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Erinnerungen eines KZ-Häftlings: Tage des Zorns

Edgar Krasa war 21 Jahre alt, als er nach Theresienstadt kam.

Edgar Krasa war 21 Jahre alt, als er nach Theresienstadt kam.

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AKUD/Lars Reimann

Es war die Musik, die Edgar Krasa am Leben gehalten hat. Sie ließ den jungen Gefangenen für einige Momente das Elend in dem Ghetto Theresienstadt vergessen. „Wir waren hungrig, wir waren müde, wir waren krank“, erzählt der heute 93-Jährige, „aber wir hatten etwas, für das es sich zu leben lohnte.“

Der alte Mann sitzt in einem tiefen Sessel in der Lobby eines Berliner Hotels. Krasa, der seit bald 60 Jahren in den USA lebt, ist auf Einladung des Jüdischen Museums nach Berlin gekommen, um einer Premiere beizuwohnen, der ersten Aufführung des „Defiant Requiems“ – des trotzigen oder widerständigen Requiems – in Deutschland. Es ist eine Inszenierung der Totenmesse Giuseppe Verdis, die ergänzt mit Zeitzeugenberichten ehemaliger Häftlinge und Auszügen aus einem NS-Propagandafilm an einen ungewöhnlichen Akt der Rebellion erinnern soll. Die Messe haben Häftlinge einst in einem feuchten Keller in Theresienstadt nach acht bis zehn Stunden Zwangsarbeit einstudiert, um sie SS-Offizieren als deren eigene Totenmesse entgegenzuschleudern.

Verwünschung in Latein

„Dies irae – der Tag des Zorns“ ist auch heute noch der Teil des Requiems, der Edgar Krasa am stärksten berührt. Er sang im Bass dieses Gefangenenchors. „Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten“, heißt es dort. Die Häftlinge verkündeten ihren Unterdrückern den Tag des Jüngsten Gerichts. Das war ein Akt des Widerstandes an einem Ort, der kaum Anlass zur Hoffnung gab.

„Die Musik gab uns Hoffnung, sie war der kleine Lichtblick, den wir brauchten“, erinnert sich Krasa. Dieser Lichtblick war vor allem einem Mann zu verdanken, dem Dirigenten und Komponisten Rafael Schächter. Der tschechische Musiker kam mit dem ersten Häftlingstransport im November 1941 nach Theresienstadt. Bis dahin war nur ein Aufbautrupp aus jüdischen Handwerkern und Ingenieuren dort, um die Garnisonsstadt, die einst für 5 000 Soldaten gebaut worden war, auf die Ankunft Zehntausender jüdischer Gefangener vorzubereiten. Der 21-jährige Krasa, ein gelernter Koch, war einer von ihnen.

Edgar Krasa hatte keine Vorstellung, was ihn erwarten würde. Dem sudetendeutschen Juden genügte das Versprechen, seine Eltern blieben von einer Deportation verschont, sollte er mitkommen.

Der Alltag zwischen Hunger und Erniedrigung

Eine Woche nach Edgar Krasas Ankunft kam auch Rafael Schächter ins Lager. Der Mann, mit dem sich Krasas Leben in Theresienstadt aufs engste verweben sollte und an den zu erinnern, Krasa auch 73 Jahre später nicht müde wird. „Schächter war schnell klar, dass nur Musik uns befreien kann“, erinnert sich Edgar Krasa. Befreien von dem zermürbenden Alltag zwischen Hunger und Erniedrigung. Der Musiker ermutigte die Männer – anfangs waren sie von den Frauen getrennt untergebracht – nach der Arbeit mit ihm tschechische Volkslieder zu singen.

„Das hob unsere Moral, hat uns psychische Kraft gegeben“, sagt Krasa in einem Deutsch, dem man nicht anhört, dass ihm seine Muttersprache fast 60 Jahre kaum über die Lippen kam.

Tagsüber dachten die Häftlinge nicht über ihr Elend nach, sondern an die abendliche Probe. „Man vergaß manchmal sogar, dass man in einem Gefängnis war.“ Es war ein Akt der Selbstbehauptung in einem von Erniedrigung geprägten Alltag.

