Das hätte dem König gefallen: Die Staatskapelle spielt eine Symphonie von Friedrich II. Foto: REUTERS
Das hätte dem König gefallen: Die Staatskapelle spielt eine Symphonie von Friedrich II. Foto: REUTERS
Aber viel Prominenz und Heiterkeit: Der Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im Konzerthaus Berlin.
Manchmal ist Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, in aller Tapsigkeit grandios politisch. Da laden er und Matthias Platzeck, der Ministerpräsident Brandenburgs, ins Berliner Konzerthaus, um an die 300. Wiederkehr des Geburtstags von König Friedrich II. von Preußen am 24.1.1712 zu erinnern. Der Saal ist voll, die Musik der Staatskapelle vorzüglich, Grauns Oper „Moctezuma“, die auf ein Libretto des Königs geschrieben wurde, und eine Symphonie von Höchstderoselbst werden gegeben. Viel preußischer und deutscher Adel – der Empfang hatte fast den Charakter eines Familienfests, Küsschen hier und dort – und die politische Elite Berlins und Brandenburgs sind zu sehen. Selbstverständlich auch die Hüter der preußischen Schätze in Museen, Bibliotheken und Archiven der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, in Akademien und Universitäten, die Kämpfer für den Nachbau von preußischen Schlossfassaden, Denkmalschützer, Historiker. Wer eine rote Karte hatte, durfte über die breiten Außentreppen hineingehen.
Anstands- und Protokollgemäß begrüßt Wowereit also den Herrn Bundespräsidenten Christian Wulff, dessen und Wowereits Vorgänger Richard von Weizsäcker, die Exzellenzen, Damen und Herren – und dann, nach einer tiefen, tiefen Pause, „natürlich auch die Vertreter des Hauses Hohenzollern und an der Spitze Prinz Georg von Preußen“. Schreckpause oder inszenierte Pause, die republikanische Distanz zum Fürstengedenken andeuten sollte? Wir werden es nie erfahren.
Aber ein Grundton war gelegt: Es sollte nicht um die unkritische Bejubelung eines toten Herrschers gehen, sondern um die reflektierte Erinnerung an „F II“ – Platzeck nutzte resolut das Historiker-Kürzel. Und dabei durfte auch mal Heiteres zu hören sein. Wowereit erinnerte an die Umfragen unter Schulkindern zu Zeiten seines Vorgängers Richard von Weizsäcker, der 1982 mit der Preußen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau einen der Ecksteine der Preußen-Rehabilitierung eröffnen durfte: Was wisst ihr über Friedrich den Großen? „Der wurde von seinem Vadda fast dodgeschlagen und is dann in Amerika Milljonär geworden.“ Er hoffe sehr, dass nach diesem Friedrich-Jahr mehr über den König gewusst werde. Denn auch wenn in Friedrichs Preußen Juden und Katholiken diskriminiert worden seien, die Kriege Tausende Tote kosteten – er sei eben doch „ein Großer gewesen“.
Mit Coca-Cola konkurrierende Verbreitung von Friedrich-Kitsch
Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD, r.) kam am Morgen in Begleitung des Ururenkels von Kaiser Wilhelm II., Georg Friedrich Prinz von Preußen (l.), sowie Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD, 2.v.l.) und dem Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Hartmut Dorgerloh (2.v.r.), auf die Terrasse von Sanssouci.
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Dorgerloh hielt vor dem Grab, neben dem auch die Lieblingshunde des Preußenkönigs beerdigt sind, eine kurze Rede.
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Er bezeichnete den Alten Fritz als eine "Persönlichkeit von europäischer Dimension".
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Dutzende Bürger aus Potsdam und dem Umland kamen ...
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... und legten zum Teil Blumengebinde und Kartoffeln auf den Grabstein, ...
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... um den große Blumenkränze des Ministerpräsidenten und des Potsdamer Oberbürgermeisters aufgestellt waren.
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Der König verfügte einst über den großflächigen Anbau der Kartoffel in Preußen ...
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... und bereitete ihr den Weg zu einem der wichtigsten Nahrungsmittel in Deutschland.
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Friedrich II. sei eine sehr vielschichtige Person gewesen, sagte Platzeck.
