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Fatih Akin „Müll im Garten Eden“: Und dann kam der Regen

Fatih Akin bei der Recherche

Fatih Akin bei der Recherche

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dpa

Fatih Akin hatte einen Traum, und zwar den eines jeden Dokumentarfilmers: Die Aufdeckung eines Missstands kann eben diesen beseitigen, ihn umweltschonend entsorgen dank des demokratischen Mittels der Kunst. Spätestens seit „Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul“ kein Neuling im Genre, war Akins Gedanke zumindest vorschnell. Eine Lektion aus seinem neuen Dokumentarfilm „Müll im Garten Eden“ lautet: Je schneller eine Regierung ihre Beschlüsse fasst, zum Beispiel über Nacht und zugunsten einer Mülldeponie, desto langsamer laufen die Einspruchsverfahren. Es hat schon viele Proteste gegeben in Camburnu am Schwarzen Meer; manche davon waren gesungen oder getanzt, doch das Verhältnis der türkischen Regierung zur Kunst wie zur Demokratie ist bekannt. Die Protestierer halten sich also weiter die Nase zu und geben der Polizei höflich zu verstehen, das sei keine Vermummung!

In der Tat stinkt die Sache zum Himmel. Um 2006 wurde ein Erdloch mit Plastikplanen ausgelegt, fertig war die Müllhalde. Die schönen Hügel rund um Camburnu wurden dem Dorf zum Verhängnis: Sie setzten den Paragrafen außer Kraft, der den Mindestabstand vom Müll zum nächsten Haus auf einen Kilometer begrenzt – eine fatale Gesetzeslücke, steigt doch mit der Schräglage auch die Gefahr von Erosion.

Fatih Akin verfolgte den Prozess von Anfang an, befragte Experten und Lokalpolitiker. War er zurück in Deutschland, also oft, übernahm der vor Ort angelernte Kameramann Bünyamin Seyrekbasan. Akins Film zeigt verheerende Bilder, denn jede schlimme Prognose wurde wahr: Der Regen spülte den Müll ins Grundwasser, der Fischfang an der nahen Küste und die Teeernte, beides elementar für die Region, werden sich so schnell nicht erholen. Der Regisseur kennt die Region als Heimat seiner Großeltern. Die mediterran anmutende Traumlandschaft fand Eingang in „Auf der anderen Seite“, Akins deutsch-türkisches Hauptwerk. Nun bildet sie den Kontrast zu den Ekelbildern von angeschwemmten Fischen und giftigem Schaum auf dem Weg zum Meer.

Die Menschen machen den Film besonders

Man hat solche Aufnahmen schon oft gesehen; als typisches Problem eines Wohlstandsschwellenlands war der Müll überall, ob in Italien oder Griechenland. Überhaupt unterscheidet sich Akins filmischer Protest kaum von anderen Dokumentarfilmen. Die produktionsbedingte Distanz ist ihm anzumerken, trotz des persönlichen Bezugs. Was „Müll im Garten Eden“ dennoch besonders macht, sind die Menschen. Akin filmt sie bei ihren saisonalen Folkloretänzen und Protestfestivals, die neuerdings zusammenfallen. Er dokumentiert ihre Ängste, ihre Wut und auch immer wieder ihren schwarzen Humor. Die Bürger und vor allem Bürgerinnen von Camburnu lassen sich nichts gefallen – es hört nur niemand auf sie. Man denkt an Stuttgart 21, und das will Akin eigentlich zeigen: das Bild eines bis in die hintersten Winkel modernen Landes mit einer schlechten Regierung. Die Kunst kann helfen. Aber wenn der Protest der Bürger Erfolg hat, dann darum, weil sie ihn selber machen.

Müll im Garten Eden. Dtl. 2011. Buch & Regie: Fatih Akin; 98 Min., Farbe.