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Film Robert Redford: "All is lost" - Schiffbruch mit Schleife

Er gibt niemals auf: Robert Redford.

Er gibt niemals auf: Robert Redford.

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SquareOne (Universum Film)

Dass während der Berlinale nicht nur Filme präsentiert werden, zeigt die Geschichte des verwegenen Filmprojekts „All is lost“. Nach der erfolgreichen Festival-Premiere seines Debüts „Margin Call – Der große Crash“ auf der Berlinale 2011 sprach der Regisseur J.C. Chandor in einer Hotellobby sein nächstes Vorhaben mit dem Filmfinanzier Glen Basner durch. Es sollte ein radikales Gegenstück zu dem Film über die Bankenkrise werden: Dieser ist von erregten Dialogen in den Chefetagen der New Yorker Wall Street geprägt, aber in „All is lost“ soll kein Wort gesprochen werden.

Wie auch? Der Hauptdarsteller wird ja ganz allein sein im Film. Er soll von einem älteren Einhandsegler handeln, der mitten auf dem pazifischen Ozean mit einem treibenden Container zusammenstößt. Nach langem vergeblichen Kampf um die beschädigte Jacht steigt er in die Rettungsinsel um, hoffend, von irgendeinem vorbeikommenden Schiff gesehen und aufgefischt zu werden. Das war’s – das Drehbuch ist gerade mal 30 Seiten dünn. Der Filmeinkäufer Basner sagt zu, aber nur unter einer kaum zu erfüllenden Bedingung. Dass es tatsächlich gelingt, Robert Redford für die einsame Rolle zu gewinnen.

Der sagt zu. Nimmt die Herausforderung an, auf ein zentrales Element des Schauspielens zu verzichten. Redford ohne Stimme, ohne Sprechen, ohne die Möglichkeit, auf ein Gegenüber mit eisigem Blick oder einem Lächeln zu reagieren – ist das nun ein halber, oder gar nur ein Viertel Redford?

Bedrückende Reduktion

Es ist erstaunlicherweise mehr als das. Redford ist durch die Reduktion seiner Mittel so präsent wie schon sehr lange nicht mehr. Wie spielt einer, dass und was er denkt, ohne dabei zu sprechen? Auch aus dem Off gibt es ja keine Stimme, nur ganz zu Beginn die Worte eines Abschiedsbriefs, die der Schiffbrüchige im Verlauf des Films als Flaschenpost dem Meer anvertrauen wird.

Erst holt er dabei zu einer großen Geste aus, als wolle er die Flasche mit Nachdruck über eine weite Distanz ins Wasser schleudern. Dann aber zögert er, lässt sie einfach plumpsen. So stellt Redford ohne zu sprechen dar, wie eine Hoffnung binnen einer Sekunde dem Realismus weicht. Nicht ganz, aber etwas.

Als er das winzige Rettungsfloß fit gemacht hat, steigt er noch einmal auf die 12 Meter lange, untergehende Jacht, um ein paar Dinge aus der Kajüte zu holen. Innen steht ihm das Wasser bis zum Hals; er lauscht konzentriert auf jedes Geräusch, das den endgültigen Untergang ankündigen könnte, der ihn mit in die Tiefe reißen könnte. Er ist jetzt, wie man so sagt, „ganz Ohr“, und der Film in solchen Momenten eine Studie über den Menschen als Sinnenwesen, der mit allen Kräften um eine Steigerung seines Empfindens kämpft.

Weil der Dialogpartner fehlt, muss der Zuschauer mitdenken, um zu begreifen, wie Redford, der auch im Drehbuch nur „unser Mann“ genannt wird, sich von Mal zu Mal aus immer neuen Kalamitäten zu befreien sucht. Wer selbst nicht segelt, wird vielleicht einige Zeit brauchen, um darauf zu kommen, dass er wegen des großen Lecks in der Bordwand die Segel setzt.

So kann das Schiff sich zur anderen Seite neigen, das Leck ragt nun hoch und trocken aus dem Wasser, und er kann es mit Harz und Gewebe notdürftig reparieren. Man sieht Robert Redford dabei überaus gern zu. Der 77-Jährige ist ziemlich verwittert, die Hände sind von Altersflecken gezeichnet, aber er strahlt eine eigensinnige Vitalität aus, die sich dem Schicksal zäh entgegenstemmt. Dieser Überlebenswille hat etwas durchaus Erotisches, ganz im Freudschen Sinne als Gegenpol zum Todestrieb. In der Leere des Ozeans rührt er an wie ein einzelner Baum in der Wüste.

Maximales Hineindenken in den Moment

Jeder andere Regisseur hätte seinem Schiffbrüchigen einen Namen und zwecks leichterer Einfühlung eine Vorgeschichte gegeben, dem Schiff einen Heimathafen, aus dem es mit stolzen Segeln aufgebrochen wäre. J.C. Chandor hingegen reduziert die Ereignisse konsequent auf das filmische Minimum, er beginnt mit dem Container in bleierner See, bildfüllend über die Leinwand treibend. Im nächsten Augenblick schon schwappt das Wasser durch Redfords Koje und weckt den Skipper aus dem Schlaf.

Sprachlos wie der Film nun einmal ist, hängt alle Vorgeschichte am Äußeren der Dinge. Um den Sextanten, den der Segler aus irgendeinem Schapp kramt, sind noch Geschenkpapier und Schleife gewickelt – es muss also jemanden gegeben haben im Leben dieses Mannes, jemand, der ihm dieses typische, nostalgische Geschenk für Segler überreicht hat, eigentlich nutzlos in GPS-Zeiten, nun aber überlebenswichtig. Zum Glück liegt die Gebrauchsanweisung bei.

Durch solch intensives Hineindenken in die überschaubare Geschichte holt Chandor das Maximum aus ihr heraus. Der Container zum Beispiel verliert nach und nach einen Teil seines Inhalts: Hunderte von Turnschuhen treiben auf dem Meer. Ein betörendes Bild vertaner Chancen, ein irrwitziges Stillleben von Schuhen auf dem Meer, auf dem außer Jesus noch nie jemand laufen konnte. Sie allesamt hätten Lieblingsschuhe irgendeines Menschen werden können.

Held des Minimalismus

Großartige Bilder leistet sich der Film zum Trost für die Zumutungen dieses maritimen Hiobs: Unterwasseraufnahmen, in denen sich zur fast runden Rettungsinsel ein ebenso runder, unruhig flirrender Fischschwarm gesellt, später eine Art Hai-Ballett. Majestätisch, stur und furchterregend vorbeiziehende Riesenfrachter, auf denen niemand den Schiffbrüchigen bemerkt.

Im Kampf mit der bodenlosen Enttäuschung ist Robert Redford in seinem Element. Der auch als früher Sunny Boy schon merkwürdig Verschlossene, der spätere „Pferdeflüsterer“ und zivilisationsflüchtige „Electric Cowboy“ ist als stummer Alleindarsteller auf hoher See bestens aufgehoben. Ein Held des Minimalismus, nebenbei auch eine unsentimentale Antwort auf den alten Spencer Tracy von 1958. In „Der alte Mann und das Meer“ redete Tracy unablässig mit sich selbst, mit dem gefangenen Fisch oder seiner unwilligen Hand. „All is lost“ ist eine Schweigekur, eine Reduktionsdiät für unsere Filmsehgewohnheiten.

All is lost USA 2013. Drehbuch & Regie: J.C. Chandor, Kamera: Frank DeMarco, Darsteller: Robert Redford. 106 Minuten, Farbe. FSK ab 6. Ab morgen im Kino.