16.11.2011

Enthüllungs-Buch: Giftpfeile auf ein Denkmal

Von Sebastian Preuss
So liebten ihn die Berliner: Heinz Berggruen.
So liebten ihn die Berliner: Heinz Berggruen.
Foto: dpa
Berlin –  

Attacken auf eine Legende: Die Buchautorin Vivien Stein will den Museumsgründer Heinz Berggruen postum vom Sockel stürzen.

Wo liegt die Wahrheit, wo die Moral im „Fall Berggruen“, der jetzt über Nacht und völlig überraschend als Skandal die Runde macht? Was soll man nur halten von diesem Wälzer, der ganz offenbar aufwändig recherchiert wurde – auch in englischen, französischen und amerikanischen Archiven und mit ungezählten Interviewpartnern? Er ist flott und ziemlich polemisch geschrieben, prallvoll mit saftigen Anekdoten und Beobachtungen, wie sie nur jemand aufbringen kann, der den internationalen Kunsthandel sehr gut kennt. Es ist ein Buch, das dem Berliner, überhaupt jedem deutschen Kunstfreund wie Feuer in der Hand brennt und dessen wütende Rauchschwaden den Kopf benebeln, wenn man sich durch über 400 Seiten arbeitet.

Der Fall ist hochgekocht, seit sich Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung die Behauptungen der Autorin Vivien Stein ganzseitig zu eigen gemacht hat. In ihrem Buch „Heinz Berggruen. Leben und Legende“ (erschienen in der eigens gegründeten Edition Alpenblick in Zürich) will Stein den 2007 gestorbenen Museumsgründer und Kunstwohltäter vom Sockel stoßen und als gierigen Geschäftemacher entlarven, der zeitlebens vor allem an seinen eigenen Vorteil gedacht, notorisch Steuern hinterzogen und die Berliner beim Verkauf seiner Sammlung über den Tisch gezogen habe.

Akribisch Anekdoten gesammelt

Es geht um die Juden und die Deutschen, um die Schuld und die Sehnsucht nach Versöhnung, ja heikler noch: um vermeintlich edle und gerissene Juden. An solch einem Thema kann man sich nur die Hände verbrennen. Da hilft es auch nicht, dass Vivien Stein selbst Jüdin ist, aus einer begüterten, kultivierten, polyglotten Familie stammt, die vor den Nazis aus Berlin und Prag in die USA fliehen musste. In manchen Kreisen West-Berlins ist Stein als Vivien Reuter gut bekannt, denn sie hat hier zwanzig Jahre gelebt und einige Zeit für das Auktionshaus Villa Grisebach gearbeitet – dessen Besitzer Bernd Schultz sich nach anfänglicher Freundschaft mit Berggruen entzweite. Heute ist Reuter unter ihrem Mädchennamen Stein in Paris für die International Astronomical Union tätig.

Aufschlussreich ist Steins Schilderung von Jacob Baron Rothschild, der als ehrenamtlicher Trustee-Vorsitzender der Londoner National Gallery eine wichtige Rolle spielte, als man dort vergeblich versuchte, Berggruens Sammlung als Dauerleihgabe oder gar Schenkung ans Haus zu binden. „Hoch gebildet“, aber kein „intellektueller Snob“, widmet sich der jüdische Baron „kulturellen und karitativen Aktivitäten in England und Israel“. Dabei immer mit „selbstverständlichem Sinn für Fairplay“. Das ist Steins Welt. An anderer Stelle erinnert sie an die Juden, die nach dem Krieg selbstlos den NS-Opfern unter ihren Glaubensbrüdern geholfen hätten.

Nicht so ihr Hassobjekt: „Berggruen, von Krieg und Verfolgung persönlich verschont, war ausgezogen, sein Glück zu machen und konzentriert sich auf dieses Ziel.“ Und auf nichts anderes. Akribisch hat Stein Anekdoten gesammelt, die belegen sollen, wie egoistisch, geldversessen und eiskalt Berggruen nach der Rückkehr aus Amerika im Paris der Nachkriegszeit seine Kunsthandlung aufbaute und damit ein Milliardenvermögen anhäufte. So sieht ein jüdischer Wohltäter nicht aus, sollen wir daraus schließen.