Schächter und Krasa freundeten sich an. Die zwei Männer entdeckten ein kleines Dachzimmer, das sie alleine bewohnten, abgesehen von Läusen und Wanzen. Ein Luxus in dem Ghetto, wo sonst Hunderte in einem Raum hausen mussten. Immer neue Transporte brachten Juden aus Tschechien, Deutschland oder Holland. Bis zu 60 000 Menschen drängten sich mitunter in den Häusern und Gassen.

Im Juli 1942 öffneten sich die Kasernentore der Stadt. Die Häftlinge konnten sich von nun an innerhalb der neun Meter dicken Stadtmauern frei bewegen. Schächter, der ein verstimmtes Klavier in einem Keller gefunden hatte, vergrößerte den Chor um weibliche Stimmen und studierte die erste Oper ein, Smetanas „Verkaufte Braut“. Es gab nur ein Notenheft, das Schächter in seinem Koffer mit ins Ghetto gebracht hatte. Die Sänger mussten den Text auswendig lernen.

Der Musiker arbeitete zwei Schichten, tags im Bautrupp, nachts im Keller mit seinen Sängern. Krasa konnte ihm ab und an etwas Essen aus der Küche abzweigen. Mit dem wenigen, was in den Vorratskammern lagerte, dachte er sich Rezepte aus. Wie die Knödel aus Mehl, Hefe und Salz, zu denen er eine Soße aus Ersatzkaffee kochte. „Meine Kunst war das Kochen, seine die Musik. Ich kümmerte mich um die Mägen, er um die Seelen.“

Eine Kulisse für die Welt

Das alles musste im Geheimen geschehen. Musik war im Ghetto verboten. Das ändert sich erst 1943 als die SS-Kommandantur erkannte, dass die kulturellen Aktivitäten – neben Konzerten gab es Lesungen, Vorträge, Theater und Kabarett – gut zu der NS-Propagandastrategie passten, die internationale Öffentlichkeit irrezuführen und Theresienstadt als Vorzeigeghetto zu präsentieren. So wurden die Häuser eines Straßenzuges frisch gestrichen, Blumenkästen vor die Fenster gehängt, Parkbänke aufgestellt, Spielplätze und ein Kaffeehaus eingerichtet. Eine Kulisse für die Welt.

Zu dieser Zeit hatte Dirigent Schächter bereits sein ehrgeizigstes Projekt angegangen. Er sammelte 150 Sänger um sich, um Verdis „Messa Requiem“ einzustudieren, in Latein. Erst war der Widerstand groß, die katholische Messe einzuüben. Doch Schächter, der in der Aufführung eine Form des Widerstandes sah, konnte die Skeptiker überzeugen. „Wir können den Nazis ins Gesicht singen, was wir ihnen nicht sagen dürfen“, sagte Schächter nach Krasas Erinnerung. Er meinte Verdis lateinische Worte: „Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung.“

Wochenlang übten die Sänger fast jeden Abend. Schächter war noch nicht zufrieden. Doch kündigte sich im September 1943 ein neuer Transport in die Vernichtungslager im Osten an. So wurde eine improvisierte Aufführung angesetzt. Kurz darauf verlor Schächter fast die Hälfte seines Chors. Er suchte neue Sänger, übte weiter. Dreimal musste Schächter wegen Transporten von vorne anfangen.

15 mal führten die Sänger schließlich das Stück vor Mitgefangenen auf. Der Höhepunkt aber war, als am 23. Juni 1944 eine Delegation des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Begleitung von hochrangigen SS-Offizieren zur Inspektion des Ghettos kam. „Auf diesen Tag hatten wir gewartet“, sagt Krasa. Dem Feind die letzte Messe zu singen.

Es sollte die letzte Aufführung in Theresienstadt sein. Danach wurden in kurzer Zeit fast 20 000 Menschen, darunter alle Künstler, nach Auschwitz und in andere Todeslager deportiert. Krasa überlebte, sein Freund Rafael Schächter nicht. Dessen Mut aber, dieses „Dennoch“ im Angesicht des Todes, hat Krasa nie vergessen. Daran will er erinnern.


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