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Film von Volker Koepp: „Landstück“ zeigt deutsche Entwicklungen in der Uckermark

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Blühende Landschaften.

Foto:

Salzgeber

Hoher Himmel, weites Land – so beginnen viele Filme des Regisseurs Volker Koepp. Im Fall von „Landstück“ ist das nicht anders: Vor der Idee einer ewigen Natur, vielleicht auch eines alle Dinge überwölbenden Geists schrumpft der Mensch – zumal wenn er die Nachtlichter anzündet wie hier in der Uckermark. In der Gegend hat Koepp mehrfach gedreht; einer seiner Filme trug sogar den Namen dieser Region und erwies sich als kluge Reflexion über die politische Restauration nach der deutschen Wiedervereinigung.

„Landstück“ ist jedoch weit mehr als eine Fortsetzung von „Uckermark“ (2002) oder gar „Das weite Feld“ (DEFA, 1976), die sich beide den historischen Veränderungen und den Menschen in der Uckermark widmeten. Die neue Regiearbeit des großen Dokumentaristen Volker Koepp verbindet autobiografische Erinnerungen mit neueren wirtschaftlichen Entwicklungen in der Region nördlich von Berlin, und sie koppelt Koepps eigene Werk- und Werdegang-Geschichte in Archivmaterialien und Rückblicken an diese Entwicklungen.

Die ersten Bilder von „Landstück“ gehören einer jungen Frau. Ihre Mundart verrät die Westdeutsche, doch Blick und Worte besagen, dass sie in der Uckermark eine Heimat gefunden hat – in einem nicht sonderlich einladenden Neubau aus DDR-Zeiten. Bald tschilpen Spatzen, wackeln Gänse aufgeregt zum Futter, trollen sich Schafe auf grünen Wiesen, quieken Ferkel. Dass dies eine schöne Gegend, aber mitnichten ein Idyll ist, lässt der Film schnell deutlich werden – handelt er doch vor allem vom Alltag der Menschen in dieser dünn besiedelten Region. Der Regisseur besucht alt eingessene Dorfbewohner und neu Zugezogene, Öko-Landwirte und Umweltschützer, und in den Erzählungen dieser Leute ersteht ein Weltbild im Landschaftsbild.

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Eine schöne Gegend.

Foto:

Salzgeber

Es ist ein Bild drastischer Veränderungen, seit hier die Landpreise um ein Vielfaches gestiegen sind im Lauf der vergangenen Dekade: von 5000 Euro im Jahr 2005 auf nunmehr 30000 Euro pro Hektar. Man könne als „Kleiner“ keine Flächen mehr zukaufen, seit Landkäufe im großen Stil von Großinvestoren durchgezogen und die Agrarflächen wie Industrien verwaltet werden von Firmen weit weg, erklärt ein Bio-Bauer. Welche Auswirkungen dies auf das komplexe Öko-Gefüge und die Artenvielfalt hat, erklärt der Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises. Er ist ein großer, wuchtiger Mann, der einst als „Schaf-Michel“ in der Uckermark aufgewachsen ist und heute noch mit beiden Ohren einzeln wackeln kann – so, auf Hunde-Art, dirigierte er seinerzeit die Schafe, nachdem sein Hütehund gestorben war. Im Film dekonstruiert Succow nun nebenbei sehr verständlich die Mythen der erneuerbaren Energien.

In den Bildern von Menschen und ihren Geschichten zeigt „Landstück“ eine Uckermark im drastischen Wandel. Lotte Kilian, geboren 1981 in Hamburg, verantwortet die unaufgeregt sensible Kameraführung. Monokulturen, Windkraftanlagen, Tiermastbetriebe und Biogasanlagen verändern das Landschaftsbild. Doch obwohl dies bei aller erzählerischen Ruhe und Poesie ein hochkritischer Film ist, macht „Landstück“ ebenso glücklich wie andere Regiearbeiten Koepps. Das liegt zum einen daran, dass man sich als Zuschauer wunderbar eingebunden und mitgetragen fühlt von den Traditionen einer großen Kulturlandschaft, aber auch daran, dass der Regisseur immer wieder Gesprächspartner, Protagonisten findet, die mit sich selbst als Mensch identifiziert sind, die mit sich im Reinen scheinen. In dieser Hinsicht ist ein älterer Mann besonders interessant, der früher als Raubdrucker arbeitete, west-sozialisiert also, und der nun mit Gleichgesinnten Bio-Agrarwirtschaft betreibt. Wie sehr es in Koepps Filmen immer auch um nicht nur ökonomisch definierte Erfolgs- und Lebensbilanzen geht, macht gerade dieser Mann deutlich in seinen bewusst austarierten Entscheidungen.

Wirklich hinreißend aber ist eine Gruppe alter Frauen, die schon lange in der Uckermark wohnen. Einige von ihnen kamen als Flüchtlinge aus den einstigen deutschen Ostgebieten hierher. „Die alten Weiber von Herrnstein“ – so werden sie scherzhaft von einer Jüngeren genannt – erzählen, wie es war: Als die Russen kamen nach den Krieg, als die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) Pflicht wurden, als das DDR-Erbe nach dem Mauerfall für symbolische Beträge verschleudert wurde. Diese alten Frauen zeigt Koepp als unerkannte Heldinnen des Alltags, denen jede Larmoyanz abgeht. Körperlich mussten sie hart arbeiten, haben Angehörige verloren. Doch sie sagen: „Die konnten uns nicht kaputt kriegen!“ Als Volker Koepp die Runde verlassen will, wird Protest laut: „Du willst doch nicht schon gehen! Nööö. Prost!“


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