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Essay von Andrej Kurkow: „Putin ist stärker als das Gewissen“

Plakatentwurf von Csenge Kindli aus der Klasse Illustration von Henning Wagenbreth an der UdK. Das Festival findet jedoch schon im September statt. Am 14. und 15. September liest Andrej Kurkow aus seinem „Ukrainischen Tagebuch aus dem Herzen des Protests“ und spricht über die derzeitige politische Situation in der Ukraine und ihre Auswirkungen auf den Alltag der Kiewer.

Plakatentwurf von Csenge Kindli aus der Klasse Illustration von Henning Wagenbreth an der UdK. Das Festival findet jedoch schon im September statt. Am 14. und 15. September liest Andrej Kurkow aus seinem „Ukrainischen Tagebuch aus dem Herzen des Protests“ und spricht über die derzeitige politische Situation in der Ukraine und ihre Auswirkungen auf den Alltag der Kiewer.

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Csenge Kindli

Viele Slawen glauben ohne Vorbehalt an das Schicksal, die Fügung, das Fatum. Deshalb ist es in Westeuropa in den letzten Jahrhunderten üblich geworden, die Russen für Fatalisten zu halten. Sie tun nichts, um dem Schicksal zu entkommen. Die Revolution von 1917, der Gulag und Stalin, Putin und die Besetzung der Krim – für die Russen ist das Schicksal. Dem man nicht entrinnen kann, glauben sie. Also tun sie es auch nicht. „Wenn sich eine Vergewaltigung nicht vermeiden lässt, sollte man sich entspannen und versuchen, es zu genießen.“ So geht ein beliebter russischer Witz, an dem überhaupt nichts Lustiges ist. Ich bin Russe meiner Herkunft nach, aber Ukrainer nach der Mentalität und den politischen Sympathien. Im Unterschied zu den echten Russen aus Russland brauche ich keinen Zaren, und auch die Fügung, das Fatum ist mir nicht so wichtig. Ich vertraue meinen eigenen Ansichten und Zweifeln, aber am liebsten vertraue ich meinen Kindern.

So, wie ich alle Oberflächen unserer Wohnung mit verschiedenen Papieren belege, schüttele ich, wenn ich nach Hause komme, das Kleingeld und kleinere Geldscheine aus meinen Taschen und lasse sie auf dem Tisch im Wohnzimmer zurück. Manchmal kommt mein jüngster Sohn Anton zu mir und bittet um Geld für ein Eis. „Nimm dir was vom Tisch!“, sage ich ihm. Er hatte das Geld schon gesehen, doch von sich aus, ohne meine Erlaubnis, würde er es sich niemals nehmen.

Damit so etwas wie Vertrauen überhaupt existieren kann, bedarf es zweier Seiten: derjenigen, der man vertraut, und der, die das Vertrauen entgegenbringt. Zum Beispiel: Staatsmacht und Volk, Arzt und Patient, Fahrer und Passagier. Das Vertrauen muss gegenseitig sein, sonst wird das nichts.

Dem Gedächtnis vertrauen

Vor einiger Zeit fuhren wir zu meinen Eltern und gratulierten meiner Mutter zu ihrem 83. Geburtstag. Wir tranken Cognac auf die nächsten zwölf Lebensjahre, auf die Gesundheit des Geburtstagskindes. Irgendwann holte Mama ein SchwarzWeiß-Foto ihres Vaters – meines Großvaters – Alexej Iwanowitsch. Auf der Rückseite des leicht eingerissenen Fotos stand in seiner Schrift: „Für Tassja, Borja, Raissa und Wolodjka. Papa, 1942.“ Ein Jahr später war er tot – gefallen in der Schlacht bei Charkiw.

Schon mehrere Male erzählte die Oma, wie sie, nachdem der Ausbruch des Kriegs verkündet worden war, zusammen mit anderen Kindern aus einem Pionierlager in einem Boot ans andere Ufer des breiten Wolchow-Flusses gebracht wurden, anschließend die Evakuierung nach Sibirien, die über zehn Tage dauerte, unter Bombardements. Ich habe diese Erinnerungen schon oft gehört. Und jedes Mal darüber nachgedacht, worin der Unterschied zwischen den Erinnerungen eines Schriftstellers und Künstlers und denen eines ganz normalen Menschen besteht.

