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Film "Kriegerin": Die Sprache der Gewalt

Eine Migrantin aus Odessa verkörpert die junge Rechtsradikale: Alina Levshin als Marisa.

Eine Migrantin aus Odessa verkörpert die junge Rechtsradikale: Alina Levshin als Marisa.

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dpa

Was Demokratie bedeutet, weiß die junge Frau: Dass jeder mitreden und vielleicht sogar mitbestimmen darf im Staat, auch Idioten, Alkoholiker und Ausländer. Die Aufzählung zeigt schon, dass ihr das nicht recht ist. Sie liebe ihr Land, sagt Marisa, es sei ihr nicht egal, wenn alles den Bach runtergeht.

Und damit das nicht geschieht, wird aufgerüstet in den Kreisen, in denen Marisa verkehrt. „Alles wird sich ändern. Es ist Krieg, und da ist alles erlaubt. In jedem Krieg gibt es Opfer.“ Auch in dem Krieg, der in Marisa selbst zu toben beginnt in David Wnendts Film „Kriegerin“.

Dass die harschen Worte zur zarten Erscheinung der Hauptfigur passen, ist zunächst das eigentlich Irritierende. Warum? „Keine Schönheit ohne Gefahr“ sangen die Einstürzenden Neubauten mal im Westen, und Feeling B grölte im Osten das „Lied von der unruhevollen Jugend“. Deren Bild ist ein unbequemer Entwurf. In welchem Rahmen ist es zulässig?

Schwer beladen joggt zu Beginn des Films die kleine Marisa am Meer. Am Ziel nimmt ihr der Großvater einen Rucksack ab, der voller Sand ist. Den Himmel über der Ostsee im Blick, fühlt Marisa sich einzigartig: jung, lebendig, stark, zäh, auf dem Weg zu jener „Kriegerin“, als die sie sich bald versteht.

In den nächsten Szenen sehen wir eine junge Frau in Glatzenkluft den todkranken Opa im Krankenhaus besuchen. Vom Großvater, dem Wehrmachtsveteranen und Judenfeind, hat Marisa den Kampfgeist und die Überzeugungen; aber ihr Mitgefühl ist noch nicht gebrochen, sonst wäre sie nicht an diesem Ort. Sie umsorgt den Alten. Die Mutter hält die Tochter auf Abstand.

„Es gibt ja wirklich nicht viel, was du gut kannst“, sagt sie, als Marisa ankündigt, bald ein Baby mit dem Freund haben zu wollen. Da hatte sie wieder mal Sex mit ihm, im Bett unter der Hakenkreuzfahne, gleich nachdem beide mit den „Kampfgefährten“ die Passagiere in einem Zug terrorisiert hatten.

Ritualisierte Debatten

Das alles ist wie aus dem Lehrbuch einer Antifa-Schule. Sequenzen wie die zuletzt beschriebene mögen knallhart realistisch gemeint sein und lassen gerade deshalb nicht viel hoffen – schon gar keinen Zugang auf eine Jugendkultur, die in ritualisierten Debatten befriedet schien, bis eine Realität namens Zwickauer Zelle diese einholte.

Und Fragen zu Tage förderte, die nicht gestellt worden waren, weil man sie nicht für wichtig halten wollte. Etwa: Inwieweit hat der Ablauf des deutschen Einigungsprozesses und die damit verbundene politisch gestützte Abwertung ostdeutscher Biografien den Rechtsradikalismus unter jungen Leuten popularisiert?

Auch der Regisseur David Wnendt stellt solche Fragen nicht in seinem Spielfilmdebüt, sie sind wohl auch zu groß für eine Studentenabschlussarbeit. Aber Wnendt leistet ungeachtet seiner mitunter lähmend korrekten Illustrierung immerhin etwas, das nicht eben häufig ist in der gegenwärtigen, aus Furcht vor Generalverdacht auf Abstand zum Thema bedachten Kultur: Er begibt sich radikal hinein in eine radikale Szene.

Dass er dabei durchaus einiges von dem zeigt, was nicht so ohne Weiteres zu sehen ist – etwa Hierarchien –, ist erstaunlich. Eindrucksvoll ist auch die Kraft seiner Bilder. Junge Männer setzen hier Rohheit mit Stärke gleich – aber wo sie das gelernt haben, erklärt dieser Film nicht. Junge Frauen wie Marisa wollen es den jungen Männern gleichtun, erkennen aber nicht oder leugnen, dass sie nicht als Gleiche gelten – was Wnendt sehr wohl und sehr eindringlich thematisiert.

Verrohung, die nicht angeboren ist

Nicht die Gewaltszenen, nicht der Hass gegen Ausländer sind so schockierend an diesem Film, sondern es ist ein einziger Satz, der plötzlich im Raum steht wie ein Fremdkörper, als würde er aus einem Buch vorgelesen: „Du erwiderst meine Liebe nicht“, sagt Marisas Freund wütend, als sie nicht mit ihm schlafen will; dass es nicht seine Sprache ist, sieht man ihm schon an (schade eigentlich). Sex – Liebe, Rohheit – Stärke, Gewalt – Mission: Auf diese Begriffspaare lenkt der Film die Aufmerksamkeit; er zeigt die Sprachlosigkeit als Beginn und letzte Manifestation einer Verrohung, die nicht angeboren ist.

Darüber wird noch zu reden sein, welche Sprache man den Verlierern der Geschichte und der Gegenwart zugesteht. Und ob man sie auch zu hören bereit ist, in welchen Verweiszusammenhängen Aufklärung betrieben werden kann.

Marisa etwa hat mit den völkischen Überzeugungen des Großvaters auch dessen moralischen Imperativ übernommen, dass man für alles gerade stehen muss, was man tut. Als sie anfangs absichtlich zwei Asylbewerber mit ihrem Auto umfährt, kümmert sie sich danach heimlich um den einen. Ihr ist nicht einmal bewusst, dass sie da, durchaus widerwillig, etwas wieder gut machen will. Aber sie tut es.

Es geht um Schuld und Ehre. Neonazis, Durchschnittsbürger, Asylbewerber – alle haben sie mehr gemeinsam, als sie wahrhaben wollen.

Kriegerin 2011. Drehbuch & Regie:David Wnendt, Kamera: Jonas Schmager, Darsteller: Alina Levshin, SayedAhmad u. a.; 106 Minuten, Farbe.FSK ab 12.



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