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Film „Die Jungfrau, die Kopten und ich“: Die Jungfrau Maria auf dem Dach

Auf dem flimmernden Video ist sie nur mit ausgeprägter Fantasie zu sehen: Die Jungfrau Maria, die in einem Dorf in Ägypten erschienen sein soll. Irgendwann in den 1980er Jahren und dann später noch mal. Ein heller Lichtschein in der Kirchenkuppel. Schemenhaft zeichnet sich der Schatten einer weiblichen Gestalt mit Schleier im Strahlenkranz ab. Die Menge – eine Ansammlung von Kopten, ägyptischen Christen – staunt und jubelt. Ist die Erscheinung ein technischer Trick? Die Herstellung von Illusion ist schließlich das Geschäft von Filmemachern.

Namir Abdel Messeeh, der die museale Video-Kassette bei einem Weihnachtsessen seiner Familie vorgeführt bekommt, will seine Mutter vom gemachten Schwindel überzeugen. Vergeblich. Die Mutter, vor Jahren mit ihrem Ehemann aus ärmlichen Verhältnissen in Ägypten nach Paris eingewandert, besteht auf der Echtheit der Ereignisse. Ihr Sohn ist längst vom Glauben abgefallen. Und doch macht er sich nun auf ins Herkunftsland seiner Eltern, um Zeugen für die Marien-Erscheinungen aufzusuchen.

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Natürlich sucht er etwas anderes. Seine Wurzeln, die Wahrheit über seine Mutter, Kairo, das Dorf, sich selbst. Was viele junge Regisseure in ihren Familien-Such-Bildern mit Schwere und Bedeutung aufladen, nimmt Namir Abdel Messeeh ganz leicht. So gelingt ihm ein Roadmovie voller Heiterkeit. Ein Wurf, der mit dem Scheitern kokettiert und dabei wunderbar vom Filmemachen erzählt.

Ein Spiel im Spiel

Denn das, was Namir Abdel Messeeh zeigt, findet sich bei anderen als Bonus-Material auf DVDs. Einblicke in die Dreharbeiten, missglückte Szenen, das ganze Stolpern und Holpern bei der langwierigen und mühsamen Entstehung eines Films macht Messeeh sichtbar. Das Making Off eines Films ist hier Haupt- und nicht Nebensache. Das könnte öde und läppisch sein, wenn Messeeh tatsächlich nur ins eigene Tun und Nichtstun verstrickt wäre. Die üblichen Hindernisse – Geldmangel, Familientabus, Absagen von möglichen Interviewpartnern, ein unwilliger Produzent – werden als Prüfung für den tölpelhaften Helden eingebaut, zu dem sich der Regisseur in seinem Film stilisiert. Die Hürden sind offenkundig ebenso fingiert und inszeniert wie die Marien-Erscheinung. Denn eine Mutter, die wirklich nicht will, dass der Sohn ihre Verwandtschaft im Dorf besucht und filmt, fährt nicht hinterher und fungiert dann als resolute Herstellungsleiterin.

Ein Spiel im Spiel. Doch man lässt sich gern von Messeehs kleinen selbstironischen Kunstgriffen umgarnen. Weil er das, was er vorfindet, mit großer Liebe und Behutsamkeit behandelt – die Menschen, die ihm seine Mutter vorenthalten wollte. Die zahnlose Großmutter, bei der er als Kind aufwuchs, weil seine Mutter in der Stadt Geld verdiente. Die unzähligen Onkels und Cousins, deren Tage sich in ewiger Monotonie das ganze Leben lang gleichen. Dieser Form der Armut ist seine Familie entronnen, aber Messeeh zeigt auch den verlorenen Reichtum an Gemeinschaft. Messeeh spricht mit koptischen Priestern und mit Muslimen. Er deutet das tiefe Misstrauen zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften an, aber auch das gelassene Nebeneinander im Dorf. Er gibt Einblick in Bilderverbote. Kein muslimisches Mädchen, sagt ein koptischer Priester, wird von den Familien für einen Film „hergegeben“.

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Und dann gibt es doch ein „Marien-Casting“. Die Erscheinung wird einfach inszeniert. Die Madonna schwebt in einer Seilkonstruktion, die Bauern auf den Feldern spielen Ergriffenheit. Und plötzlich entsteht jener magische Moment, an den selbst der angeblich agnostische Regisseur glauben kann.

Die Jungfrau, die Kopten und ichFrankreich/Katar/Ägypten 2012, Regie: Namir Abdel Messeeh, Drehbuch: Namir Abdel Messeeh, Nathalie Najem, Anne Paschetta, Dokumentarfilm, 85 Minuten.



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