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Film über Ai Weiwei: Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten

Schwimmt mit dem Sohn:
Ai Weiwei.

Schwimmt mit dem Sohn:

Ai Weiwei.

Foto:

mindjazz pictures

Am 3. April 2011 wird Ai Weiwei, der bekannteste Künstler Chinas, auf dem Flughafen von Peking verhaftet. Offizieller Grund: Verdacht auf Steuerhinterziehung. 81 Tage lang halten ihn die chinesischen Behörden in Gewahrsam. Er ist an einem unbekannten Ort, hat keinen Kontakt zur Außenwelt. Danach steht er ein Jahr lang unter Hausarrest.

Der 1976 geborene dänische Dokumentarfilmer Andreas Johnsen hat Ai Weiwei vom Moment seiner Freilassung an über ein Jahr lang begleitet. Man sieht, wie Ai Weiwei langsam wieder an Kraft und Entschlossenheit gewinnt, wie er sich erholt und wie er wieder anfängt, über das Regime und dessen Politik zu sprechen. Wir sind bei dem „Wie“ dabei. Wir sehen Ai Weiwei mit seinem Sohn spielen, mit seiner Mutter diskutieren.

Wir erinnern uns daran, dass auch Ai Weiweis Vater im Gefängnis war, dass also auch Weiwei einmal ein kleiner Junge war, dem die Mutter erklären musste, warum der Vater nicht da war, und dem der Vater erklären musste, warum es Wichtigeres gab, als dafür zu sorgen, dass ein Kind niemals auf einen zu verzichten brauchte.

"Warum gehst Du immer bis an die Grenze?“

China ändert sich gewaltig. Wir sehen das, und man sagt es uns jeden Tag. Dieser Film erinnert uns daran, wie vieles – gerade vom Schrecklichen – sich immer noch wiederholt in China. Der Regisseur fragt Ai Weiwei: „Weiwei, warum gehst Du immer bis an die Grenze?“ Ai Weiwei antwortet, wie vielleicht auch sein Vater schon antwortete: „Ich gehe nicht an irgend eine Grenze. Ich mache nur Gebrauch von meinen Rechten.“

Wer nichts weiß von dem Künstler Ai Weiwei, der wird nach diesem Film nicht viel schlauer sein. Wir sehen sein Ateliergelände, wir sehen ihn auch bei Gesprächen über seine Kunst. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht aber der Prozess, in dessen Verlauf Ai Weiwei wieder er selbst wird.

Aber spätestens wenn wir sehen, mit welcher Akribie er die Zelle rekonstruiert, in der er gefangen gehalten wurde, inklusive der ihn Tag und Nacht bewachenden Beamten, wird uns klar, dass Kunst und Therapie nicht zu trennen sind. Er wird sich klar über seine Lage, indem er sie abbildet, indem er uns die Abbildung zeigt. Vor 100 Jahren erschien Sigmund Freuds Aufsatz, der das Verfahren der Psychoanalyse mit „Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“ beschrieb. Nichts anderes macht Ai Weiwei mit der Rekonstruktion seiner Gefängniszelle.

In der Ai-Weiwei-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau wird nicht nur die erinnerte, wiederholte und durchgearbeitete Zelle gezeigt, sondern auch Handschellen, Kleiderbügel und all das, was die Polizei ihm an Elektronik abgenommen hat. Es ist die Dokumentation einer Gefangennahme und einer Gefangenschaft.

Er erklärt nicht, er zeigt

In dem Film kann man zuschauen, wie anstrengend das Erinnern, das Wiederholen, das Durcharbeiten ist, wie es manchmal über Ai Weiweis Kräfte zu gehen scheint und doch auch, wie seine Kräfte gerade dadurch wieder kommen. Auch unsere Emotionen scheinen Muskeln zu sein, die nur repariert werden können, wenn man sie betätigt.

Natürlich steckt in diesem Wieder-zu-Kräften-Kommen, in dieser Wiederbelebung etwas ganz Altmodisches, etwas, von dem manche behaupteten, es habe mit heutiger Kunst nichts zu tun: Schönheit.

Andreas Johnsen spricht nicht darüber. Er zeigt sie uns. Wir betrachten den Film, und langsam wächst in uns ein Verständnis für die Arbeit eines Künstlers, von dem viele behaupten, er sei nichts als ein Politiker, bestenfalls ein Mann mit Ideen, aber das Physische, das Körperliche der Kunst sei ihm fremd. Nichts falscher als das.

Es ist also nicht richtig, wenn ich sagte, wer nichts weiß über die Kunst Ai Weiweis, wird nach diesem Film nicht schlauer sein. Der Regisseur Andreas Johnsen erklärt nicht. Er zeigt. Wir sind dabei, was immer Ai Weiwei tut. Wir sehen ihn nackt. Es gab schon vor Jahren nackte Performances von ihm. Jetzt aber haben diese Aufnahmen eine andere Bedeutung. Sie erinnern daran, dass er 81 Tage lang jede Minute beobachtet wurde bei allem, was er tat.

Dieser Film ist selbst eine Wiederholung der Polizeibeobachtung. Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten. Johnsen zeigt, dass der andere, der einen beobachtet, nicht der Feind sein muss. Ai Weiwei verwendet den Filmemacher dazu, wieder Vertrauen aufzubauen zu seiner Umwelt. Er nimmt ihn auch mit in seine Stadtwohnung. Von ihr aus blickt Ai Weiwei auf die Botschaft der USA. Ein Sprung nur, und er wäre auf dem Boden der USA. Ein tödlicher Sprung in die Freiheit. Ai Weiwei aber will sie leben.

Ai Weiwei – The Fake Case Dänemark 2013. 89 Min. Ab Donnerstag im Kino.