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Essay: Die Kunst des Alterns

Der Autor Georg Stefan Troller (91)

Der Autor Georg Stefan Troller (91)

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Lassen Sie mich mit einem Ausspruch des französischen Autors Jules Renard einsetzen: „Das Alter – das ist, wenn man beginnt zu sagen: Ich habe mich nie so jung gefühlt!“ Und nun zurück zum Jahr 1863, also vor 150 Jahren. Da hielt Jacob Grimm in der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin eine Rede über das Alter. Er war damals 78 Jahre alt. Eine Summe, eine Anhäufung von Zeit, die man selbst lange für gigantisch halten wird, bis man auf einmal verblüfft feststellt, dass sie einem geradezu jugendfrisch, na sagen wir höchstens mittelalterig vorkommt. 78, was ist das schon?

Jetzt habe ich vor knapp einem Jahr zu meinem immensen Erstaunen die Altersspanne überschritten, die mein Vater seinerseits erreichen durfte. Älter als mein Vater? Unmöglich! Ich bin doch der Sohn, ich bin doch Gockel, Schorschi, Schurli, Georgie-Pie! Wie geht das zu? Und danach gleich die Frage: Haben eigentlich meine Kinder, haben die zwei Töchter etwas vom Großvater geerbt? Im Grund hat man sie von jeher, anders als dieser, weniger als Nachkommen empfunden denn als eigenständige Personen. Und insgeheim sogar als gescheiter, als man selber je war. Hat sie zwar nicht durchwegs gebilligt, aber doch als das akzeptiert, was sie waren – ganz wie meine Dokumentarfiguren übrigens.

Nicht eben das schlechteste Film- oder Lebensprinzip, will einem jetzt scheinen. Aber wieso habe denn ich, meinem Gefühl nach, nie diese Stufe von Erwachsensein, von Reife, von Beschlagenheit erreicht, die ich, vielleicht nicht ganz zu Recht, dem Vater lebenslang zuschrieb. Bin ich tatsächlich jetzt älter geworden, als er je war? Immer wieder ertappe ich mich dabei, an den Fingern durchzuzählen, ob hier nicht irgendwo ein Rechenfehler vorliegt, sagen wir um ein rundes Jahrzehnt. Alt, das hieße doch weise!

Einen Schatz an Erkenntnis, an Erleuchtung, an Durchdringung der Bedeutungen müsste man doch angehäuft haben, sonst war das Ganze für die Katz. Spüre ich das wirklich?

Dazu kommt, dass jetzt mehr und mehr fremde Menschen dich sozusagen anzapfen wollen, deine Erfahrungen abrufen, vielleicht um ihr eigenes Lebensvehikel damit aufzutanken. Und man weiß einfach nicht, was man ihnen da übermitteln soll, denn höhere Einsichten hat man ja letztlich nicht zu bieten. Keine Orakelsprüche, keine allgemein gültigen Lebensregeln. Sondern man kann höchstens erzählen von einem ganzen Berg von Begegnungen, privaten und professionellen, und dabei unvermeidlich einige mit sich selber. Auch wie man damit zurechtgekommen ist, wie einen dieser Umgang beeinflusst und geformt hat. Und damit fängt mein bisschen Alterserkenntnis an.

Persönlichkeit ist Schicksal, heißt es. Oder, anders eingefasst: Das was man erträumt, das woran man im Innersten glaubt, das passiert. Natürlich will ich damit nicht sagen: Nur das, was man erträumt hat, verwirklicht sich. Wir wissen ja alle, was mit uns in Nazizeiten vorgegangen ist, in Kriegszeiten, was alles auf dich einstürzen kann in Zeiten existenzieller Krisen. Wo blinde Mächte wild zuschlagen, und keineswegs immer die würdigsten überleben. Und doch: Es scheint mir heute, dass alles passiert, weil jemand daran glaubt. Ja, dass alles Positive und Negative auf der Welt geschieht, weil zuerst genug Leute daran geglaubt haben. Und – nur mit Zittern und Zagen schreibe ich es hin – es passiert, wenigstens in sozusagen „normalen“ Zeiten auch dem Einzelnen das ihm Gemäße, das worauf er angelegt ist, worauf etwas in ihm hinaus will.

Habe ich also lange, und mit verhältnismäßig geringen körperlichen und seelischen Schäden, überlebt aus eigenem Verdienst? Wenn ich in mich hineinhorche, so empfinde ich es doch eher als Glück. Glück haben, das hielt einst Napoleon für die erste Tugend seiner Generäle. Für mein eigenes Glück bin ich zunächst einer Menge Mitmenschen dankbar: Eltern, Verwandten, Kindern, Frauen, auch meiner hier anwesenden. Ebenso Mitarbeitern Verlegern, Fernsehteams und so immer fort.

Und doch: Verdient man nicht eigentlich auch sein Glück? Nun ja, mit dem Alter pflegt man zunehmend daran festzuhalten, also das Äußerliche dem Inneren nachzuordnen.

Aber: hieße das nicht auch, dass man sein Unglück verdient? Und wer darf das behaupten angesichts der schon genannten Gräuel auf Erden. Aber etwas ist da schon dran, scheint mir. Auch das persönliche Glück, wenigstens ein Scheibchen davon, steht einem zu, ist irgendwie ein Teil deiner psychologischen oder genetischen Zusammensetzung. Dem auf Glück Eingestellten hilft das Glück! Dieser Magnet in dir zieht seinesgleichen an. So haben mir als Junge in der Emigrationszeit nicht nur Eltern, Onkel und Tanten das Leben gerettet vor Deportation und gewaltsamen Tod. Sondern ein bisschen auch, denke ich, meine eigene kindliche Naivität, meine Unbedarftheit. Sagen wir, ich war dem Schicksal nicht gewichtig genug, um zuzuschlagen… nehmen Sie das nicht zu wörtlich bitte, nur ein Einfall.