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Neben seinem militärischen Vorgehen ...
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... habe der Preußenkönig viele Reformen für das Land umgesetzt.
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Er habe etwa initiiert, ...
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... dass Bildung viele Menschen erreichen solle.
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Der offizielle Festakt zum Geburtstag des Preußenkönigs ...
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... fand am Nachmittag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt.
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Die Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, Klaus Wowereit (2.v.l.) und Matthias Platzeck (r., beide SPD) hatten eingeladen. Hier mit Bundespräsident Christian Wulff auf den Stufen zum Konzerthaus.
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Bundespräsident Christian Wulff hielt ein Grußwort zum Festakt. Daneben: Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD).
Blumen und Kartoffeln für den Preußenkönig: Mit einer Kranzniederlegung am Grab von Friedrich dem Großen am Potsdamer Schloss Sanssouci ist am Dienstag an dessen 300. Geburtstag erinnert worden.
In dem Jagdschloss in Königs Wusterhausen verbringt der spätere Thronfolger mehrere Jahre seiner Kindheit. Es sind glücklose Jahre, die von Friedrichs herrschsüchtigem und dominantem Vater, Friedrich Wilhelm I., bestimmt werden. Hier unterzeichnet der Vater auch 1730 das Todesurteil für Friedrichs Freund, Leutnant Hans Hermann Katte. Nach 1740 – nach dem Tod des Vaters – verfällt das Schloss, weil der junge König dafür kein Interesse mehr zeigt.
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Es war 1732, als für den damals 20-jährigen Kronprinzen das Palais unter den Linden umgebaut wurde. Ursprünglich hatte hier der Gouverneur von Berlin seine Dienstwohnung. Philipp Gerlach war der Architekt, der das Haus für Friedrich und seine Gattin in ein Barockpalais verwandelte. Von 1732 bis 1740 – dem Jahr seiner Krönung – nutzte der Thronfolger das Gebäude als Wohnsitz während seiner kurzen Berliner Aufenthalte. 1742 übergab er das Haus an seinen Bruder August Wilhelm (1722–1758), dessen Witwe es bis 1780 nutzte.
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Mit der Erlaubnis seines Vaters, Friedrich Wilhelm I., zieht Kronprinz Friedrich 1736 mit seiner Gattin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern ins Schloss Rheinsberg. In den folgenden Jahren lässt er das Schloss umbauen. Hier komponiert er 1738 auch seine erste Sinfonie, beschäftigt sich mit Philosophie und Geschichte. Die glücklichen Rheinsberger Jahre enden 1740 mit dem Tod des Vaters.
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1740 schenkt der König das an der Panke gelegene Schloss Schönhausen seiner Gattin Elisabeth Christine, von der er getrennt lebte. Der Legende nach soll Friedrich II. seine Gattin, die dort bis zu ihrem Tode 1797 die Sommermonate verbringt, in Schönhausen niemals besucht haben.
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Nach dem Tode seines Vaters macht der neue König das Schloss Charlottenburg zu seiner Residenz. Mit den Umbauarbeiten wird Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff beauftragt. Friedrich der Große mag das Haus, weil dort seine Großmutter Sophie Charlotte gewirkt hat. Sie ist auch die spätere Namensgeberin für die Schlossanlage. Auf Anweisung des Königs wird der Ostflügel an das Schloss angebaut.
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Ab 1747 lässt Friedrich II. das Überschwemmungsgebiet an der Oder trockenlegen. Auf dem rund 60 Kilometer langen und zwölf bis 20 Kilometer breiten Areal werden neue Dörfer errichtet. Hier siedeln Zuwanderer aus Hessen, Mecklenburg, der Pfalz und Württemberg, aber auch aus Niederösterreich, der Schweiz und Frankreich. 1762 ist die Trockenlegung beendet – rund 900 Quadratkilometer Ackerland sind gewonnen. In Letschin erinnert heute noch ein Denkmal an Friedrich II.
