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Ethnologe Michael Oppitz: Trommeln für das Buch

1240 Seiten, 1227 Abbildungen: „Morphologhie der Schmanentrommel“

1240 Seiten, 1227 Abbildungen: „Morphologhie der Schmanentrommel“

Was für ein Raum! Es ist, als sei man in ein Zeitloch gefallen. Altrosa verblichener Putz bröckelt von den Wänden, abgeplatzter Stuck legt das Stroh in den Decken frei, unter dem vergoldeten Gips von vier schmalen Säulen blitzt ihr gusseiserner Kern hervor. Eine abgekordelte baufällige Wendeltreppe führt zu einer Empore mit filigran ornamentierten Balkongittern. In der geschichtsgesättigten Kulisse des 1872 erbauten Wohn- und Gewerbehauses der Familie Lademann, die hier im Erdgeschoss der Wallstraße 85 bis ins Jahr 1930 eine Eisenwarenhandlung betrieb, stöberte Halle Berry im Film „Cloud Atlas“ nach Schallplatten. Durch die offenen Fenster bläst sachter Sommerwind vom direkt dahinter liegenden Spreekanal. Wie Gespenster rascheln Bahnen schwarzen Seidenpapiers, die von der im hinteren Raumteil aufs Backsteingerüst entblösten Decke bis auf den abgetretenen Dielenboden hängen.

Das ist Kunst, ein Zettel klärt darüber auf, dass „Mu“ ein japanisches Mantra für Leere und Nichts ist. Doch die schöne Installation „Dark Matters * Mu“ von Christine Scherrer (bis 5. Juli, sonnabends 12-18 Uhr) ist gar nicht der Grund, warum wir hier in diesem Tanzsaal-großen Ruinenraum sind. Sondern Trommeln. Zusammen mit einem ebenso abgefahrene Gespenster beschwörenden, hell in die Lüfte schwingenden und bis in den Bauch vibrierenden Sprechgesang tönen und brummen sie vom Band, das heute natürlich ein Computer ist. Andächtig lauschen wir, ein paar Dutzend aufgeklärte Berliner Kulturinteressierte, diesen archaisch knispernden Aufnahmen von irgendwelchen authentischen Naturvölkern aus schwerst abseitigen Bergregionen. Der Ethnologe Michael Oppitz hat diese heiligen Klänge vor langer Zeit vom Himalaya mitgebracht. Sein fast vierstündiger Film „Schamanen im Blinden Land“ von 1980 ist Kult.

Und jetzt: was für ein Buch! Viele Jahre hat der freundliche Forschungsreisende, selbst erst spät, als Direktor des Völkerkundemuseums Zürich, sesshaft geworden, an diesem Monumentalwerk gearbeitet: 1240 Seiten, 1227 Abbildungen, umfasst sein zweibändiges Monstrum „Morphologhie der Schmanentrommel“ (291,88 Euro).

Der obsessive Schamanenforscher, unterstützt durch Robin Detje, Cord Riechelmann und die Literaturvermittlerin Elisabeth Ruge, erzählt darin von den Mythen und Legenden aus der Zeit, „als mit den Menschen das Unglück in die Welt kam“. Ein saumseliger Heiler etwa, dessen Bücher verbrannten, aß einfach deren Asche – oder das Schaf, das die Blätter aufgefressen hatte. So einverleibt, durchdringt die Weisheit seine Gesänge zur selbst beseelten Trommel: Die nämlich ist das Buch der Schamanen.



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