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Eva-Maria Hagen wird 80: Die Wehmut vor der Versuchung

Eva-Maria Hagen: Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Malerin.

Eva-Maria Hagen: Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Malerin.

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dpa

Ich sehe sie noch auf mich zukommen, klein und freundlich lächelnd, mit offenem Blick und weißem Haar, und ich erinnere mich, dass sie niemandem die Hand gab im weiten Kinofoyer, sondern sich zur Begrüßung leicht verneigte und dabei beide Hände in die Höhe hob, vielleicht so, wie wir uns eine weise, in ihrem Weltverständnis und ihrem Glauben tief verwurzelte alte Inderin vorstellen. Vorsichtig, unaufdringlich, ein bisschen spröde und sehr, sehr zerbrechlich.

So schwebte Eva-Maria Hagen in den Raum, es war während einer Berlinale, und es lief einer ihrer ganz frühen DEFA-Filme, die Tragikomödie „Vergesst mir meine Traudel nicht“. Der war von 1957, da ist sie Dreiundzwanzig gewesen, sie spielte ein Waisenmädchen, das aus dem Heim abhaut, und in einer Szene, unvergesslich, stand sie über dem Luftschacht der Berliner U-Bahn am Alexanderplatz, und der Wind von unten ließ ihren Rock flattern, war’s ein Petticoat? Und die Hagen tat erschrocken und machte einen Schmollmund und blickte sich scheu und doch auch selbstbewusst um. Wer hätte da nicht an Marilyn Monroe denken müssen, für die Billy Wilder in Hollywood gerade eben eine solche Szene erfunden hatte, und nun auch die DEFA, potzblitz! Später nannte man die Hagen gern die „Bardot des Ostens“ oder die „Lollo des Ostens“: der weibliche, sinnenfrohe Widerschein der großen weiten Welt in der kleinen, bald eingemauerten DDR.

Kurt Maetzig, jenem Regisseur, der sie für den „Traudel“-Film entdeckt hatte, blieb Eva-Maria Hagen trotz partiell gegensätzlicher politischer Ansichten verbunden. Noch als er Neunzig wurde, 2001, kam sie zur Feier ins Kino Arsenal und sang ihm ein Lied zur Klampfe, das Küchenlied aus dem alten Film. Sie vergaß Maetzig nicht, dass der ihr auch in dunkleren Zeiten geholfen hatte. Als sie 1966, wegen ihrer Liebe zu Wolf Biermann und weil sie gegen den Willen der sich allmächtig dünkenden Partei an dieser Liebe festhielt, aus den Medien und von der Bühne gedrängt werden sollte, holte Maetzig sie ins Schauspielerensemble für „Die Fahne von Kriwoj Rog“ (1967). Der Film war zwar ein Prestigeprojekt der Partei, aber er verschaffte manchem von der Obrigkeit Ungeliebten Arbeit, und wovon sollte denn, bitte schön, Wolf Biermanns Krankenversicherung bezahlt werden, wenn nicht durch die Auftritte seiner Gefährtin?

Ach ja, die Männer. Von Hans Oliva-Hagen, einem Schriftsteller und Filmautor („Karbid und Sauerampfer“), bekam die 21-jährige Eva-Maria ihre Tochter Catharina, bald Nina genannt und seit langem die schöne, schrille Punk-Ikone. Dann Peter Hacks, die kurze, leidenschaftliche Liaison nach einer heißen Silvesternacht in den frühen 1960ern, damals glaubte die junge Schauspielerin noch an die Ideale des Sozialismus und wollte ihnen gern folgen und mittun am kommunistischen Weltenwunder und verstand so gar nicht, weshalb das Stück des angehimmelten Dichters, „Die Sorgen und die Macht“, vom Spielplan des Deutschen Theaters abgesetzt wurde: „Es ist doch gut, ich bin begeistert“, schrieb sie ihm damals, und: „Das musst Du mir mal gelegentlich genauer erklären, wieso so viel Geschrei darum. Aber frech bist Du ja, mein Gott.“

Und dann Wolf Biermann, den sie 1965 kennenlernt und im Herzen trägt bis heute. Als er zur Unperson erklärt wird und um fast jede Auftrittsmöglichkeit gebracht, hält sie zu ihm. Ganz fest. Und als er ausgewiesen wird aus der DDR, da sind sie schon lang kein Paar mehr, da sammelt sie Unterschriften und folgt ihm und ihrer Tochter Nina nach Hamburg, in eine andere Welt, die sie nicht unbedingt mit offenen Armen empfängt. Kurz nach dem Mauerfall, im November 1989, kehrt sie an seiner Seite zum gemeinsamen Auftritt in einer voll besetzten Leipziger Messehalle zurück, und sie singt einige seiner Lieder, so schön, wie niemand anders sie singen kann, nicht mal er selbst.

Eva-Maria Hagen, geboren in Hinterpommern, Tochter einer Saisonarbeiterin und eines Landarbeiters, aus einfachstem Hause also, macht aus ihrem Ruhm kein Aufsehen. Dass sie über Jahre im Osten als blonde Femme fatale, als Vamp beschäftigt wurde, in Filmen wie „Ohne Pass in fremden Betten“: Das ist heute ein Lächeln wert. Wichtig bleiben ihr ein paar Rollen auf dem Theater, das für sie, immerhin, mit Brechts Inszenierung von Strittmatters „Katzgraben“ (1953) begann. Sie war die Eliza in „My Fair Lady“, die Marie in „Woyzeck“, die Kameliendame, und dann die Mutter Courage, mit Brecht im Kopf und der eigenen Biografie auf den Schultern.

Es ist ein eigen Ding um diese Eva, die im Fernsehen zu sehen ist und im Kino und die Chansons singt und malt und kluge Bücher verfasst und am allerliebsten ihre Familie um sich schart. Und vielleicht trifft es der Regisseur Herwig Kipping, in dessen „Novalis“ (1993) sie spielte, am genauesten, wenn er schreibt: „Am meisten liebt sie die Wehmut, vor dem Tode, vor der Lust, vor der letzten Versuchung.“ So viel Sinnlichkeit, so viel Geheimnis.

Ein Porträt sendet ARD-alpha am Sonntag, 22 Uhr und das rbb-Fernsehen Dienstag, 23.30 Uhr



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