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Europäisches Comic-Festival: Eine heruntergekommene Rockstar-Maus in einem Schlüpfer

Bill Wattersons „Calvin und Hobbes“, erstveröffentlicht von 1985 bis 1995, gehört zu den Sternstunden des Comic-Strip.

Bill Wattersons „Calvin und Hobbes“, erstveröffentlicht von 1985 bis 1995, gehört zu den Sternstunden des Comic-Strip.

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carlson-Verlag/Bill Wattersons

Am Sonntag ist im westfranzösischen Angoulême das 41. Internationale Comic-Festival zu Ende gegangen, die traditionsreichste Veranstaltung dieser Art in Europa – und ein wichtiger Gradmesser für den Stand der Kunst in den Comics.

Wie breit hier inzwischen das Spektrum zwischen buntem Spaß und tödlichem Ernst ist, zeigt sich schon im Eingangsbereich zur wichtigsten Ausstellung des Festivals, „Tardi und der Große Krieg“. Hier kann man Scharen von Schülern mit „Angry-Birds“-Masken sehen, die sich gegenseitig vor einer großen Druckgrafik fotografieren, die einen Verwundeten mit herausquellendem Gedärm zeigt. Tuschelnd schubsen sie sich dann durch die Ausstellung, sind am Ende aber wohl doch beeindruckt von Jacques Tardis drastischen Zeichnungen vom Ersten Weltkrieg.

Skizzen, Tuschezeichnungen und die kolorierten Seiten machen seine Arbeitsweise anschaulich, lassen erahnen, wie akribisch er recherchiert. Die umfangreiche Ausstellung – theatralisch inszeniert, auf Stellwänden aus groben Brettern, beleuchtet mit extra trüben Designerfunzeln – endet mit einem nachgestellten Gräberfeld unter zerfetzten Flaggen. Hätte man sie etwas schlichter präsentiert, wären Tardis Arbeiten womöglich noch wirkungsvoller gewesen.

Die gezeichneten Gräuel des Krieges

Eine Etage höher sind Blätter von Gus Bofa (1883–1968) ausgestellt, der den Ersten Weltkrieg schwer verwundet überlebt hat. Bofa hat die Gräuel des Kriegs mit bitterem Humor gezeichnet. Er war ein überzeugter Pazifist und verabscheute jeglichen Nationalismus, genau wie Tardi, dem Bofa ein großes Vorbild ist. Arbeiten von Tardi und Bofa werden im Juni 2014 beim Comic-Salon Erlangen im Rahmen des Themenschwerpunkts Erster Weltkrieg zu sehen sein; in Berlin gibt es zurzeit eine kleine Tardi-Ausstellung im Literarischen Colloquium zu sehen.

In der Einschätzung des Ersten Weltkriegs dürften sich die damals aufeinander gehetzten europäischen Nationen heute weitgehend einig sein. In anderen Regionen der Welt ist solche kollektive Vergangenheitsaufarbeitung keineswegs selbstverständlich, wie man in Angoulême anhand der Konflikte um die Ausstellung „Blumen die nicht welken“ erfahren konnte. Darin sind Comics von südkoreanischen Zeichnerinnen zu sehen, die die traumatischen Erinnerungen so genannter Trostfrauen ebenso eindrucksvoll wie sensibel aufgearbeitet haben. Hunderttausende koreanischer Frauen waren im Zweiten Weltkrieg von den japanischen Besatzern interniert und systematisch vergewaltigt worden. In Japan war man über die Ausstellung gar nicht erfreut, wie man einer Presseerklärung des japanischen Außenministeriums entnehmen konnte. Zu einem Eklat kam es, als der Messestand von japanischen Ultranationalisten im „Little Asia“-Pavillon geräumt wurde. Diese Gruppe leugnet die Kriegsverbrechen rundweg, zudem sollen Hakenkreuze am Stand gesehen worden sein.

Wer im Westen also bislang geglaubt haben sollte, dass die asiatischen Comics – die Manga – sich in schlichter bonbonsüßer Ästhetik erschöpfen und von allen Bewohnern des Kontinentes gleichermaßen gerne gelesen werden, wurde hier eines Besseren belehrt.

So politisch war das Festival noch nie

Am publikumsreichen Sonnabend verteilten dann auch noch Pro-Palästina-Aktivisten Flugblätter in Angoulêmes überquellenden Straßen, mit denen sie gegen „Sodastream“ protestierten. Der Festival-Sponsor unterhält nämlich Produktionsstätten in israelisch besetzten Gebieten. So politisch war das Festival noch nie!

