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Ein Rundgang über die 7. Berlin Biennale: Die Berlin Biennale verweigert sich der Kunst

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Die von Occupy „besetzte“ Ausstellungshalle des Instituts Kunst-Werke
Die von Occupy „besetzte“ Ausstellungshalle des Instituts Kunst-Werke
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Die vom 27. April bis zum 1. Juli laufende Berlin Biennale will politische Sprengkraft vermitteln. Dokumentationen, Podiumsdiskussionen und Aktionen stehen im Mittelpunkt - große Kunstwerke sucht man dort aber vergeblich.

Die Auguststraße ist hysterisch verstopft zur Vernissage der 7. Berlin Biennale. Menschen in Massen, Taxen, Kombis, aus denen junge Männer mit Palästinensertüchern ihr Schlafgepäck entladen. Junge Frauen im Abendkleid ziehen scheppernde Blechdosen an Tüllschleifen hinter sich her. Vor den Kunst-Werken stehen Polizisten und reden nett mit Leuten. Eine Demo gegen Rassismus war angesagt. Bis Sonnenuntergang war kein Demonstrant zu sehen.

Überschrieben ist die Biennale von ihren Machern mit „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Das Wort hat die Macht, weniger die Bildkunst. Man will politische Sprengkraft, nicht Werke mit irgendeiner individualästhetischen Aura. Man will subversive Projekte, die die Welt verändern, nicht geldwerte Hervorbringungen individualistischer Stars. Die Biennale-Macher aus Polen gehen davon aus, dass die Kunst, ihre ganze dazugehörige Entourage hier, in Berlin, in Deutschland, in Westeuropa, entpolitisiert, gar saturiert ist. Darum zeigt man, gerade im Institut Kunst-Werke, Auguststraße, mitten in der längst gentrifizierten Galerienmeile, kein Werk mit Aura, sondern lakonische Dokumentationen, Kriegs-Videos, Installationen. Man ruft zu Podien, zu Aktionen. Die politische Wahrheit soll enthüllt werden.

„Empört Euch!“ - mit Stéphane Hessels Streitschrift ist der enge Zugang zur Ausstellungshalle des Veranstalters Kunst-Werke bepflastert. Dahinter hat die internationale Occupy-Bewegung mit Schlafsäcken und indischen Weihnachtssternen den einst so schicken White Cube besetzt, ein Podium und ein Militärzelt aufgestellt, das Obdachlose einlädt und mit Holzbank, Teppich, Sofa wohl soldatischen „Komfort“ in Afghanistan suggerieren will. Es kleben in Mengen Plakate gegen Nazis, Kapitalisten, Finanzhaie. Ein Fahrrad, mit Voltaik-Platten bepackt, beklagt stumm die soeben von der Bundesregierung abgewürgte deutsche Solarstrom-Revolution.

„Wir sind nicht repräsentabel“

Die Occupy-Leute haben sich bereits Stunden zuvor, bei der internationalen Pressekonferenz in der Elisabeth-Kirche, zur Wort gemeldet. Im Saal sitzen Biennale-Macher und Gäste in demonstrativ demokratischen Stuhlkreisen. Kein Konferenztisch, keine lineare Sitzanordnung. Keine Hierarchie für niemanden. Wie bei einer Lesung in der Kirche trägt Chefkurator Artur Zmijewski sein Konzept vor. Zmijewski , selber Künstler, sichert allen Aktivisten den geforderten Freiraum zu. „Sie tun, was sie tun wollen“, sagte er. “ Das Ziel der Biennale sei, Kunst zu unterstützen, die nachhaltig politisch wirke. Daraufhin tragen die Occupy-Aktivisten ihre Statements vor – gegen die Macht der Banken. Für mehr Solidarität. Einer kündigt für die kommenden zwei Monate „ein kollektives Experiment“ an, Diskussionen, Aktionen, die Gesellschaft betreffend. Damit fange Kultur an.

