrigen Elemente des Films konzentrieren, auf Gesten, Körperhaltungen, Landschaft, Komparsen. Wer nichts versteht, ist noch lange nicht im falschen Film; er sieht in vieler Hinsicht sogar mehr von ihm. Dieses Mehr an Erfahrung aber wieder in die richtigen Worte zu fassen, ist eine Kunst, die kaum jemand besser beherrscht als Emine Sevgi Özdamar.
Sie kam 1965 mit 19 Jahren zum zum ersten Mal von Istanbul nach Deutschland, und sie verstand – nichts. Sie erzählte einmal, ihr erstes Wort Deutsch sei „Haltestelle“ gewesen. Sie prägte es sich ein, um bei der Rückfahrt mit dem Bus wieder an der richtigen Straße auszusteigen. Das gelang natürlich nicht, es gab in diesem Berlin einfach zu viele Orte, die Haltestelle heißen.

In ihrem Roman „Die Brücke vom goldenen Horn“ erzählt sie dagegen, ihre ersten deutschen Wörter hätten gelautet: Schak Schak, eeee und gak gak. Wenn sie und ihre Mitbewohnerinnen aus dem Wohnheim ins Kaufhaus gingen und Eier wollten, hätten sie vor der Verkäufern mit den Hintern gewackelt und gak, gak, gak gesagt. Von diesem Deutsch bis zu Özdamars Romanen ist es ein weiter Weg. Wunderbar sind diese Bücher, weil sie den Zauber des Spracherlernens in sich tragen.
Sie schreibt auf Deutsch, in einer Sprache, die für sie keine Kindheit hat, anders als das Türkische, das für sie die Zauberkraft des frühen Trostes aufbewahrt, der Einschlaflieder, aber auch den ersten Triumph, „Ich“ zu sagen, „Ich will“.
Das Leben in Berlin dagegen gab ihr die Möglichkeit, als Erwachsene sprachlich noch einmal bei Null anzufangen. Sie lernte das Deutsche auf eine sonderbare Weise, nämlich über das Auswendiglernen aller Zeitungsschlagzeilen, die am Kiosk aushingen – ohne ein Wort zu verstehen. Fragte sie jemand „Niye böyle gürültüyle yürüyorsun?“ (Warum machst du so viel Krach, wenn du läufst?) antwortete sie beispielsweise mit der auswendig gelernten Zeitungsüberschrift „Wenn aus Hausrat Unrat wird“.

Zugegeben, ihr Vater spendierte ihr später einen Kurs beim Goethe-Institut, wo sie das Deutsch auf eine klassischere Weise lernte, aber man wird wohl annehmen dürfen, dass ihre ureigenen Lernmethoden das Gefühl für die Sprache schärften. Für sie haben Wörter einen Körper, eine Gestalt nicht nur in der Schriftform, sondern auch als gesprochene Worte, als Worte zumal, die ihren Adressaten nie erreichen. Im Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ beschreibt sie, wie türkische Männer durch das winterliche Berlin laufen: „Es sah so aus, als ob sie hinter ihren Wörtern hergingen, die sie laut sprachen. (...) So gingen sie hinter ihren Wörtern her und sahen für die Menschen, die diese Wörter nicht verstanden, so aus, also ob sie mit ihren Eseln oder Truthähnen durch ein anderes Land gingen.“

Auch in ihrem Buch „Seltsame Sterne starren zur Erde“ wird das gesprochene Wort nicht nur gehört, sondern gesehen. Es geht um eine Erinnerung an einen Winter in einer Berliner Wohngemeinschaft ohne Heizung, in der der Atem in der Luft kondensiert: „Wenn zwei von uns in ihren gegenüberliegenden Zimmertüren standen und in der Kälte miteinander redeten, sah ich auf dem Korridor zwei Atem miteinander sprechen. (...) Wenn wir alle in der Küche um den großen, runden Tisch saßen und aßen und dabei sprachen, sah ich sieben Atemstraßen über dem Tisch wie die Lichtstrahlen von sieben Taschenlampen in einer finsteren Nacht.“

Sprache und Einsamkeit gehören für Emine Sevgi Özdamar zusammen. Die Sprache dient nicht deren Vertreibung, sie markiert auch die Einsamkeit. Mit ihr fuchtelt man herum wie mit Taschenlampen auf der Suche nach einem reflektierenden Gegenüber, man läuft ihr hinterher wie die von Heimweh wunden Männer auf den verschneiten Straßen. Wenn sich die Sprache im Streit verselbstständigt – wenn ein Wort das andere gibt, wie man so schön sagt – dann sicheln die Wörter auf dem Küchentisch herum wie wild gewordene Scheren.

Bei dieser Autorin kann man erleben, welches Glück für die Literatur eine spät erlernte Sprache, eine „Sprache ohne Kindheit“, ohne vollautomatisierte Reflexe sein kann. Wenn man so genau hinsehen und imaginieren kann wie sie, dann ist man nie ganz im richtigen Film. Man sieht das Fremde, egal, wo und wann man eingebürgert wurde. Wer „Die Brücke vom goldenen Horn“ gelesen hat, wird nie wieder an der Ruine des Anhalter Bahnhofs vorbeigehen können, ohne an ihn als den „beleidigten Bahnhof“ zu denken. So nennen ihn die Frauen aus dem Wohnheim nämlich, weil das türkische Wort für „zerbrochen“ zugleich auch „beleidigt“ heißt. Das Herrliche an der Kunst von Özdamar ist, dass sie diese unsicheren Sprachräume genießt; sie ist alles andere als eine zaudernde Sprachgrüblerin. Eine Draufgängerin vielmehr, die jeden Apfel vom Baum der Erkenntnis pflücken würde, aus purer Neugier und Lebenslust.

Ihre großen Bücher über ihre Berliner Zeit in den Sechziger und Siebziger Jahren beschreiben Eroberungen des Lebens, nicht nur Eroberungen einer Stadt. Es sind Erzählungen des langsamen Ankommens und Landnehmens, des Herumlaufens in der Fremde, des Einnehmens eines gesamten Stadtraums. Sie verschlingt geradezu das deutsche Theater, ihren geliebten Bert Brecht, den sie schon in Istanbul als Schülerin gespielt hat. Verblüffend, wie diese junge Frau die innerstädtische Grenze überwindet, als sie in Westberlin wohnt und in der Ostberliner Volksbühne mit Benno Besson und Heiner Müller arbeitet. Sie steckte uns alle, die wir die Mauer für unüberwindbar hielten, in die Tasche, hätte sich niemals mit nur einer Hälfte der Stadt zufrieden gegeben.

Durch die Bücher der Emine Sevgi Özdamar ist Berlin für mich größer geworden, weiter und wärmer. Es ist umso mehr mein Zuhause. Dafür bedanke ich mich.

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