Wenn ich an bestimmte Momente aus der Vergangenheit zurückdenke, versuche ich, mich in Einzelheiten daran zu erinnern, und jedes Mal habe ich das Verlangen, das Abbild der Vergangenheit zu „erweitern“. Ich vertraue meinem Gedächtnis, aber manchmal helfe ich ihm auf die Sprünge, versuche, was aus dem Bild oder dem Ereignis herausgefallen ist, wiederherzustellen. Meine Mutter vertraut ihrem Gedächtnis offensichtlich ebenso, aber anders. Sie hat das „Bild“ visuell und in Worten fixiert und es in einer starren Form abgespeichert. Wessen Gedächtnis schafft mehr Vertrauen?

In der Ukraine vertraut man Politikern von vornherein nicht. Ein normaler, ehrlicher Mensch, so die gängige Meinung, geht nicht in die Politik. Und wenn er aus lauter Naivität doch geht, sind andere, erfahrenere Politiker sofort zur Stelle, um ihn zu dem zu machen, was sie selber sind: zu einem korrupten, verlogenen Populisten.

Am 4. August hob der neue ukrainische Präsident Petro Poroschenko, den auch ich gewählt habe, eine Vielzahl von Erlassen seiner Vorgänger auf. Erlasse mit dem Vermerk „Für den Dienstgebrauch“, die damit praktisch geheim und unbekannt waren. In manchen tauchte nur ein einziger Name auf, der Name dessen, den der Erlass betraf. So etwa stand in dem Erlass über die Vergünstigungen und Privilegien zugunsten von Wolodymyr Lytwyn, dass dem ehemaligen Parlamentspräsidenten lebenslang staatliche Bezüge sowie der Unterhalt seiner Leibwache, seiner persönlichen Mitarbeiter, seiner Villa – die ebenfalls dem Staat gehört –, seiner Autos, Chauffeure usw. garantiert werden. Zudem sind dort auch die Ermäßigungen aufgeführt, die er bei der Begleichung der Wasser-, Gas- und Stromrechnungen für seine privaten Häusern und Wohnungen in Anspruch nehmen darf.

Ich weiß nicht, ob die neue ukrainische Staatsführung diese Erlasse auch öffentlich gemacht hätte, wenn nicht Krieg wäre. Diese jüngsten Entscheidungen von Präsident Petro Poroschenko haben mein Vertrauen in ihn gestärkt. Und ich will mir gar nicht die Frage stellen, ob das alte System der Korruption wiederhergestellt wird, wenn erst Frieden und Stabilität im Land eingekehrt sind!

Die Tausenden von Freiwilligen aus der gesamten Ukraine, die ins Donbass aufgebrochen und in den Krieg gegen die Terroristen gezogen sind – das sind Menschen, die an eine zivilisiertere Zukunft meines Landes glauben. Sie glauben auch einem Präsidenten, der Oberkommandierender der ukrainischen Armee ist. Sie kommen um, werden verwundet, verschwinden spurlos, ermordet von den Separatisten. Mit jedem Tropfen ihres Bluts erhöhen sie den Druck des Gewissens auf die Ratio der Politiker von heute.

Gewissen ist, wenn ein moralisch richtiger Gedanke dem amoralischen Tun eines Menschen Einhalt gebietet. In jedem Land gibt es Menschen, die als Gewissen der Nation gelten. In jedem Land sind das nur wenige. In der Ukraine sind es wahrscheinlich noch weniger. In der Sowjetunion war Andrej Sacharow das „Gewissen der Nation“. Als er, zu Gorbatschows Zeiten, ans Rednerpult des Obersten Sowjets trat, um darüber zu sprechen, was die Sowjetunion falsch macht, begannen die Hunderten von Abgeordneten des Obersten Sowjets der UdSSR zu lachen und laut zu klatschen, um Sacharow nicht sprechen zu lassen. Unlängst verstarb eine der Mitstreiterinnen von Andrej Sacharow, Walerija Nowodworskaja, die bis zu ihren letzten Stunden Putin immer wieder dazu aufgerufen hatte, die Aggression gegen die Ukraine einzustellen. Russland, das Russland mit dem Gewissen, schwieg dazu. Und vor dem Hintergrund dieser Stille konnte die Welt die Detonationen der Minen und Granaten im Donbass noch besser hören.