Jemand spricht von der „Sozialen Plastik“, die jetzt entstehe, und Klaus Biesenbach, der aus New York eingeflogene Gründer der Berlin Biennale im Jahr 1998, lobt den „zivilen Ungehorsam“. Dann sagt einer von Occupy der verdutzten Runde: „Wir sind nicht repräsentabel“.

Gilt das etwa für die Installation von bunten Flaggen, die von der Decke hängen? Eine jede steht für eine jener internationalen terroristischen Gruppen, die sich am 4. und 5. Mai in den Sophiensælen zum Austausch treffen. Dafür hat der Holländer Jonas Staal sich ein an die Form des UNO-Parlaments angelehntes makabres Miniatur-Modell ausgedacht: Stühle im Kreis, Rednerpulte, Fähnchen mit der Terror-Emblemen. Das höchst Absurde wird abgelöst von Naivität: In einer Unterschriften-Aktion gegen die Morde der Drogenbanden in Mexiko wird jeder Besucher aufgefordert, eine Erklärung abzugeben, laut der er bis zum Biennale-Ende selber keine oder weniger Drogen nimmt. Tabak und Tequila stehen nicht auf dem Index .

Die Occupy-Bewegung mischt dieses Jahr bei der Biennale mit.
Die Occupy-Bewegung mischt dieses Jahr bei der Biennale mit.
Foto: Paulus Ponizak

In einer gigantischen Fleißarbeit hat die weißrussische Künstlerin und Magazin-Herausgeberin Marina Naprushkina die Treppenaufgänge der Kunst-Werke bis unters Dach mit Zeichnungen auf großen Packpapierflächen versehen. Als „pragmatischen Eingriff“ in die demagogische Politik in Weißrussland bezeichnet Zmijewski die derbe Bildarbeit. Welchen Machtpolitiker in Minsk wird dieser Agit-Prop-Charme wirklich provozieren oder zur Einsicht bringen?

Puristisch-aggressive Verweigerer

Vielleicht fühlen sich ja wenigstens die katholischen Kleriker Polens und deren einflussreiche politische Freunde blasphemisch angegriffen, wenn Miroslaw Petecki in der ersten Etage der Kunst-Werke zu seinem segnenden Jesus-Standbild aus Gips nun in den nächsten Wochen aus weißem Styropor einen gewaltigen Christuskopf mit Dornenkrone schneidet.

Wie paradox, dass diese politische Biennale, die sich so puristisch, fast aggressiv dem Markt, der ästhetischen Vereinnahmung totalverweigert, dieser Tage fröhlich Tandem fährt mit genau der verachteten Kunstschickeria. Die feiert ab heute ihr fulminantes Gallery Weekend – über 100 kommerzielle Galerien Berlins haben Alt- und Shootingstars Schauen ausgerichtet. Sammler, Käufer, Museumsleute aus aller Welt fliegen ein. Man fährt in schwarzen Shuttles von Galerie zu Galerie, diniert in den angesagtesten Lokalen, macht Party – und zeigt schamlos, wie selten Kunst heute noch nach Brot geht, stattdessen nach Hummer-Mayonnaise.

Zurück in die Auguststraße: Erleben wir also bei dieser mit 2,5 Millionen vom Bund finanzierten Biennale die zigste Kunstrevolte? Schafft die Kunst sich wieder einmal selber ab? Auf sogenannte Kunstkritik legt diese Biennale keinen Wert, man will mit „politischen Menschen“ reden. Auch über „künstlerischen Pragmatismus“. So in den täglich aktualisierten Videos „Breaking the News“ von Künstler-Journalisten über die Arabellion, vom Krieg in Nordafrika, Afghanistan, an der Mauer in Jerusalem und zur Westbank, von der Gewalt auf russischen Straßen, wo Putin- Kritiker von der Polizei verprügelt werden. Die Szenen ergreifen, empören, nur, sie laufen auch im Fernsehen.

Übersetzt ins andere Vokabular der künstlerischen Form ist das starke Material noch nicht. Es bleibt Protest. Könnte man nun, in Anlehnung an den immer auch politischen, doch zutiefst künstlerischen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder sagen: Wut und Angst essen hier Kunstseele auf?

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