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Eric Jarosinskis „Nein.“: Den Twitter-Blog "Nein." gibt es nun auf Papier

Oft negativ, manchmal bitter, manchmal böse: Das sind die poetische Kurznachrichten oft Eric Jarosinski alias @NeinQuarterly. Als Profilbild gibt es Adorno. Wen sonst.

Oft negativ, manchmal bitter, manchmal böse: Das sind die poetische Kurznachrichten oft Eric Jarosinski alias @NeinQuarterly. Als Profilbild gibt es Adorno. Wen sonst.

Twitter ist ein Online-Netzwerk, das gemeinhin bekannt ist als ein Kurznachrichtendienst. 140 Zeichen: Das ist der Rahmen, innerhalb dessen die Nutzer oft Unfug, selten Interessantes oder Wichtiges in die Welt schicken. In jedem Fall wird auf Twitter eine Flut an Informationen produziert, ein Dschungel, der sich nur schwerlich durchkämmen lässt.

Eric Jarosinski ist ein US-amerikanischer Germanist. Er lehrte an der University of Pensylvania und schrieb Texte unter anderem für den renommierten New Yorker. Zudem ist Jarosinski auf Twitter aktiv – und seine Gedankenschnipsel heben sich von anderen Tweets deutlich ab. Für den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek ist Jarosinskis Mikroblog mit dem Namen „Nein.“ der einzige Grund, der Twitter rechtfertige. „A gentle reminder that, yes, today was just another failed social experiment. We’ll try again tomorrow“, schreibt Jarosinski alias @NeinQuarterly. Zu Deutsch: „Eine leise Erinnerung daran, dass heute, ja, bloß ein weiteres gescheitertes soziales Experiment war. Wir versuchen’s morgen noch mal.“ Kurzmitteilungen wie diese und Wortneuschöpfungen wie „Trollwut“ oder „Misskunst“ haben dem Germanisten Jarosinski mehr als 126 000 Follower und eine Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit verschafft. Twitter ist nun das Zentrum seiner Arbeit.

140-Zeichen-Aphorismen

Es war eine Frage der Zeit, bis die 140-Zeichen-Aphorismen in Buchform erscheinen, zuerst auf Englisch, seit Kurzem schließlich sind sie auch auf Deutsch erhältlich. „#Ausdruck. Nein. Print ist keine Verschwendung von Papier. Jedoch. Des Öfteren von Wörtern.“ Jarosinski versteht es, die Möglichkeiten des Digitalen zu nutzen. Zum Beispiel das #-Zeichen, Hashtag, wird oft gebraucht. Wird es in die Suchleiste eingegeben, findet man unter dieser Markierung weitere Beiträge. Schnell wird jedoch klar: Ein Hashtag ist zumeist ein Selbstzweck. Mit den Mitteln der Sprache legt @NeinQuarterly so auch das Absurde von Medienkonsum und Sozialverhalten im Internet offen. Und mit Hilfe von Twitter hält er ironisierend Salonintellektuellen einen Spiegel vor. Geschickt. #ZweiFliegenMitEinerKlappe.

Nicht immer verständlich, trotzdem witzig

Ihren Charme erhielten Ergüsse Jarosinskis vor allem, weil sie Deutsches auf Englisch erzählen und der Autor dabei regelmäßig deutsche Begriffe verwendet, etwa Leitmotiv oder Bildungsroman. Tatsächlich aber funktioniert „Nein.“ auch auf Deutsch ausgesprochen gut. Jarosinskis Beritt ist die deutsche Geistesgeschichte: Jede Menge Kritische Theorie oder Hegel, eine Prise Fatalismus und eine ordentliche Breitseite Dialektik. Gepaart wird dies mit zeitgenössischen Begriffen der Internetgeneration, wie Selfie oder Hipster. Freilich sind jene Sätze oder Versatzstücke nicht immer für jeden verständlich, zweifelsohne aber witzig, selbst wenn der Leser nur eine Ahnung von ihrer Bedeutungsschwere hat.

Auf dem Papier sieht das so aus: Unterhalb eines Hashtags wie #GemischteGefühle stehen einige Zeilen getrennt von dicken, schwarzen Strichen. Es sind kleine Gedichte, eines pro Seite. Der Unterton ist oft negativ, manchmal bitter, manchmal böse. Für Eric Jarosinski scheint jeden Tag Montag zu sein.

Besonders gelungen ist das Glossar. „Deutsch: Sprache, die für die Philosophie erfunden wurde, aber für den Bau von Autos verwendet wird.“ Andere Erklärungen stehen unter „Emoticon“ oder „Hoffnung". Still freut sich der Leser über die Einsichten des Autors. Das funktioniert zwischen Buchdeckeln noch besser als online.

Eric Jarosinski:Nein. Ein Manifest. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2015.136 S., 12,99 Euro.