Eine Phalanx an Vorwürfen

Immer wieder zitiert sie Berggruens Autobiografie „Hauptweg und Nebenwege“ oder andere seiner Erinnerungen, um ihm dann übertriebener Selbststilisierung und Eigenlob, eines schöpferischen Umgangs mit den Fakten und der Verheimlichung zu überführen. So entlarvt sie durch akribisches Quellenstudium seinen berühmten erotischen Monat mit Frida Kahlo als höchstens ein paar Tage im Oktober 1940. Der Klee-Sohn Felix habe mit Berggruen nicht viel im Sinn gehabt, wurde von diesem aber postum zum Freund erhoben. Und Picasso, von dem Berggruen gern in warmen Tönen erzählte, habe sich von seinen Geschäftspraktiken abgestoßen gefühlt.

Es kann einem schwindlig werden, in wie rascher Folge Stein ihren Ärger über Berggruen herausdonnert: geschicktes Taktieren für den eigenen Profit, übervorteilte Kunden, ausgetrickste Museen, undurchsichtige Konstrukte der Firmen, Schwarzgeld und Steuerhinterziehung. Der letzte Vorwurf wiegt besonders schwer. Schon 1973 habe Berggruen stillschweigend die amerikanische gegen die deutsche Staatsbürgerschaft ausgetauscht, um nicht besteuert zu werden. Seine Aufgabe der Firma im geliebten Paris 1980 sei in Wahrheit eine Flucht vor den französischen Finanzbehörden gewesen. Und als er in den Achtzigern dem New Yorker Metropolitan Museum 90 Bilder von Klee schenkte, habe ihn das in letzter Minute vor einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung bewahrt.

Stein fährt eine Unzahl an Quellen und Belegen auf, für die New Yorker Episode (und auch für andere Fälle) hat sie aber nur mündliche Gewährsleute. Wer will entscheiden, was in diesem Feuer ungeheuerlicher Anwürfe stimmt und was nicht? Kennt man allerdings die Kunstwelt, die Tricks und Intrigen in dieser Schlangengrube, wird man einräumen, dass vieles im Kern wohl wahr ist. Vielleicht hätte man weniger Zweifel, wenn Steins penetrant polemisch-wütender Ton nicht wäre.

In der National Gallery standen alle Quellen offen und wir können nachvollziehen, wie Berggruen hier geschickt London und Berlin gegeneinander ausspielte, ständig neue Forderungen für seine Leihgaben stellte, selbst auf die Hälfte der Postkarten-Erlöse pochte. Am Ende hatte er sieben Seurat-Studien geschenkt, ein Gemälde an das Museum verkauft und die Londoner mussten zusehen, wie mehr als 100 Bilder nach Berlin zogen. Sympathisch ist das nicht.

Die Berliner lassen sich ihren Berggruen nicht vermiesen

In Berlin, so Stein, begann Berggruens späte Karriere als „Hofjude“ für die Deutschen. Zuvor habe er sich für seine Religion nie interessiert, doch nun wurde er in zahllosen Festveranstaltungen und begeisterten Presseberichten in die Rolle des jüdischen Heimkehrers und Versöhners gedrängt. Auch wenn dieser Teil wie alle übrigen unangenehm eifernd formuliert ist, hier hat Stein recht: Berggruen wurde zur Projektionsfläche aller Versöhnungssehnsüchte. Er war bald einer der populärsten Berliner und das Publikum liebte es, sich von ihm durch die Sammlung führen zu lassen. Die Politiker schmückten sich mit ihm und stellten 253 Millionen Mark im Jahr 2000 für den Ankauf von 160 Bildern zur Verfügung. Dafür bekam Berlin weltweit eine der schönsten Sammlungen mit Picasso, Klee und Matisse.

Ja, es stimmt, Berggruen sprach danach gerne von „Schenkung“ und verwies auf den viel höheren Marktpreis, den er woanders hätte erzielen können. Stein führt Belege an, dass Berggruen auch hier geschickt taktierte und mit fiktiven Gegenangeboten arbeitete. Aber ist das heute, da die Preise für die klassische Moderne endgültig hysterisch explodiert sind, noch so wichtig? Und warum auch hätte Berggruen den Deutschen seine Sammlung schenken sollen?

Warum also dieser vermeintliche Sockelsturz? Die Berliner werden sich ihren liebgewonnenen Berggruen ohnehin nicht miesmachen lassen. Und ehrlich: Wer hat je daran geglaubt, dass Kunsthändler Heilige sind? Hätte Vivien Stein ihr Buch kühl und analytisch geschrieben – nur nicht mit diesem üblen Ingrimm. Es hätte ein interessantes Sittenbild des Kunsthandels werden können.

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