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Zunächst heißt der Ort Friedrichsgnade, er wird am 29. Mai 1753 auf Anweisung Friedrichs des Großen gegründet. In dem Kolonistendorf werden vor allem Zuwanderer aus Böhmen und Schlesien angesiedelt, die sich ihren Lebensunterhalt als Baumwollspinner und mit der Seidenraupenzucht verdienen. Deshalb werden in Friedrichshagen – 1763 wird der Ort umbenannt – auch Hunderte Maulbeerbäume angepflanzt, die den Seidenraupen als Nahrung dienen. Seit Mai 2003 steht wieder ein Friedrich-Denkmal in der Bölschestraße.
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In nur zwei Jahren – von 1745 bis 1747 – wird in Potsdam Schloss Sanssouci errichtet. Das Sommerschloss im Rokoko-Stil, das nach Skizzen Friedrichs II. gebaut wird, dient dem König bis zu seinem Tod am 17. August 1786 als Wohnort. Architekt des Baus, der heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, ist Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. 205 Jahre nach seinem Tod – am 17. August 1991 – wird der Sarkophag mit dem Leichnam Friedrichs des Großen gemäß seinem letzten Wunsch in eine Gruft auf der obersten Terrasse des Weinberges gebracht.
Im Berliner Stadtschloss kommt Friedrich II. am 24. Januar 1712 zur Welt. Er ist der älteste überlebende Sohn von insgesamt 14 Kindern von König Friedrich Wilhelm I. und dessen Gattin Sophie Dorothea von Hannover. Zusammen mit seiner Lieblingsschwester Wilhelmine verbringt er die ersten Lebensjahre in dem Barock-Bau. Friedrich mag ihn nicht. Trotzdem lässt er sich dort für seine Berlin-Aufenthalte mehrere Zimmer einrichten.
Georg Prinz von Preußen (so ist die Anrede seit dem Namensgesetz von 1919) erinnerte daran, dass er schrecklich gefroren habe als Junge auf der Burg Hohenzollern, angesichts der Särge von Friedrich und dessen Vater, und das die zweite Beerdigung 1990 auf der Terrasse von Sanssouci eben keine Verherrlichung des Alten Fritz gewesen sei. Endlich habe der „Privatmann Friedrich“ im Vordergrund gestanden, endlich sei er „seiner Pflicht am Staat entbunden“. Die Familie könne man sich, auch als Hohenzoller lerne man das früh, zwar nicht aussuchen: „Aber Geschichte ist Herkunft, und Geschichte ist die Grundlage des Heute“. Deswegen lohne sich die Erinnerung auch.
Neben dem Festvortrag des australisch-britischen Historikers Christopher Clark – der nicht nur die mit Coca-Cola konkurrierende Verbreitung von Friedrich-Kitsch notierte, sondern auch jede Vorbildfunktion des schamlosen Münzverschlechterers für die Lösung der europäischen Finanzkrise zurückwies – war die am meisten erwartete Rede die von Bundespräsident Wulffs. Auch er stimmte ein in das inzwischen klassische Lob der Toleranz, die in Preußen geherrscht habe und die Widersprüchlichkeit des Kriege führenden Philosophen. Und: Preußen sei ein Einwandererland gewesen, nicht nur für christliche Salzburger, sondern auch für Muslime. Nun ja, in den Fakten war das etwas anders, aber immerhin versprach Friedrich, ihnen Moscheen zu bauen, wenn sie denn je einwandern würden.
Vor allem aber verneinte Wulff jede Vorbildfunktion des alten Fritz für heute: „Wir fühlen und handeln anders, nicht der Staat, sondern jedes einzelne Menschenleben zählt.“ Andererseits: „Bei uns in Bellvue“ hänge ein Porträt des Königs, das diesem das liebste gewesen sei: ein alter Mann, gebeugt, der höflich den Hut vor dem Betrachter zieht. Der Kontrast zwischen dem klassischen Monarchenbildnis, in dem mit großem Mantel und Krone die soziale und machtpolitische Distanz zwischen Herrscher und Beherrschten signalisiert wird, kann tatsächlich nicht größer sein.
Zum Schluss: Wie gestern in dieser Zeitung vorhergesagt, wurde der Name der Frau von Friedrich II. Elisabeth Christine, nicht ein einziges Mal genannt. Sie war allerdings in guter Gesellschaft: Auch sonst fiel kein einziger Frauenname.
Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.