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Film The Dark Knight Rises: Batman war nicht da

Wo war er die ganze Zeit? In der Welt der Fiktion: Batman (Christian Bale).

Wo war er die ganze Zeit? In der Welt der Fiktion: Batman (Christian Bale).

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DC Comics

Batman war ziemlich lange weg. Wo hatte sich der Superheld mit dem Fledermausdress nur versteckt? Und hat man ihn vermisst? Eigentlich nicht, man war anderweitig beschäftigt – und dann liefen am vergangenen Freitag die Nachrichten vom Amoklauf in Aurora, Colorado, während einer Vorführung des neuen Batman-Films „The Dark Knight Rises“. Zwölf Tote, viele Verwundete. Der Täter hatte sich die Harre rot gefärbt und behauptet der "Joker" zu sein; in älteren "Batman"-Filmen ist das der Erzfeind des Superhelden.

Außerdem trug der Mörder von Aurora eine Gasmaske. Im neuen Batman-Film trägt der Bösewicht auch eine Eisenmaske. Er steigt empor aus der Düsternis von Gotham City, aus den Gelassen der Schattenwelt, in denen zu weilen gefährlich ist.

Trauer im Herrenhaus

Batman alias Bruce Wayne, wie der Superheld mit Klarnamen heißt, ist das beste Beispiel dafür. Beim ersten Wiedersehen in Christopher Nolans „The Dark Knight Rises“ hinkt er hohläugig aus der Tiefe des Raums, nicht ohne sich zuvor anzukündigen: Einer Zeitarbeitskraft, die ihm das Abendessen bringt, jagt er mit einem Bogenschuss einen Schreck ein.

Nur einen kleinen, denn diese Kellnerin ist in Wahrheit eine gewandte Juwelendiebin und außerdem ihrer Gossenherkunft wegen auf alles gefasst. Aber warum hinkt Batman? Kinofreunde, die sich noch an Nolans Vorgängerfilm „The Dark Knight“ erinnern, wissen, dass Batman im Kampf mit dem Bösen schwer verletzt wurde und seine Liebste verlor. An den Tod. Der ist aus Gründen frühkindlicher Traumatisierung ein enger Vertrauter von Batman. Nun hat er sich dem Tod fast ganz ergeben; seit acht Jahren trauert er in seinem Herrenhaus.

Zu viel Düsternis?

Am Freitag hat der Tod nun physisch Einzug gehalten ins Kino, und niemand konnte ihn aufhalten. Doch darf man deswegen nicht über Nolans neuen Film sprechen, dessen Vorführung der Täter wohl auswählte, um die größte Aufmerksamkeit zu erreichen? Was ihm auch gelang.

Mit verblüffender Schlichtheit wurde in einigen Medienkommentaren zum Amoklauf darauf hingewiesen, dass die Batman-Filme mit den Jahren ja immer düsterer geworden seien – ganz so, als wäre die Welt ein besserer, sicherer Ort, einer ohne Gewalt, wenn es eben fröhlichere Filme und Bücher sowie von Heiterkeit geprägte Computerspiele geben würde! Millionen Zuschauer oder Spieler morden nicht. Die Einzelnen, die es tun, würden stets Gründe finden.

Auch die Ruhe, die Gotham City nach Batmans vorigem Einsatz beschieden war, ist nur eine vor dem Sturm. In „The Dark Knight Rises“ muss der versehrte Held (Christian Bale) noch mal ran. Längst gärt es im Untergrund des Stadtmolochs; der Grausame mit der Maske hat eine Schattenarmee rekrutiert aus Waisenjungen, um die sich niemand mehr kümmert, seit der millionenschwere einstige Mäzen Bruce Wayne das Interesse an der Welt verloren hat.

Schwer bewaffnet und zu allem bereit

So viel aber lehrt die Geschichte: Ein Volk, dem die Teilhabe verweigert wird, erhebt sich früher oder später, jedenfalls wenn es am Notwendigsten gebricht. Das tut das Volk auch in „The Dark Knight Rises“; da muss wenig nachgeholfen werden vom Maskierten. Aus der Kanalisation steigen die Underdogs hervor, schwer bewaffnet und zu allem bereit – eine apokalyptische Subgesellschaft, die bald ein Terrorregime errichtet.

Auf dessen Ausmalung verwendet der Film viel Sorgfalt – und erzeugt damit noch einmal tiefe Beunruhigung: Die politische Selbstermächtigung von Teilen der Bevölkerung ist ja aktuell ein Dauerthema. Man denke nur an Occupy. Christopher Nolan führt nun den militanten Fanatismus von Aufständischen vor, die Plünderungen, Menschenjagden, Tribunale – eben alles, was an Inhumanität so dazu gehörte in der Geschichte.

Historische Beispiele – etwa den Stalinismus – kann man ebenso schnell ausmachen, wie man erstaunt über die Kräfte, die sich Chaos und Terror entgegenstellen. Nein, jetzt bitte nicht an Batman denken: Der half auch nicht in Aurora, weil es ihn in Wirklichkeit nicht gibt. In Nolans Film wird Batman bald vom Maskenmann gefangen gesetzt und braucht dann eine Weile, um sich zu befreien.

Eine famose Action-Heldin

Nein, die Kräfte, die sich dem Albtraum einer Revolution von unten entgegenstellen, sind die Polizisten von Gotham City: Vereint marschieren sie auf, eine Masse Mensch. Und natürlich erhalten sie Unterstützung von diesem und jenem einsichtigen Angehörigen des Prekariats – dem Heroismus der Uniformträger ist einfach nicht zu widerstehen. Man muss sich nur Blake (Joseph Gordon-Levitt) ansehen, ein tadelloser Soldat der Ordnung.

Ja, man muss über diesen neuen, angeblich letzten Batman-Film sprechen, zumal er einen so autoritären Gesellschaftsentwurf protegiert. Eine Zukunft nur der starken Hand. Anne Hathaway ist hier eine famose Action-Heldin – es sagt viel aus, das ihre Diebin nichts mehr ersehnt, als dass ihre Akte gelöscht wird, also einen „Neustart“.

Und ja, der Mörder von Aurora inszenierte sich als Joker. Doch was bedeutet das schon? Seit alles medial, liquid und virtuell ist, scheinen Fiktion und Realität immer mehr zu verschmelzen. Die Grenzen nicht allein zu erkennen, sondern auch zu wahren, wird künftig sicher eine der existenziellen Herausforderungen sein. Der Joker ist indes nur eine Maske und kein Motiv.

The Dark Knight Rises USA 2012. 164 Min., FSK ab 12. Ab Mittwoch im Kino