Der Zar im Kopf

Die Liebe der Russen zum Zaren hat Geschichte. Nicht von ungefähr sagt man in Russland von jeher über jemanden, der dumm oder psychisch krank ist: „Ihm fehlt der Zar im Kopf.“ Putin ist stärker als das Gewissen. Er trifft jede Entscheidung und nimmt damit auch persönlich die Schuld für deren Gewissenlosigkeit auf sich. Entbindet das Russland von der eigenen Schuld?

Wenn ein Land gewissenlos wird, beginnen die „Kulturreisenden“, der Bekanntschaft mit der Kultur eines solchen Landes aus dem Wege zu gehen. Sie vertrauen den Schöpfern einer „gewissenlosen“ Kultur schlichtweg nicht, weil solche Schöpfer lediglich humanitäre Nebelwände für die Welt und propagandistische humanitäre „Nebel“ für die eigenen Verbraucher schaffen. Vielleicht ist ja deshalb mein Vertrauen gegenüber der russischen Literatur bis auf das tiefste Maß gesunken.

Gewissen der Nation ist für Russland nach wie vor Fjodor Dostojewski, der vor langer Zeit die Nöte und Qualen der denkenden Russen beschrieben hat. Unter den Lebenden gibt es ohnehin nicht allzu viele russische Schriftsteller, die für Russland und sein Gewissen „brennen“. Die wenigen sind außerhalb Russlands alle bekannt, und ein jeder von ihnen wird in der Heimat zum Objekt des „Volkshasses“.

Um meine Gefühle wieder in Ordnung zu bringen, um zum positiven Denken zurückzukehren, schalte ich meine Aufmerksamkeit auf mein eigenes unglückseliges Land um. Ja, der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch mein ganz persönliches Problem.

Einem Künstlerfreund von mir gefielen die Proteste im Winter auf dem Maidan in Kiew ganz und gar nicht, er mochte die Barrikaden und brennenden Reifen nicht. „Sie haben Kiew zugesaut!“, regte er sich jedes Mal auf, wenn wir zusammen eine Tasse Kaffee tranken. Olexandr Mylowsorow – so heißt mein Künstlerfreund – fasst das Leben von jeher als eine ästhetische Harmonie auf. In diese Harmonie war die zerstörerische Energie der Proteste hereingebrochen, und nun gibt es im Zentrum von Kiew seit einem halben Jahr schon keine Harmonie mehr.

Ich kann nicht sagen, dass ich Barrikaden und den Rauch brennender Reifen mag, oder dass es mir gefällt, wenn Notarztwagen mit Blaulicht und Sirenen auf der Straße an mir vorbeirasen. Nein, ich mag Geschichte, wenn sie vorhersehbar ist, die uns wie ein Buch erlaubt, gemächlich von einer Seite unseres Lebens auf die andere zu wechseln. Ich mag das Leben, das man wie ein Buch lesen kann, in dem sich alle Handlungsstränge der Reihe nach, logisch und ruhig entfalten.

Wer starke Reize mag, für den gibt es Horrorfilme. Mir genügte es, Anfang der 1980er-Jahre den damals noch verbotenen „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn zu lesen – danach hat man für jegliche Horrorfilme allenfalls noch ein müdes Lächeln übrig. Warum hat Hollywood bis heute keinen Blockbuster über den realen Horror aus Solschenizyns Buch gedreht? Auch in Russland wird diesen Film keiner drehen, weil er der politischen Rehabilitierung Josef Stalins hinderlich sein könnte, den Putin so sehr schätzt. Inzwischen sind neue Stalin-Biografien erschienen, in denen er als begabter Krisenmanager dargestellt wird, der die Sowjetunion in sehr schweren Zeiten gerettet hat.

Ich kann mir vorstellen, wie in nicht allzu ferner Zukunft eine Biografie des jetzigen russischen Präsidenten erscheint, in der dieser als begabter Krisenmanager beschrieben wird, der Russland in schweren Zeiten vor der feindseligen und sanktionsbissigen Welt, vor dem bösen Europa und dem imperialistischen Amerika, vor der „faschistischen“ Ukraine und dem „nazistischen“ Moldawien gerettet hat. Womöglich wird dieses Buch ja bereits geschrieben.

Aus dem Russischen von Steffen Beilich.