Ist das Weisheit oder Abgeklärtheit? Und ist dergleichen überhaupt erlernbar, ein Stück Lehrstoff? Wohl kaum. Aber solche Aufspürungen gehören nun einmal zum Altern, wenn andere Glaubenssätze verblassen.

Also, Ihr Pulli, meine Damen und Herren, ist sozusagen selbstgestrickt. Gewiss, jeder von uns nährt sich zu dieser und jener Zeit aus verschiedenen Schubladen seiner selbst… und manchmal auch aus der tiefsten. Aber es bleibt doch immer das gleiche Möbelstück. So lebt man in der Jugend vom Vorgefühl beglückender Verzauberungen, etwa die der „großen Liebe“, durch die sich alles unplötzlich verwandeln muss und das wahre Leben beginnt. Sich verlieben hieße demnach, Liebende … nur so verwirklicht sich der Traum. Und Unglück wäre dann andererseits nichts als der Lohn der Angst, deiner Angst. Jedermann der Autor seiner eigenen Hölle! Eine idealistische, eine romantische Ansicht, der etwa mein Vater durchaus verpflichtet war.

Die großen Eruptionen unserer Zeit haben diese Denkweise gründlich ins Wanken gebracht. Und doch und doch: Im Alter pflegt man, wenn ich meine eigene Gemengelage verallgemeinern darf, worauf man angelegt war, (Was vielleicht auch nicht viel mehr ist, als ein billiger Trost, ich weiß.) Zur Illustration: Es gibt ja diese Luftballons in Form von kleinen Mickymäusen oder Dackeln und dergleichen. Pumpt man sie auf, so werden sie lebensgroß, aber zuletzt hat man doch den gleichen Dackel! Nur eben nicht ganz, nicht immer! Bei manchen Ballonen wächst nicht nur das Format sondern auch der Inhalt. Anstatt eines Dackels hat man dann einen Pudel oder auch ein Nilpferd. Und so kann sich eben auch der kleine Selbsthasser und damit Lebenshasser zum Liebenden auswachsen. Der Feigling zum Helden, wie es Hollywood allabendlich vormacht. Der geborene Dummkopf zum Verständnisvollen oder zumindest Bemühten (wie ich es von mir selber erhoffe). Man hat bloß nicht gewusst, was man alles in sich vorrätig trug.

Einiges aber bleibt immer in uns erhalten von der Urform, wenn auch unbewusst. Es gibt da ein Theaterstück von dem schottischen Autor James Barrie, der den Peter Pan erfunden hat. In dieser tiefsinnigen Komödie versammelt sich das übliche Dutzend zusammen gewürfelter Gäste in dem üblichen englischen Landhaus. Alle unbefriedigt von ihrem Dasein, und besonders, wie denn sonst, von ihren Lebenspartnern. Und alle sprechen es aus, das fatale Wort: „Hätte ich nur damals …“. Und danach kommt die Sehnsucht nach der zweiten Chance: „Wenn ich bloß noch einmal die Wahl hätte … noch einmal an derselben Gabelung stünde, ja dann …“ Wir haben aber in diesem Moment Johannisnacht, und sie dürfen! Dürfen nach Sonnenuntergang in das benachbarte Wäldchen hineinspazieren. Und dort, ja dort treffen sie unvermeidlich eine noch viel dümmere Wahl als zuvor, und ihre angemaßte Selbsteinschätzung löst sich in Luft auf, natürlich auf eine komische Tour. Jetzt weiß ich auch den Titel wieder, das Stück heißt „Lieber Brutus“, nach einem Vers von Shakespeare im „Julius Caesar“: „Die Schuld, mein Brutus, liegt nicht in den Sternen, sondern in uns, weil wir Unfreie sind“: Es nützt also wenig, sich im Alter ewig den Kreuzweg zurückzurufen, wo man hätte können, so man können gehabt hätten dürfte! Das zu wissen, ist ein Stück „Altersweisheit“, wenn Sie so wollen. Und dass Ihre großen Entscheidungen zumeist nicht aus Vernunft oder Überzeugungen kamen, sondern eben aus diesem unbewussten inneren Kompass, das gehört auch dazu.

Was ist Leben – wird man manchmal von jungen Leuten gefragt, so als wüsste man’s mit weißen Bart besser als ohne. Und hat natürlich darauf eine schlagfertige Antwort: die Summe der intensiv erlebten Augenblicke. Aber wären diese nicht doch am ehesten in der Jugend zu haben als später? Worauf man ebenfalls eine Auskunft parat hat, nämlich dass es ja in allen Sprachen, die man kennt, einen Satz gibt: „Wenn die Jugend bloß wüsste … und wenn das Alter bloß könnte.“ Dazwischen aber liegt, sofern man einigermaßen Glück hat, eine Strecke, in der man sowohl kann wie weiß. Es ist die schönste Zeit.

Die Essays unserer Serie über „Das Alter“, hier leicht gekürzt, werden im Rahmen des „Wissenschaftsjahres 2013 – Der demographische Wandel“ beim Internationalen Literaturfestival Berlin vom 3. – 15. September in Bibliotheken und Buchhandlungen ausführlich vorgestellt.

Weitere Informationen www.literaturfestival.com und

www.demografische-chance.de