Aber auch hinter den Kulissen wurde gestritten, und zwar um den Grand Prix, den Preis für das Lebenswerk.Einige der stimmberechtigten früheren Preisträger boykottierten die Jury, weil ihnen die Shortlist mit nur drei Kandidaten zu wenig Wahl ließ. Diese drei waren durch eine Art Umfrage von allen eingeladenen Zeichnern ausgewählt worden. Und es war – bislang undenkbar in Frankreich, das sich nach wie vor für den Nabel der Comic-Welt hält – kein Franzose dabei! Mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde dann der US-amerikanische Zeichner Bill Watterson, dessen 1995 eingestellte Reihe „Calvin & Hobbes“ auf Deutsch gerade beim Carlsen Verlag in einer opulenten Gesamtausgabe neu aufgelegt worden ist. Watterson meidet öffentliche Auftritte so konsequent, dass er die mit dem Preis verbundenen Pflichten des Festivalpräsidenten 2015 wohl kaum wahrnehmen wird.

Das Gleiche hätte freilich für den ebenfalls nominierten britischen Autor Alan Moore gegolten, der schon im Vorfeld hatte verlauten lassen, er werde den Preis nicht annehmen, falls er ihn bekäme. Und ob der dritte Kandidat, „Akira“-Zeichner Katsuhiro Ottomo , nach Angoulême gekommen wäre, ist ebenfalls fraglich.

Es ist aber auch ein Dilemma mit diesem Preis! Ehrt man damit einen Franzosen, ist dieser außerhalb des frankobelgischen Raums oft kaum bekannt, zeichnet man einen internationalen Star aus, weiß dieser die Ehre nicht zu schätzen, und hat vor allem keine Lust auf die damit verbundenen Aufgaben. Hinzu kommt, dass die alte Garde dem jungen Publikum oft wenig bedeutet, wie der diesjährige Präsident Willem, also der Preisträger von 2013. Die satirischen Comics und Karikaturen des in Frankreich lebenden Niederländers werden eher von älteren Lesern geschätzt. Seine Ausstellung zählte für das junge und internationale Publikum denn auch eher nicht zu den Höhepunkten des Festivals.

Dem sprechenden Tier gehört die Zukunft

Ein großer Spaß für alle Beteiligten war hingegen die Ausstellung von „Misma“, einem jungen Autorenverlag aus Toulouse, der 2013 mit dem Preis für alternative Comics bedacht worden war. Hier ließ sich einwandfrei nachweisen, dass dem sprechenden Tier im Comic die Zukunft gehört. Eine heruntergekommene Rockstar-Maus im Schlüpfer, Pferde, die schnelle Autos lieben, und kluge Gänse bevölkern das urkomische „Misma“-Bestiarium.

In der Kategorie Alternativer Comic waren in diesem Jahr mit „Orang“, „Pure Fruit“ und „Spring“ gleich drei Anthologien aus Deutschland nominiert; in die „Selection Officiel“, der Auswahl für die Hauptpreise, hatte es hingegen kein einziger deutscher Titel geschafft. Die Trophäe „Fauve d’Or“ für den besten Comic erhielt „Come Prima“ von dem Franzosen Alfred, der damit gute Chancen auf eine deutsche Veröffentlichung hat.

Aber Preise und Ausstellungen sind nicht alles. In großen Messezelten in der ganzen Stadt werden Comics verkauft und signiert. Die bunteste Auswahl findet man in „Le Noveau Monde“. Dort werden zum ersten Mal auch an einem Messestand „Comics aus Berlin“ präsentiert, von der „Comic Stiftung“, einem Verein in Gründung. Die Initiatoren, die auch das umstrittene Berliner Comicmanifest in Übersetzung am Stand dabei hatten, waren zufrieden mit dem Interesse des Publikums. Selbst wenn die Comics von wichtigen Berlinern wie Flix oder Reinhard Kleist fehlten, nimmt hier eine gute Sache ihren Anfang. Man kann nur hoffen, dass die Vertretung von Comics aus Berlin oder gar aus ganz Deutschland breitere Unterstützung findet. Bislang kann davon keine Rede sein; zumindest von der Comicszene selbst wurde die Berliner Initiative vor allem mit wenig konstruktiver Häme überzogen.

Dabei gibt es noch viel zu tun! Die Franzosen machen es uns jedes Jahr wieder vor, mit dem Festival in Angoulême, das bei allen Querelen ein großes, buntes und heiß geliebtes Volksfest ist.