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Eine Begegnung mit Abbas Khider: Die deutsche Sprache ist wie eine schöne Frau

Abbas Khider, fotografiert im Literaturhaus Fasanenstraße.

Abbas Khider, fotografiert im Literaturhaus Fasanenstraße.

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berliner Zeitung/Markus Wächter

Abbas Khider ist schon vor der verabredeten Zeit ins Café des Literaturhauses gekommen. Auf dem Teller vor ihm liegt ein halb gegessenes Stück Käsekuchen, daneben ein aufgeschlagenes Notizbuch. In welcher Sprache er darin schreibt? „Auf Deutsch. Seit Jahren schon.“ Da klingt ein „Das müssten Sie doch wissen“ mit. Klar. Wir sind ja verabredet, um über seinen neuen Roman zu sprechen: „Ohrfeige“. Er hat ihn wie die drei Vorgänger auf Deutsch geschrieben. Abbas Khider ist 1973 in Bagdad im Irak geboren und ging 1996 ins Exil.

Seit 2007 hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Und in welcher Sprache träume er? Das wisse er nicht. Aber wenn er im Schlaf rede, sagt er, dann deutsch. Das wüsste er von seiner Freundin. „Lebenspartnerin“, setzt er hinzu. Später wird er noch ein Foto seines Kindes zeigen, kurz nur. Sonst hält er sich mit persönlichen Informationen sehr zurück. Als Khider Freunde erwähnt, Schriftsteller wie er, die manchmal seine Texte vor der Veröffentlichung läsen, möchte er keine Namen nennen. „Meine Freunde sind meine Freunde, Privates bleibt privat.“

Autor mit Botschaft

Dennoch verläuft das Gespräch sehr munter. Abbas Khider beschleunigt die Stimme, er hebt und senkt sie, nimmt jede Gelegenheit zum Lachen wahr. Er ist auch im Mündlichen ein gewandter Erzähler. Gleich mit einer grotesken Szene beginnt sein neues Buch. „Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt“, lautet der erste Satz. Der Iraker Karim Mensy zwingt seine Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde, sich einmal seine Geschichte anzuhören. Er ist es leid, immer nur als unvollständige Akte behandelt zu werden. In Rückblenden, die mal kurz zurückgehen, mal viele Jahre überspringen, erzählt er, wie es ihm unter den Deutschen ergangen ist. Die „Ohrfeige“ kann als Diskussionsbeitrag zu Flüchtlings-Obergrenzen und Abschiebung gelesen werden: Es ist das Buch der Stunde!

„Soll ich ehrlich sein?“, fragt Abbas Khider, „der Verlag freut sich bestimmt, aber ich nicht.“ Er wolle sich nicht in die aktuellen Debatten einmischen. „Jeder Autor hat sein literarisches Programm. Bei mir sind es die Themen Vertreibung, Flucht, Exil, Fremde, Widerstand, die Zerstörung des Einzelnen durch die Gesellschaft“ – aber nicht als unmittelbare Reaktion auf die Gegenwart. Flüchtlinge gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten. „Ich habe lange gesucht, ob in irgendeinen Roman die Hauptfigur in einem Asylantenheim lebt, wenn wir doch so viele Flüchtlinge, so viele Asylbewerber, so viele Fremde im Land haben“, sagt er, zieht dabei das Wörtchen „so“ jedes Mal lang und hoch.

Seit zwei Jahren habe er kein Interview mehr gegeben, dabei hätte er jeden Monat in einer Talkshow sitzen können, als Experte für den arabischen Frühling, Islamischen Staat, die Flüchtlingskrise. „Ich bin kein Instrument, ich bin ein Autor. Ich habe meine Botschaft, auch wenn viele deutsche Autoren die Hände heben, wenn sie das Wort hören. Wer etwas von mir wissen will, kann das Buch lesen.“ Dass er nicht mit der deutschen Sprache aufgewachsen ist, zeigt im Gespräch sein Akzent, nicht aber seine Grammatik oder Wortwahl. Er hat sich die Sprache erobert. Was er mit einem Bild erklärt: Es sei, wie wenn man sich mit einer fremden Frau treffe: „Wenn die merkt, dass der Mann verknallt ist, wird sie zickig. Lässt das Interesse des Mannes nach, wird sie etwas großzügiger. Inzwischen habe ich das Gefühl, ich kann diese Frau schon anfassen, aber sie hat noch nicht all ihre Klamotten ausgezogen. Ich muss sie weiter erobern.“ Noch heute vernichte er Texte, mit denen er unzufrieden sei.

So passiert es, dass er im selben Satz das Schreiben auf Deutsch ein Abenteuer nennt und eine Qual, aber diese Spannung gebe ihm auch Kraft: „Jedes Wort zählt, jeder Satz ist wichtig.“ Das liest man, wenn Abbas Khider sich in seine Figur zurückzieht, die Gedanken zum Kreisen bringt oder sie souverän reden lässt und losschickt, oft auch in absurde Situationen. Die in Deutschland erschienenen Bücher gibt es nicht auf Arabisch, englische und französische Übersetzungen schon. Als er den Irak verlassen hatte, schrieb er noch auf Arabisch. „Aber ich hatte kein richtiges Publikum, ich war nur unter den Exilanten bekannt.“

Seine Romane werden immer auch autobiografisch gelesen. Das zeigen die Rezensionen. Er habe nie seine Geschichte aufgeschrieben, sagt Abbas Khider. „Dennoch ist meine Recherche das Leben. Ich schreibe die Geschichte der anderen, die Geschichte unserer Zeit.“ Dabei kommen die Flüchtlinge nicht immer gut weg. Es gibt in „Ohrfeige“ eine kriminelle Bande, es gibt Männer, die sich von deutschen Frauen aushalten lassen, ein Nachrichtensystem, über das man Schlepper finden und Geld überweisen kann. Beklemmend deutlich wird zugleich ihr ganzes Elend: das ewige Warten, ohne arbeiten zu dürfen, in einem Heim, in einer Behörde, Ungewissheit, unklare und widersprüchliche Aussagen. Die Asylbewerber, sagt er, litten alle unter der „Postkastenkrankheit“: immer in Angst, den Job oder die Wohnung zu verlieren, abgeschoben zu werden.

Das Stigma des Fremden

Ob er auch noch solche Ängste kenne? Abbas Khider spricht leiser, als wolle er vermeiden, am Nachbartisch gehört zu werden. Zwar sei er froh, in Berlin zu leben, in diesem Menschenmischmasch. Doch: „Mein deutscher Pass gibt mir keine hundertprozentige Sicherheit.“ Seine Haare und der Name reichten, um an der Grenze oder in Zügen häufiger kontrolliert zu werden. Das habe auch mit der weltpolitischen Lage zu tun: Damals, nach dem 11. September 2001, und jetzt, nach den Attentaten von Paris, hätte das Misstrauen zugenommen. „Ein Ausländer steht nie für sich, er steht immer für sein ganzes Volk.“ Er wechselt wieder in seinen heiteren Ton: „Ich mache den Polizisten ein Angebot: Für zwei Schwarzhaarige, die ihr kontrolliert, müsst ihr euch einen Blonden vornehmen.“

Den Roman hat Abbas Khider seinem anderthalbjährigen Sohn gewidmet, zu dem er jetzt wieder geht, einen Rest Kuchen auf dem Teller lassend. „Mein Sohn ist ein bisschen Grieche, Deutscher und Araber. Er ist ein Berliner. Ich wünsche mir, dass er solche Ängste nicht erleben muss.“