25.01.2012

Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich II.: Friedrich II. war kein Vorbild

Von Nikolaus Bernau
Das hätte dem König gefallen: Die Staatskapelle spielt eine Symphonie von Friedrich II.
Das hätte dem König gefallen: Die Staatskapelle spielt eine Symphonie von Friedrich II.
Foto: REUTERS

Aber viel Prominenz und Heiterkeit: Der Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich II. im Konzerthaus Berlin.

Manchmal ist Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, in aller Tapsigkeit grandios politisch. Da laden er und Matthias Platzeck, der Ministerpräsident Brandenburgs, ins Berliner Konzerthaus, um an die 300. Wiederkehr des Geburtstags von König Friedrich II. von Preußen am 24.1.1712 zu erinnern. Der Saal ist voll, die Musik der Staatskapelle vorzüglich, Grauns Oper „Moctezuma“, die auf ein Libretto des Königs geschrieben wurde, und eine Symphonie von Höchstderoselbst werden gegeben. Viel preußischer und deutscher Adel – der Empfang hatte fast den Charakter eines Familienfests, Küsschen hier und dort – und die politische Elite Berlins und Brandenburgs sind zu sehen. Selbstverständlich auch die Hüter der preußischen Schätze in Museen, Bibliotheken und Archiven der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, in Akademien und Universitäten, die Kämpfer für den Nachbau von preußischen Schlossfassaden, Denkmalschützer, Historiker. Wer eine rote Karte hatte, durfte über die breiten Außentreppen hineingehen.

Anstands- und Protokollgemäß begrüßt Wowereit also den Herrn Bundespräsidenten Christian Wulff, dessen und Wowereits Vorgänger Richard von Weizsäcker, die Exzellenzen, Damen und Herren – und dann, nach einer tiefen, tiefen Pause, „natürlich auch die Vertreter des Hauses Hohenzollern und an der Spitze Prinz Georg von Preußen“. Schreckpause oder inszenierte Pause, die republikanische Distanz zum Fürstengedenken andeuten sollte? Wir werden es nie erfahren.

Aber ein Grundton war gelegt: Es sollte nicht um die unkritische Bejubelung eines toten Herrschers gehen, sondern um die reflektierte Erinnerung an „F II“ – Platzeck nutzte resolut das Historiker-Kürzel. Und dabei durfte auch mal Heiteres zu hören sein. Wowereit erinnerte an die Umfragen unter Schulkindern zu Zeiten seines Vorgängers Richard von Weizsäcker, der 1982 mit der Preußen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau einen der Ecksteine der Preußen-Rehabilitierung eröffnen durfte: Was wisst ihr über Friedrich den Großen? „Der wurde von seinem Vadda fast dodgeschlagen und is dann in Amerika Milljonär geworden.“ Er hoffe sehr, dass nach diesem Friedrich-Jahr mehr über den König gewusst werde. Denn auch wenn in Friedrichs Preußen Juden und Katholiken diskriminiert worden seien, die Kriege Tausende Tote kosteten – er sei eben doch „ein Großer gewesen“.

Mit Coca-Cola konkurrierende Verbreitung von Friedrich-Kitsch

Kranzniederlegung für Friedrich den Großen

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Auf den Spuren von Friedrich II.

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Georg Prinz von Preußen (so ist die Anrede seit dem Namensgesetz von 1919) erinnerte daran, dass er schrecklich gefroren habe als Junge auf der Burg Hohenzollern, angesichts der Särge von Friedrich und dessen Vater, und das die zweite Beerdigung 1990 auf der Terrasse von Sanssouci eben keine Verherrlichung des Alten Fritz gewesen sei. Endlich habe der „Privatmann Friedrich“ im Vordergrund gestanden, endlich sei er „seiner Pflicht am Staat entbunden“. Die Familie könne man sich, auch als Hohenzoller lerne man das früh, zwar nicht aussuchen: „Aber Geschichte ist Herkunft, und Geschichte ist die Grundlage des Heute“. Deswegen lohne sich die Erinnerung auch.

Neben dem Festvortrag des australisch-britischen Historikers Christopher Clark – der nicht nur die mit Coca-Cola konkurrierende Verbreitung von Friedrich-Kitsch notierte, sondern auch jede Vorbildfunktion des schamlosen Münzverschlechterers für die Lösung der europäischen Finanzkrise zurückwies – war die am meisten erwartete Rede die von Bundespräsident Wulffs. Auch er stimmte ein in das inzwischen klassische Lob der Toleranz, die in Preußen geherrscht habe und die Widersprüchlichkeit des Kriege führenden Philosophen. Und: Preußen sei ein Einwandererland gewesen, nicht nur für christliche Salzburger, sondern auch für Muslime. Nun ja, in den Fakten war das etwas anders, aber immerhin versprach Friedrich, ihnen Moscheen zu bauen, wenn sie denn je einwandern würden.

Vor allem aber verneinte Wulff jede Vorbildfunktion des alten Fritz für heute: „Wir fühlen und handeln anders, nicht der Staat, sondern jedes einzelne Menschenleben zählt.“ Andererseits: „Bei uns in Bellvue“ hänge ein Porträt des Königs, das diesem das liebste gewesen sei: ein alter Mann, gebeugt, der höflich den Hut vor dem Betrachter zieht. Der Kontrast zwischen dem klassischen Monarchenbildnis, in dem mit großem Mantel und Krone die soziale und machtpolitische Distanz zwischen Herrscher und Beherrschten signalisiert wird, kann tatsächlich nicht größer sein.

Zum Schluss: Wie gestern in dieser Zeitung vorhergesagt, wurde der Name der Frau von Friedrich II. Elisabeth Christine, nicht ein einziges Mal genannt. Sie war allerdings in guter Gesellschaft: Auch sonst fiel kein einziger Frauenname.

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