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Film „Charlies Welt“: Frei wie Federico Fellini

Roman Coppola umgibt sich auch bei der Arbeit gern mit Familienmitgliedern und Freunden. Auch das hat er vom Vater.

Roman Coppola umgibt sich auch bei der Arbeit gern mit Familienmitgliedern und Freunden. Auch das hat er vom Vater.

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AFP/TIZIANA FABI

Mr. Coppola, „Charlies Welt“ lebt weniger vom Plot als von einer Flut verrückter Ideen. Da fragt man sich, mit welcher Idee dieser Film seinen Anfang nahm.

Für mich fing die Sache mit der Hauptfigur an, denn ich wollte eine Art Charakterstudie drehen. Charles Swan III.: Der Name allein sagt alles. Ich wollte von einem eigenwilligen, pompösen, farbenfrohen, irgendwie kindlichen Tagträumer erzählen. Das mit den verrückten Ideen stimmt schon. Mein erster Arbeitstitel für den Film war „Crazy Movie“. Mir war wichtig, bei diesem Projekt zu machen, worauf ich Lust hatte. Das Kino bietet einem viele Freiheiten, trotzdem folgen heute die meisten Filme den immer gleichen Regeln. Deswegen hat man oft das Gefühl, alles schon mal gesehen zu haben.

Sie wollten noch ein wenig weiter gehen als Ihr Freund Wes Anderson, mit dem Sie zuletzt „Moonrise Kingdom“ schrieben?

„Charlies Welt“ ist nicht im Vergleich oder in Abgrenzung zu Wes entstanden. Ich wollte einfach vollkommen befreit und individuell arbeiten, so wie Fellini oder Woody Allen. Ich wollte, dass der Film ganz mir selbst entspricht. Als bei einer ersten Sichtung meine Schwester und ein paar Freunde sagten, so einen Film könne auch nur ich drehen, wusste ich: Mission erfüllt!

In den USA gab es den Film parallel zum Kinostart als Video-on-Demand im Internet zu sehen. Ein zukunftsträchtiges Modell?

Wenn ich das wüsste! Aber ich bin stets an Experimenten interessiert. Natürlich wünscht man sich als Regisseur, die Leute würden Filme nur mit toller Ton- und Bildqualität auf großer Leinwand sehen. Aber die Zeiten ändern sich. Und ich bin kein Snob.

„Charlies Welt“ atmet das Flair die 1970er-Jahre. Ist das Ausdruck von Nostalgie?

Ich habe mir darüber anfangs keine Gedanken gemacht. Der Film sah einfach aus, wie er aussah, das entstand instinktiv. Aber wenn man wie ich Jahrgang 1965 ist, dann sind die 1970er tief in einem verankert. Das Los Angeles jener Jahre, wo wir durch die Arbeit meines Vaters viel waren, hatte eine ganz eigene Atmosphäre und Bilderwelt. Die visuelle Kultur von damals passte gut zu meiner Idee, einen Grafikdesigner als Protagonisten zu haben.

Als Darsteller für die Rolle wählten Sie Charlie Sheen, den man zuletzt nur noch als Sitcom-Star und aus den Klatschblättern kannte.

Wir sind uns schon als Kids begegnet. Sein Vater Martin drehte mit meinem Vater „Apocalypse Now“. Als Charlie später zum Star wurde, sagte er immer mal wieder , dass wir mal zusammen arbeiten sollten. Mir gefiel der Gedanke, jemanden fürs Kino wiederzuentdecken, der dort mal ganz groß war, aber dann in Ungnade gefallen ist.

Gab es keine Vorbehalte nach all den Skandalschlagzeilen ?

Bei anderen Leute schon. Die machten sich Sorgen, er würde sich daneben benehmen oder nicht zur Arbeit erscheinen. Aber ich nicht. Ich fragte Charlie, ob er die Rolle spielen wolle, und er sagte ja, das reichte mir. Ich war mir sicher, dass er mich als seinen alten Freund nicht würde hängen lassen. Außerdem finde ich nichts idiotischer als Vorurteile und Vorbehalte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie damals Alain Delon mit meiner Schwester Sofia nicht „Marie Antoinette“ drehen wollte, weil sie als Amerikanerin gefälligst keine französische Geschichte zu erzählen habe.

Mit anderen Darstellern des Films wie Ihrem Cousin Jason Schwartzman oder Bill Murray sind Sie noch enger befreundet. Stört das nicht bei der Arbeit?

Ich habe aber noch keine negativen Erfahrungen damit gemacht. Auch mein Vater hat immer wieder mit Verwandten gearbeitet und enge Freundschaften zu seinen Mitstreitern entwickelt.

Wo Sie immer wieder Ihren Vater Francis Ford Coppola erwähnen: Gab es eigentlich eine Zeit, wo Sie sich von ihm distanzieren und beruflich in eine ganz andere Richtung gehen wollten?

Früher gab es auch andere Sachen, die mich interessierten. Malerei etwa oder auch Architektur. Und zum Studieren ging ich nach New York, weil ich mir mein eigenes Leben schaffen wollte. Aber da ging es nie um einen Bruch mit meinem Vater. Wir waren und sind uns sehr nahe, und die Welt des Kinos war für mich seit frühester Kindheit positiv besetzt.

Trotzdem ist „Charlies Welt“ erst Ihr zweiter Film als Regisseur.

Ich kann nicht behaupten, dass ich keinen besonderen Druck gespürt habe, der mit dem Namen meines Vaters einhergeht. Ich habe viele Werbespots und Videoclips gedreht, denn da spielte das keine Rolle, und ich konnte mich austoben. Aber bei Filmen war ich immer besonders vorsichtig. Es gab oft Angebote für Regieaufträge. Doch ich fand es angesichts meines familiären Hintergrunds unpassend, irgendeine Horror-Fortsetzung zu inszenieren. Deswegen drehe ich nur Filme, die mir ein persönliches Anliegen sind und in die ich Hingabe stecke.

Immerhin sind Sie für den Oscar nominiert worden mit dem „Moonrise Kingdom“-Drehbuch!

Ja, da habe ich nun nachgezogen. Obwohl Vater und Sofia ja sogar schon gewonnen haben. Aber ich kann nicht leugnen, dass mich das sehr gefreut hat. Natürlich dreht man seine Filme nicht mit Blick auf Preise. Aber sie spielen in unserer Branche nun mal eine große Rolle, und es ist schon cool.

Interview: Patrick Heidmann



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