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Ernährung: Nein, bitte keine Muttermilch im Kaffee

Im TV-Dschungelcamp ist es eine Mutprobe, eine Kakerlake in den Mund zu nehmen oder darin zu baden, wie hier Daniel Küblböck.

Im TV-Dschungelcamp ist es eine Mutprobe, eine Kakerlake in den Mund zu nehmen oder darin zu baden, wie hier Daniel Küblböck.

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dpa

Als ich vor mehreren Monaten mit dem Angestellten einer Tierkörperverwertungsanstalt sprach, erhielt ich eine Antwort, die mich erstaunte. Und zwar hatte mir der Mann gerade am Telefon die verschiedenen Rubriken von Tierabfällen erklärt und versichert, dass heutzutage keine Seife mehr aus den Fetten hergestellt werde, die aus Schlachtresten gewonnen werden.

Das Erstaunliche daran war seine Begründung. Ich fragte also, ob zum Beispiel aus Schweineresten Seife hergestellt würde, und er sagte: „Um Himmels Willen, wie soll das denn gehen? Stellen Sie sich mal vor, Sie würden sich tote Schweine ins Gesicht schmieren!“

Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass das für mich eine ziemliche Horrorvorstellung sei. Dabei verschwieg ich aber, dass ich es für sehr wahrscheinlich hielt, dass sein eigenes Gesicht ohnehin häufig mit totem Schwein in Berührung kam. Allerdings nicht per Haut, sondern mit dem Mund: 50 Millionen Schweine verzehrt man in Deutschland jährlich.

Ich erinnere mich auch an einen ganz anderen Vorfall aus dem letzten Jahr, als eine Nachbarin und ich nachts einen toten Marder neben der Straße fanden. Ich nahm ihn am Fell und trug ihn über die Straße zu einer Wiese. Die Nachbarin bedankte sich, dass ich das übernommen hatte; sie hätte es unschön gefunden, wenn zig weitere Autos das Tier zu Matsch gefahren hätten – aber sie selbst, sagte sie, hätte es nicht anfassen können.

Auch sie ist Fleischesserin. Der Marder war äußerlich unversehrt und vor Kurzem erst gestorben. Ein Steak muss tagelang „abhängen“, und ein guter Schinken kann schon einmal Monate „gereift“ sein. So ganz verstehe ich das nicht…

Nun, keine Sorge, liebe fleischessende Leserinnen und Leser, ich will Sie hier zu nichts überreden. Ich will Sie einfach nur einladen, mit mir zu staunen über die Wesen, die wir Menschen sind: So viel Kopf, so viel Hirn, so viel Fantasie, so viele Unterschiede, so viele Facetten.

Was wir tun, folgt nicht einfach der Logik. Es ist verwickelt und verwurschtelt, positiv ausgedrückt: komplex. Und besonders faszinierend ist, wie im Falle des Essens alle Kategorien durcheinanderpurzeln und kulturelle Grenzen, die so „logisch“ sind, dass sie „Alice im Wunderland“ entstammen könnten, einen gewaltigen Unterschied machen.

Im TV-Dschungelcamp ist es eine Mutprobe, eine Kakerlake in die Hand zu nehmen; aber in der Zivilisation selbst werden viele Lebensmittel nach wie vor mit Karmin (E 120) gefärbt, also dem roten Farbstoff aus weiblichen Schildläusen. Das Nürnberger Würstchen ist eine authentisch bayerische Speise, die aber in der nächsten Grillsaison teurer werden wird, weil man sie zumeist mit iranischen Schafsdärmen herstellt. Und deren Preise sind seit dem Embargo gegen Iran gestiegen.

Wir essen nicht die Dinge, „wie sie sind“, sondern so, wie wir sie ansehen. Ich selbst lebe ja seit vier Jahren vegan, konsumiere also keine tierischen Produkte. Einige Besuche auf Bauernhöfen der Umgebung hatten den Anstoß gegeben; es war grausam, die Kälber ohne ihre Mütter aufwachsen zu sehen. Doch nahm ich mir fest vor, kein „garstiger“ Veganer und keine Plage für meine Freunde zu werden; wenn ich eingeladen wäre, würde ich weiterhin Käse, Milch und Joghurt essen.

Dergestalt waren also meine Vorsätze, nur klappte es mit der Umsetzung nicht. Die Veränderung vollzog sich langsam, aber unaufhaltsam. Ich begann, den Geruch von Milch deutlicher wahrzunehmen. Ich konnte die Milch immer weniger trennen von ihrer Herkunft, dem Euter, also gewissermaßen der „Brust“ einer Kuh.

Ich weiß nicht, ob Sie einmal aus Versehen das Eisfach im Haushalt einer jungen Mutter geöffnet haben. Ich habe das einmal getan; da lagen mehrere kleine Tüten mit abgepumpter Muttermilch, tiefgefroren. Nicht unbedingt das, was man „eklig“ nennen würde. Aber nie hätte ich mir davon in den Kaffee getan, schon vor Anbruch meiner veganen Zeiten nicht. Allerdings: Vielleicht suchte ich damals, im selben Kühlschrank, nach einem Tetrapak mit der Milch einer Kuh.

Jetzt habe ich diese Kolumne einer nicht-veganen Freundin vorgelegt. Sie findet das Ganze ein bisschen unappetitlich; nächstes Mal soll ich lieber über etwas Erquicklicheres, etwa über meine Schafe schreiben. Das mache ich gerne. Aber warum ist das Beschreiben eklig, und das Beschriebene nicht?